HANSJÖRG WENGER (TEIL 2)

«Ja, ich könnte sagen: Ich bin wieder daheim»

Im ersten Teil des Porträts erzählte Hansjörg Wenger von seiner Kindheit und wie es dazu kam, dass er im Nordquartier landete, einen Quartierverein und den Breitschträff mitgründete. Nun geht es weiter.

Aufgezeichnet von Katrin Bärtschi
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1981: Kurz vor meiner beruflichen Umorientierung. Bild: zVg

Der Breitschträff war sehr gut besucht. Wir konnten warmes Essen anbieten, Getränke sowieso. Und als dann die Jugendbewegung loslegte, konnten die sich jeweils bei uns von den Strassenschlachten erholen. Auch der Breitschträff wollte autonom sein, alle sollten sich einbringen können.

Ich war in noch zwei Vereinen. Im Kukuz – da gab es plötzlich ein Telefon: «Ihr müsst sofort kommen, wir haben ein Haus!» Die Brasserie Lorraine! Man musste einige tausend Franken nur schon für den Vorvertrag aufwerfen. Alle gaben, was sie konnten. Ich machte dann in der Beizengruppe mit, Projektierung, Umbau. Alles immer begleitet von langen Diskussionen. Diese Gruppe verliess ich dann aber wieder, ich konnte ja nicht servieren, schnell kochen oder WC putzen. Es war kein schwerer Entscheid, die Gastronomie liegt mir nicht. Aber ich blieb Genossenschafter.

Der andere Verein war der Verein Ökodorf. Die Idee war, irgendwo im Tessin ein paar Häuser zu kaufen und Landwirtschaft zu betreiben. Da waren auch Leute aus andern Städten dabei. Aber es war ein zu grosses Projekt und kam leider nicht zustande. Wir fanden keine geeigneten Häuser und hatten kein Geld.

Das alles beschäftigte mich sehr neben meinem Hundertprozentjob im Radio. Ich reduzierte auf fünfzig Prozent.

Wir sind nun in den achtziger Jahren. Die Behindertenbewegung war ein Thema. Aber auch unter Behinderten gibt es Ausgrenzungen. Ich habe an einem Skilager für Behinderte teilgenommen, dort ist es zur Sache gegangen, zwischen denen, die kaum den Hügel runterkamen wie ich, und denen, die Abfahrten fuhren. Ursula Eggli, eine sehr engagierte Autorin, schrieb damals das Buch «Herz im Korsett» und eine contergangeschädigte Frau, die ohne Arme und Beine geboren worden war – ihr Name ist mir entfallen – arbeitete und schrieb als Psychotherapeutin. Ich bin sehr dankbar für solchen gesellschaftlichen Einsatz. Die Zeiten haben sich positiv geändert. Damals mussten die SBB Rollstuhlfahrende noch im Gepäckwagen transportieren!

Die Computer kamen auf, noch ganz unscheinbar und ungefährlich. Heute gibt es kein Schaltzentrum mehr im Studio, es braucht auch keine Techniker und Operatricen mehr hinter der Glasscheibe. Ich sah das irgendwie kommen, ich spürte, mein Weg geht aus der Technik raus. Und entschied dann, eine Ausbildung als Sozialpädagoge zu machen, oder afe mal ein Praktikum. Ich kündete nach zehn Jahren beim Radio und stieg als Praktikant im Humanushaus ein.

Zur Anthroposophie war ich noch im Komitee durch eine junge Frau gekommen, die Lehrerin nach Rudolf Steiner studierte. Mit ihrer Klasse konnte ich Verschiedenes anschauen gehen, und eine Woche nach Moskau – das System in den letzten Zügen. Sie ging dann ins Schlössli Ins. Aber Kinder erziehen wäre nichts für mich gewesen. Das Humanushaus dagegen kam mir vor wie die Umsetzung der Ökodorf-Idee.

Ich stieg aus der WG aus, packte mein Zeug auf mein Töffli und fuhr damit ins Humanushaus. Und es ging los. Ein internes Zimmer war damals noch Vorschrift. Ich war mit zuständig für die Betreuung der Leute, die dort lebten. Alles neu für mich. Gemeinsam in einer Werkstatt arbeiten. Das Ganzheitliche interessierte mich sehr. Nach zwei Jahren wechselte ich dann in eine Institution am Bodensee. Die Ausbildung dort war viel professioneller, wir hatten jeweils sechs Wochen Schule am Genfersee. Ich konnte ins zweite Jahr der dreijährigen Ausbildung einsteigen, dann das vierte Jahr der Humanushaus-Ausbildung anhängen und holte so das Diplom. Ich arbeitete als Gruppenleiter.

