HANSJÖRG WENGER (TEIL 1)

«Wir machten eine Quartierzeitung, die hiess Nordwind»

Er erzählt zurückhaltend, ruhig, präzise, mit einem versteckten Humor. Und entführt die Schreiberin in sein Leben und in eine vergangene Zeit.

Aufgezeichnet von Katrin Bärtschi
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Reisen als «Entwicklungsmotor»: Hier erste Korsika-Reise 1976.

Seit zweieinhalb, drei Jahren wohne ich wieder im Nordquartier. Wir wohnen zu dritt in einer Vierzimmerwohnung der Stadt Bern. Ich bin sehr gerne ins Quartier zurückgekehrt, wo ich ja schon früher lebte. Die Szene ist ganz anders als damals, der ÖV und die Verkehrsberuhigung viel besser. Und die Kultur! «La Capella» und jetzt auch ein wenig bekanntes Kunstmuseum am Schützenweg!

Geboren bin ich am 7.5.1953 in Bern. Es war eine schwere Geburt. Ich kam recht leblos auf die Welt und es brauchte einiges, bis ich zum Schnaufen kam. Mit zwei Jahren stellte man einen körperlichen Entwicklungsrückstand fest, und von da an bekam ich Physiotherapie. Zuerst wohnten wir am Schönauweg. Ich habe einen zwei Jahre älteren Bruder, ein Bruder und die Schwester kamen fast zehn Jahre nach mir. Wir waren eine typische Arbeiterfamilie, Mutter arbeitete zu Hause mit uns vier Kindern, Vater war Drucker bei der Polyprint. Wir zogen dann in den Weissenbühl. Die erste Klasse im Sulgenbachschulhaus wurde schwierig, im Sozialen. Aber ich hatte einen sehr guten Freund, der auch gemobbt wurde. Wir hatten eine richtig schöne Kinderfreundschaft und hielten zusammen. Ohne das Mobbing hätten wir das vielleicht nicht erlebt.

Das Schulsystem war auch schlimm. Ich konnte mit meiner Hand keine Füllfeder halten, sie zwangen mich aber immer wieder dazu und gaben mir eine Zwei im Schreiben. Zum Glück wurde dann im Rossfeld ein Sonderschulheim eröffnet, wohin ich in der dritten Klasse wechseln konnte. Dort ging es mir super! Wir erhielten Förderung. Ich war im Externat. Zum Glück. So konnte ich um vier nach Hause und hatte noch mein privates Umfeld und die Spielplätze im Quartier.

Wichtig war auch der Wochenplatz in einem Denner. Ich war dort fünf Jahre bis Ende Schulzeit, sah viel, lernte viel, war Bube für alles und verdiente gut. Von anfänglich einem Fünfzgi bis zuletzt fünf Franken – ein Erfolgserlebnis.

Nach der Neunten konnte ich, vermittelt und bezahlt durch die IV, eine Handelsschule machen. Wohl weil man dachte, ich werde danach in einem Büro unterkommen. Es war für mich nicht einfach, wieder mit den Normalen... Die IV finanzierte mir ein Tonband, womit ich die Stunden aufnehmen konnte. Die Hausaufgaben tippte ich dann in die Schreibmaschine. Und wieder hatte ich Glück mit Klassenkameradinnen, die mich unterstützten, wo sie konnten. Es ging also ganz gut. Nur Stenografieren konnte ich nicht. Und ich konnte nicht schnell genug Schreibmaschine schreiben fürs Büro oder für den Beruf eines Schriftsetzers.

Der IV-Berufsberater wollte mich loswerden und schlug vor, dass ich mich beim Radiostudio Bern bewerbe. Das tat ich – und wurde 1970 Praktikant im technischen Dienst. In Bern war das Schaltzentrum, hier wurde von einem Studio ins andere umgeschaltet, Basel/Zürich/Bern. Es war kein beliebter Job, man sass dort und wartete wie in einem Barrierehäuschen auf den Zug. Mir aber hat das Technische total gefallen, ich war da am richtigen Ort. Das Praktikum – ein Test, wie es gehe mit der körperlichen Einschränkung – wurde schon bald in eine Festanstellung umgewandelt. Mithilfe einer elektrischen Schreibmaschine funktionierte es tipptopp. Wir mussten im Sinne eines Logbuchs jede Umschaltung festhalten, und auch, wenn Fehler passierten oder ein Studio ausfiel. Es gab Plattenspieler, Tonbänder, das Pausenzeichen. Ja, es war schon ein verantwortungsvoller Job, aber darüber machte ich mir mit achtzehn nicht allzu viele Gedanken. Wir waren die Letzten, die etwas retten konnten. Mit Musik- oder Sprechbändern. Aber das kam sehr selten vor.

