ALMA JUCKER (1. TEIL)

«Ich wollte Ressourcen in mir wecken»

Alma Jucker geht eigene Wege. Und ist an einem Ziel angelangt, das sich aus Schlüsselerlebnissen ergab und das sie sich mit Energie erarbeitete: eine Praxis als Familien-, Paar- und Einzelberaterin. Teil 1 des Porträts erzählt, wie alles anfing.

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Ich bin Alma, geboren 1990 in Nordirland. Wegen des Bürgerkriegs zogen wir in den Süden und lebten dort, bis ich acht war. Ich habe zwei ältere Brüder und eine jüngere Schwester. Wir wohnten in einer anthroposophischen WG zusammen mit Menschen mit kognitiver oder körperlicher Beeinträchtigung. Es gab eine Werkstatt, einen Bauernhof, eine Weberei und eine Wäscherei. Unsere Eltern waren dort Hauseltern. Ich und meine Brüder waren praktisch den ganzen Alltag draussen. Meine bildhaften naiven Erinnerungen zeigen mir das Meer, wilde Beerenbüsche, in denen wir uns versteckten, wenn wir Bälle vom Golfplatz nebenan geklaut hatten, die über den Zaun geflogen waren und die wir später am Strassenrand verkauften. Mit dem Erlös kauften wir uns Schleckzeug beim nächsten Pub-Kiosk.

Als ich acht war, kamen wir in die Schweiz, nach Ittigen, nachher nach Bolligen. Ich ging in die Steinerschule. Daran habe ich gute und schlechte Erinnerungen, so etwa wie alle. Schulisch bin ich ein wenig untergegangen, war Zappelphilippa. Oder Pipi Langstrumpf in der Klasse. Schlechte Leistungen. Positiv ist der Freundinnenkreis, der bist heute besteht. Und das Handwerkliche, Kreative: Malen, Aquarellieren. Wir gingen Schafe scheren, wuschen und kämmten die Wolle, spannen, verwoben und verstrickten sie. Als Kind war das natürlich nicht so toll, aber im Rückblick ist es super. Bunt, lieblich – das war sehr gut.

Ich begann zu rebellieren und war ein bisschen auffällig. Als ich fünfzehn war, starb Vater. Das war keine einfache Zeit. Ich brach die elfte Klasse ab, ich hielt die Schule nicht mehr aus und zog mit sechzehn von zu Hause aus. Zuerst zu einer Freundin, danach in meine erste WG. Ich machte Praktika im Sozialen. Ging also eigentlich zurück zu meinen Wurzeln im Camphill. Mehrere Jahre arbeitete ich mit geistig und körperlich beeinträchtigten Leuten. Ich wollte FABE, Fachfrau Betreuung, werden. Ich verschickte so viele Bewerbungen und erhielt überall Absagen. Vielleicht war ich noch nicht so weit, aber es war sehr frustrierend. Ich arbeitete viel, verschickte viele Bewerbungen, feierte viele Partys mit meinen Freundinnen, wir waren sehr eng und nah unterwegs. Weil ich keine Lehrstelle fand, machte ich eine Anlehre als Pflegeassistentin. Ich würde wenigstens ein bisschen mehr Lohn erhalten. Aber schon während der Ausbildung wurde ich mit meinem ersten Kind schwanger und kam von Solothurn, wo ich zwei, drei Jahre gelebt hatte, zurück nach Bern. Ich wollte dann zu Hause sein, Vollzeitmama, ich genoss die innige Zeit mit dem Kind sehr. Im Nachhinein denke ich, dass ich vielleicht zu anhänglich war. Als mein Sohn neun Monate alt war, wurde ich mit dem zweiten Kind schwanger, beide waren Wunschkinder. Ich nahm mir auch hier wieder Zeit und erhielt nun auch Unterstützung vom Sozialdienst. Alleinerziehend zu sein mit zwei kleinen Kindern ist intensiv. Wir waren oft draussen. Im Wankdorf war es damals noch sehr ruhig. Keine Kinder, ich war die einzige Mutter weit und breit. Es war ein Glück, dass ich dann eine Wohnung im Höfli bekam. Das pure Gegenteil, viel Leben. Und wir sind oft in den Schermenwald oder hinunter an die Aare, auf die Allmend oder auf den Schützenwegspielplatz. In den ersten Jahren drehte sich viel um die Kinder und die Erziehung. Und ich wusste nie wirklich, was «meines» ist. Ich hatte nie ein Hobby, für das ich brannte.

Ich hatte immer Angst vor Gruppen, weil ich so scheu bin und schnell rot werde. Aber als die Tochter jährig war, dachte ich, jetzt sei Zeit, Selbstsicherheit zu finden, ich fing an zu boxen. Dafür war ich Feuer und Flamme. Ich trainierte einmal, später zweimal pro Woche in der Lorraine. Der Sport hilft mir, mental zu entspannen. Ich komme vom Kopf in den Körper und kann mich auspowern.

Dann fing ich an, als Nachtwache auf einer Kriseninterventionsgruppe zu arbeiten. Das war sehr intensiv. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter und meine Freundinnen abwechslungsweise bei den Kindern übernachteten. Nach eineinhalb Jahren kam ich an meine Grenze. Ich kann nicht vierundzwanzig Stunden Leute betreuen. Ich brauchte eine Pause vom Sozialen, wechselte in die Gastro und erhielt drei fixe Tage in der Turnhalle, zuerst in der Küche, später an der Bar.

Irgendwann fehlte mir das Geistige. Auf der Kriseninterventionsgruppe war ich einmal einer Familientherapeutin begegnet. Ich hatte ihr zugeschaut und zugehört und dachte: «Das ist mein Job!» Es war ein Schlüsselerlebnis. Wie sie Dynamiken verstand, wie sie auf Augenhöhe Lösungen suchte und fand – ja, das wärs! Aber sie hatte studiert! Dagegen meine Situation – ich legte die Idee auf die Seite. Aber ich wollte Ressourcen in mir wecken und die Muster meiner Herkunftsfamilie anschauen – so ging ich in die Therapie und begann, an mir zu arbeiten. Und merkte, was das im Alltag mit den Kindern bewirkte! Ich wurde wieder handlungsfähig. Als die sehr junge Mutter und Sozialbezügerin, die ich war, hatte ich mich zuvor auf der Mütter- und Väterberatung und immer wieder auch von Ärzten nicht ernstgenommen gefühlt, sondern bevormundet und stigmatisiert. Ich hatte viel erlebt und im Praktischen gelernt, ich hatte ein Wissen, aber man begegnete mir nicht auf Augenhöhe.

Aufgezeichnet von Katrin Bärtschi

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«Dive & explore». Bilder: zVg
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Dies ist der 1. Teil des «Quartier-Chopfs» mit Alma Jucker. Der 2. Teil erscheint in der Ausgabe vom 30. September 2026.

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