Die neunziger Jahre. Ich erfuhr, dass eine Stiftung das Rüttihubelbad gekauft habe und dort unter anderem eine Institution für Behinderte aufbauen wolle. Das interessierte mich, auch hatte ich Heimweh nach Bern. Also: Mein Interesse anmelden! Aber alles war noch in der Planungs- und Bauphase. Ich musste ein Zwischenjahr machen und ging nach Dornach. Ich hatte eine Freundin, die dort Heilpädagogik studierte. Ich machte ein sozialästhetisches Studienjahr nach Herbert Witzenmann. Mich interessierte sein philosophischer, erkenntnistheoretischer Umgang mit der Anthroposophie. Das war nicht für die Normalen. Witzenmann dachte lieber selber, als wiederzukäuen. Eine Ausnahme – und so zog er eben Spinner und Spinnerinnen an. Nach der Ausbildung zogen meine Freundin und ich nach Ittigen, in die Nähe des Rüttihubelbades. Sie kam mir entgegen, denn sie hatte eine Arbeit in Zürich und pendelte.

Das Rüttihubelbad war zuerst Freiwilligenarbeit, viel Planung und viele Sitzungen. Aber ich erhielt bald mal einen Vertrag. Wir zogen nach Schafhausen im Emmental in ein altes Häuslein, romantisch, mit Holzheizung.

1998 kam dann unsere Tochter Lara auf die Welt, ein schöner Moment. Später haben wir noch ein Pflegekind aufgenommen, Luca, gleich alt wie Lara. Ich arbeitete achtzig Prozent und hatte so mehr Zeit für die Familie. Ja, es war ein schöner Weg, ich bin zufrieden damit.

Aber nach zwanzig Jahren dachte ich, es reiche nun mit dem Familienleben, ich brauche wieder etwas anderes. Der Pflegesohn war ausgezogen und Lara im Gymnasium. Für meine Frau war das schon ein Schock. Es tut mir bis heute leid, aber es war halt so.

Abgelegen im Biembachgraben, Südhang, sehr sonnig, fand ich eine Wohnung. Wieder nichts Normales! Ich durfte noch daheim bleiben bis zum Umzug. Eine schwere Zeit, aber nachher im Stöckli ist es für mich gut gekommen. Ich hatte alles, was ich brauchte, eine Laube, einen Gemüsegarten. Und der Besitzer ein goldiger Mensch, der einen Stock über mir wohnte. In zwanzig Minuten war ich im Rüttihubel, mit dem Auto obedüre, im Winter war es ein bisschen schwierig.

Dann rutschte ich auf Glatteis aus. Oberschenkelhalsbruch! Da läufst du schon viereckig und dann noch das! OP, nachher Reha, es war Coronazeit – ich hatte doch immer Glück! – es waren nur Einzelzimmer erlaubt, meines gab Aussicht auf den Niesen. Dann eine Weile Altersheim im Rüttihubelbad – ein erster Einblick… Ja, derzeit wüsste ich keinen besseren Ort fürs Alter.

Ich erhielt dann eine Art Wohnungskündigung ohne Zeitdruck, wegen Eigenbedarfs. Und damit sind wir wieder am Anfang dieser Geschichte…

Ja, im Moment bin ich hier happy. Ich bin gern daheim, auf dem Balkon, ein Buch lesen. Im Sommer geh ich auch raus, aber nicht übertrieben. Ja, ich könnte sagen: Ich bin wieder daheim. Ich bin schon Berner. Für Junge und Alte ist die Stadt ideal.

Es wäre schön, wenn ich andere, die damals auch dabei waren, wieder treffen würde. Zu dem Zweck deponiere ich hier gerne meine E-Mail-Adresse: hjw53@gmx.ch

Ein Traum? Darauf bin ich grad nicht vorbereitet. Ich hatte meine Träume, konnte nicht alle verwirklichen, aber es war ein traumhaft schönes Leben. Ein Traum war dieses Porträt. Und nun lasse ich auf mich zukommen, was kommt.

Aufgezeichnet von Katrin Bärtschi


Dies ist der zweite Teil des «Quartier-Chopfs» mit Hansjörg Wenger. Der erste Teil ist in der Ausgabe vom 29. April 2026 erschienen.

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