Dank meiner Arbeitskolleginnen landete ich zusätzlich in der Sparte Rock und Pop, wo ich die Redaktoren technisch unterstützen konnte oder bei Direktsendungen mithelfen. Das lag mir! Rock und Pop in den 70ern! Sie arbeiteten nicht gerne mit Leuten, die diese Musik nicht mochten. Dafür haben die vom Volkstümlichen gebeten, dass ich nicht mehr zu ihnen geschickt werde.

Es gab ja auch ein Leben ausserhalb der Arbeit. Jetzt kommen wir zur Gründung der WG an der Wylerstrasse. Eine Frau, die mit mir in der Rossfeldschule gewesen war, ein ebenfalls ehemaliger Schulkollege und ich hatten die Idee, gemeinsam eine Wohnung zu suchen. Sie erfuhr, dass die Drogerie an der Wylerstrasse 43 schloss, und wir durften uns vorstellen gehen. Für die Hausbesitzerin war das etwas ganz Neues, drei Behinderte in einer WG, aber wir erhielten die Wohnung und das Ladenlokal dazu. Dort, wo jetzt das «carpe diem» ist. Es stiess noch eine Frau zu uns, so waren wir zu viert. Ich fuhr immer mit dem Nünitram zur Arbeit.

Eines Tages sah ich, dass die POCH (Progressive Organisation Schweiz) das alte Restaurant Spitz besetzt hatte. Bis da war ich politisch nicht besonders interessiert gewesen, obwohl Vater Gewerkschafter war und wir ein SP-Haushalt. Es brauchte eben noch einen Zünder, und das war diese Hausbesetzung. Ich getraute mich zwar nicht hinein, man wurde von der Polizei registriert und ich wollte meinen Job behalten. Aber ich war dort und kam mit andern ins Reden. Das war ungefähr 1974. Die Besetzung ging gegen die Wohnungsnot und gegen das Spekulantentum!

Das Haus wurde dann trotzdem abgerissen, was uns zur Gründung eines überparteilichen Komitees zur Erhaltung des Wohnquartiers Bern Nord bewegte. Wir zirka 20 jungen Leute trafen einander regelmässig in unserem Wohnzimmer. Wir befassten uns mit dem Quartier, pflanzten Bäume an der Herzogstrasse. Wir machten eine Infoveranstaltung im «Chrueg», aber der Leist sagte, was wir wollten sei eine Utopie. Da wussten wir, was wir vom Leist erwarten konnten. Wir schrieben einen Brief an den Stadtpräsidenten Tschäppät senior und die Bäume stehen heute noch. Grosse Bäume!

Die POCH gab ihr Dossier über den Spielplatz Schützenweg an uns ab. Wir mussten die Idee noch etwas ausbrüten, das Areal gehörte Privaten, die Stadt kaufte es dann. Wir machten Einsprachen gegen Bauvorhaben, wozu wir zugelassen wurden, weil wir öffentliches Interesse geltend machen konnten, man kannte uns langsam… Es war immer ein Bemühen, Kompromisse zu finden, was allerdings selten möglich war.

Wir machten eine Quartierzeitung, die hiess Nordwind und ist noch in der Nationalbibliothek zu finden. Wir berichteten darüber, woran wir arbeiteten, was glückte oder nicht glückte. Wo aus unserer links-grünen Sicht (die damals noch nicht so hiess) etwas getan werden sollte. Immer mehr wurde auch die Kultur unser Anliegen. In Bern fing es an mit der Karajan-Demo, Kulturraum für Junge! Es gab den Gaskessel, aber es brauchte auch in den Quartieren Treffpunkte. Das Thema landete bald auf der Möchtegernliste, die wir regelmässig an die Stadt schickten.

Als es dann in Zürich so richtig abging, meldete sich die Stadt bei uns und sagte, sie hätte ein Haus zur Zwischennutzung und zehntausend Franken. Damit wollten sie eine Besetzung verhindern. Innerhalb von zwei Monaten eröffneten wir im Coiffeurhaus den Breitschträff. Und überlegten uns bereits, was nach eineinhalb Jahren geschehen solle…

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BEA 24. April – 3. Mai 2026 in BERN