«Man kann jeden Tag neu anfangen»
Im ersten Teil des Porträts erzählte Alma Jucker von ihrer frühen Kindheit in Irland, von der Schulzeit hier in der Schweiz, von ersten Erfahrungen in der Erwerbsarbeitswelt und vom Mutterwerden und Muttersein. Der Weg führt nun weiter, die leidenschaftliche Boxerin bildet sich zur Therapeutin aus und eröffnet eine eigene Praxis.
Eine Freundin erzählte mir von Jesper Juul, einem dänischen Erziehungstherapeuten. Als ich wieder einmal am Ende mit meinen Nerven war, lieh ich das Buch «Die vier Grundwerte» in der Bibliothek. Es war so einfach zu lesen. Augenhöhe, nichts von «versagt». Ich kann’s immer wieder probieren, wenn ich in meinen Augen gescheitert bin. Das half mir mega viel. Auch beim Kennenlernen der eigenen Grenzen, auch den Kindern Grenzen setzen, ohne Rabenmutter zu sein. Und wie bei der Flugmaske: Ich kann niemandem helfen, wenn ich selber keine Luft habe.
Ich lernte, zu mir zu schauen. Denn ich war schon oft sehr erschöpft gewesen.
Ich wollte ja mit meiner Familie das Leben geniessen und nicht immer im Ausnahmezustand sein. Weg vom Überlebensmodus! Ich entdeckte, dass es in der Schweiz eine Ausbildung zur Familien- und Paarberaterin nach Jester Juul gab. Ich bewarb mich «sur dossier». Das heisst ohne Gymer oder Grundausbildung. Ich war Pflegeassistentin und hatte die Erfahrung als Mutter. Ich gab mir viel Mühe für die Bewerbung, wurde aufgenommen und machte die vierjährige Ausbildung bei familylab. Meine Mutter, mein Brüetsch und seine Frau boten mir an, die Kinder zu hüten, und ich ging einmal im Monat für vier Tage nach Glarus. Es wurde eine mega intensive Zeit. Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Herkunft. Danach hinaus, Beratungstätigkeit. Es hat sich voll ausgezahlt. Für mich als Mensch, als Alma. Mich kennenlernen, Wünsche, Bedürfnisse, Grenzen, was möchte ich mit meinen Kindern. Was wir seit Generationen mitbekommen haben, hinterfragen. Wie will ich leben? Die Ausbildung war teuer, ich schrieb Stiftungen an. Ich bekam viele Absagen, aber auch Zusagen. Vor dem Schulischen hatte ich Angst. In Irland hatte ich kein Wort Deutsch gesprochen. Mein erstes deutsches Wort in der Schweiz war dann Erdnussbutter, weil ich die so gerne hatte.
Ich wusste, ich musste Berichte und Arbeiten schreiben. Dank der Kulturlegi konnte ich vergünstigt den Deutschkurs «einfach besser» besuchen. Das gab mir mega viel Sicherheit. Dank der Stiftungen und dank meiner Familie und meinem Willen habe ich die Ausbildung gestemmt. Sechzig Prozent in der Gastro, die Kinder, die Ausbildung und Leistungssport – es war viel. Ich machte bei Wettkämpfen mit. Kurz vor dem Ausbildungsabschluss hörte ich auf damit. In jenen Jahren machte ich lauter Dinge, die mich freuten. Ich wollte nirgends kürzertreten. Ich wollte mich nicht durch die klassische Frauenrolle einschränken lassen. Das brauchte sehr viel Disziplin und Zeitmanagement. Jetzt ist die feine Zeit des Lebens gekommen, ich muss nicht mehr alles haben. Ich mache noch Sport, meditiere am Morgen, gehe hinaus in die Natur, male gern. Die Kinder sind nun viel älter, ich kann neu entdecken, was ich mit meiner Zeit machen will. Düreschnuufe. Die Tochter spielt Fussball, ich dachte, ich könne zum Frauenfussball gehen. Da sagte sie: «Nenei, sonst machst du wieder so viel und bist öfters gereizt.» Es war gut, von ihr zu hören, dass ich jetzt viel entspannter unterwegs bin.
