«Eines Tages möchte ich ein Buch schreiben» (Teil 2)
Im ersten Teil des Porträts berichtete Layla Gala (Name geändert) von ihrer Kindheit im von Israel kontrollierten Je- rusalem, von ihrer Heirat, den Kindern, dem Weg, der sie in die Schweiz führte. Sie teilte ihre Eindrücke vom Land, in dem sie nun lebt, mit uns und erzählte von ihren Gefühlen beim Gedanken an Palästina im Krieg. Ja, Palästina steht auch im zweiten Teil ihrer Geschichte im traurigen Mittelpunkt. Aber immer ist da auch die Hoffnung …
Da ist etwas in Jerusalem, von dem ich erzählen möchte. Die palästinensischen Frauen dort haben kein Recht. Wenn zum Beispiel eine Frau in Jerusalem lebt, ihr Mann aber in Ramallah, darf er nicht nach Jerusalem kommen. Sie darf nach Ramallah gehen. Also: Wer eine ID von Jerusalem hat, kann anderswo leben. Aber nicht umgekehrt. Und die Kinder einer Frau in Jerusalem mit einem Mann von anderswo erhalten keine Aufenthaltsbewilligung für Jerusalem. Das heisst, sie können dort nicht zur Schule gehen. Aber wenn die Frau in einen Ort unter der Autonomiebehörde wohnen geht, verliert sie das Aufenthaltsrecht für Jerusalem. Das ist ein Mittel, um die Palästinenserinnen und Palästinenser aus der Stadt zu vertreiben. Ja, es gibt sehr viele Regeln, die das Leben in Jerusalem für palästinensische Menschen schwierig machen.
Die arabische Community in der Stadt ist sehr klein geworden, es gibt nicht viele Arbeitsmöglichkeiten. Viele Jugendliche und sogar Kinder werden auf dem Weg zur Schule oder zur Uni von der israelischen Polizei festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Die Familie weiss dann nicht, wo sie sind. Manchmal dauert ein Arbeitsweg plötzlich fünf Stunden, weil Israel neue Checkpoints errichtet hat. Meine Schwester arbeitet in einem Projekt für Frauen in Jerusalem. Eine andere Schwester wohnt in Hebron, sie darf nicht nach Jerusalem kommen, wenn ich dort zu Besuch bin. Weil sie keine Jerusalem-ID hat. Ich besuche sie und muss manchmal drei, vier Stunden am Checkpoint warten. Wenn irgendwo Streit eskaliert, werden alle Kontrollpunkte geschlossen, manchmal für Wochen. Dann sind die Familien getrennt. Eine Woche, einen Monat, viele Monate. Die Bedingungen sind sehr schwierig. So gibt es zum Beispiel in Jerusalem sechs Strassenzugänge zur Moschee. Aber wir wissen nie, welcher Checkpoint offen ist. Manchmal müssen wir die ganze Runde machen, bis wir durch eine Sperre können. So ist unser Leben. Sehr traurig.
Und die Frauen – ich will Frauen unterstützen. Aber ich weiss nicht recht wie. Es ist schwierig für sie, eine Ausbildung zu machen, Arbeit zu finden, einen Mann zu finden. Wenn sie sich in jemanden verlieben, der keine Jerusalem-ID hat und er verlässt sie, haben sie grosse Probleme, ich habe schon davon erzählt. So sind die Gesetze. Aber wir hoffen, dass wir frei sein werden.
Was in Gaza passiert, ist sehr traurig. Die zerstörten Häuser. Ich fühle mich nicht gut beim Gedanken daran. Es sind meine Leute, es ist mein Land.
Das Leben in der Schweiz ist interessant. Ich möchte eines Tages ein Buch darüber schreiben. The real life in Switzerland. Nice and good, but not easy.
In Jordanien habe ich viele Bücher gekauft und ging damit in die Schulen. Englische, arabische und französische Bücher. Neun Jahre habe ich so gearbeitet. Neuerscheinungen. Aus Libanon, Palästina, Jordanien, Deutschland. Ich hatte Kontakt mit einer deutschen Kinderbuchautorin. Der Geruch des Papiers – ich liebe ihn! Ich fotografiere manchmal eure Zeitungen und lasse sie mir im Handy übersetzen. Aber meiner Meinung nach sollten wir zum Papier zurückkehren. Es ist interessanter und komfortabler. Verleger haben mir gesagt, dass weltweit die Menschen Bücher aus Papier bevorzugen.
Ich mag an Bern sehr, dass jedes Quartier sein Zentrum hat. Da habe ich Deutschkurse besucht, ich treffe Leute, sie helfen mir. Velofahren, Leute kennenlernen. Dieses System ist sehr gut. Es sollte überall so sein. Es half mir sehr viel. Auch meine arabischen Freundinnen sagen das. Darüber will ich in meinem Buch auch schreiben. Die eigene Kultur vorstellen, es gibt arabisches Essen und so weiter. Viele Eltern sagen, die Zentren seien auch für ihre Kinder sehr wichtig. Feste feiern! Ich möchte, dass eines Tages in meinem Land diese Idee aufgenommen wird. Es wird der Gesellschaft helfen. Als ich nach dem Tod meines Mannes nicht wusste, wo anfangen, erzählte eine Frau in der Moschee mir vom Quartierzentrum. Auch die Kirche hat mir sehr viel geholfen.
Das alles ist in meinem Herzen und ich werde es nicht vergessen. Wenn du suchst, findest du Unterstützung. Zuerst dachte ich, ich könne hier nicht leben. Aber mit der Zeit begann ich, den way of life zu lieben. Es gibt Nos, aber auch many Yeses. Wie in meinem Land.
Wir leben hier in Ruhe, aber in unseren Herzen ist ein Teil, der immer an Palästina denkt, an unser Land und unsere Familien.
Mein Traum: Dass mein Land wird wie die Schweiz. Dass auch Jordanien so würde. Nach 1967 kehrte sich das Leben in Palästina upside down. Ich möchte, wir hätten Gerechtigkeit wie hier. Und Sicherheit. Ich träume davon, dass zu der alten Kultur geschaut wird wie hier, zu den alten Gebäuden, sogar die Bäume werden hier manchmal durch einen Zaun geschützt. Mein Traum für mein Land ist ein Bildungssystem wie hier. Wer nicht akademisch werden kann, kann eine praktische Lehre machen. Das System hier ist marvellous. Alle haben ein Zertifikat. Das ist sehr gut.
In Jerusalem ist etwas speziell, ich kann es nicht erklären, aber du fühlst es. Auch das Essen hat einen speziellen Geschmack. Vielleicht, weil es dort drei Religionen gibt. Vor 1967 lebten wir sicher zusammen. Und mein Vater sagte mir, vor 1948 lebten alle sehr gut miteinander. Sein Arzt war jüdisch. Die Probleme begannen schon 1948, aber bis 1967 feierten die Religionen ihre Feste zusammen. – Nun habe ich erlebt, dass in der Stadt auf arabische Autos geschossen wird.
Mein grösster Traum: Dass die Besatzung in meinem Land ein Ende findet. Und dass die Frauen Unterstützung erhalten.
Dies ist der zweite Teil des «Quartier-Chopfs» mit Layla Gala (Name geändert). Der erste Teil ist in der Ausgabe vom 28. Januar 2026 erschienen.