Ich habe mir eine Teilselbständigkeit als Familien-, Paar- und Einzelberaterin aufgebaut, was mich sehr freut. Mein Wunsch ist, dass die Leute die Scham abbauen können und sich Unterstützung holen, um etwas zu ändern. Hilfe im Sinne eines Aussenblicks und Hinweise, wie Muster verändert werden können. Man kann jeden Tag neu anfangen. Oft kommen Eltern zu mir, wenn sie herausgefordert sind. Die Kinder schwingen das Fähnlein. Sie spüren, wenn etwas nicht stimmt oder nicht authentisch ist. Sagen wir zum Kind «Jetzt nicht, später», beginnt es zu quengeln. Wenn wir kommunizieren, dass wir jetzt zehn Minuten für uns selber brauchen, erkennt das Kind ein Gegenüber. Das gibt Schnauf in die Situation. Wenn wir den Kindern etwas vorspielen, lernen sie, dass die Gefühle nicht gelebt und gezeigt werden dürfen. Es kommen auch Einzelpersonen zu mir, die Dynamiken verändern und Muster aufbrechen möchten.
Häreluege braucht mega viel Mut, aber Wägluege kann schwerwiegende Folgen haben und braucht viel mehr Energie. Häreluege kann die Dinge einfacher machen. Übung bekommen darin, die eigenen Schwächen in Stärken zu verwandeln.
Die letzten fünfzehn Jahre waren intensiv. Viel Arbeit, die Kinder, die Ausbildung, meine Persönlichkeitsentwicklung. Seit etwa zwei Jahren ist Erntezeit. Im Familienleben, persönlich und im Beruf.
Ich arbeitete auch angestellt als Familienbegleiterin. Ich ging zu den Leuten nach Hause, intensive Geschichten und Schicksale, aber sehr wertvolle Zusammenarbeit. Meist von der KESB aus. Auch dort ging es darum, Muster im Familienzusammenleben aufzubrechen. Die Angst, ihnen könnten die Kinder weggenommen werden, schwingt bei vielen Eltern mit und hemmt viele bis heute, sich Unterstützung durch Beratung zu holen. Ich wünsche mir, dass das geändert werden kann, zum Wohl aller. Die Besuche in meiner Praxis jetzt sind freiwillig. Wobei auch Familienberatung leider kostet, Leute mit der Kulturlegi bezahlen aber weniger. Die Beratungsstellen sind alle überlastet, krasse Wartelisten, die zeigen, wie nötig das Angebot ist. Toll fände ich eine Zusammenarbeit mit Stiftungen, damit die Ratsuchenden günstiger kommen könnten und ich trotzdem etwas verdiene. Ich bin dran.
Ich male so gerne. Einmal im Monat gehe ich zu einer Frau, die den gleichen Stil anbietet, den ich in der Schule hasste – und jetzt liebe.
Ich habe viele Träume, an denen ich arbeite. Mein grösster Wunsch im Moment ist, so arbeiten zu können, wie ich es mir wünsche in meinem Berufsfeld. Und mit den Kindern zu reisen, die Welt anschauen. Malen, lesen, entdecken. Viel davon lebe ich schon. In der Natur sein.
Ein Ziel war, Autofahren zu lernen. Das habe ich erreicht. Super!
Weiterhin frei bestimmen zu können, das ist mein Traum, und den lebe ich. Ein kleines Häuschen wäre auch nicht schlecht. Irgendwann will ich aufs Land…
Aufgezeichnet von Katrin Bärtschi
Dies ist der 2. Teil des «Quartier-Chopfs» mit Alma Jucker. Der 1. Teil erschien in der Ausgabe vom 26. August 2026.