LAYLA GALA

«Ich denke immer an die Menschen in Palästina» (Teil 1)

Täglich geschieht Schreckliches in Palästina. Doch der Krieg ist in den medialen Hintergrund gerückt. Unser neuer Quartierchopf stammt aus Jerusalem, Palästina. Um sie in ihrem Herkunftsland nicht in Schwierigkeiten zu bringen, haben wir ihren Namen geändert. Layla Gala weiss ein Lied zu singen über ihr Land. Ein trauriges, schreckliches Lied. Und doch wollen wir auch an den Olivenzweig denken und die Hoffnung nicht aufgeben. – Wir führen das Gespräch halb auf Englisch, halb auf Deutsch.

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Ich bin in Jerusalem in Palästina geboren. Nach meiner Schulzeit habe ich geheiratet und bin nach Jordanien gezogen, für fünfundzwanzig Jahre. Vor neun Jahren kam ich mit meinem zweiten Ehemann in die Schweiz. Ich habe einen jordanischen Pass. Und ein Aufenthaltsrecht für Jerusalem. Aber wenn ich meine Heimatstadt drei Jahre nicht besuche, verliere ich das Aufenthaltsrecht.

Der Schulbesuch in Jerusalem war nicht einfach. Ich ging in eine arabische Schule. Wegen der israelischen Besatzung wurden wir streng kontrolliert. Es gibt viele Checkpoints, sie zu passieren, kostet viel Zeit und manchmal durften wir nicht hindurch. Wir haben immer gehofft, dass es besser wird. Aber es ist schlimmer geworden. Ich schloss die Schule nach zwölf Jahren mit guten Noten ab, sie reichten für die Universität. Aber ich heiratete und machte erst später mein Diplom als Lehrerin.

Ich habe sechs Brüder und drei Schwestern. Mein Vater hatte einen Uhrenladen. Vor der israelischen Okkupation kam er in die Schweiz und kaufte Uhren. Er war in Jerusalemder offizielle Vertreter für Atlantic. Er liebte die Schweiz sehr und wir hatten immer Agenden und Wandkalender von dort. Ich sah diese Bilder und fragte mich: «Gibt es auf der Welt einen solchen Ort?»Und dann hatte ich die Chance, hierher zu kommen und zu sehen: Es gibt! Vater verkaufte auch Longines und Bucherer und er wusste, wie die Uhren geflickt werden konnten. Die Leute waren nicht sehr reich, sie liessen ihre Uhren reparieren. 1966 besuchten uns Leute aus der Schweizer Fabrik. Sie waren sehr happy, weil Mutter für sie kochte. Mutter kam aus Syrien, aber sie kochte palästinensisches Essen. – Nach 1967 war das alles vorbei. Stopped.

Ich habe das Hotel in Grenchen gesehen, in dem mein Vater wohnte, als er in der Schweiz war. – Ich bin stolz auf die Schweiz, weil sie ihre Geschichte nicht löscht. Sie renovieren, aber sie canceln nicht. They don’t crash or damage the history. Neu war für mich, dass nicht nur die Regierung, sondern auch Stiftungen und Organisationen zu den Gebäuden Sorge tragen, zur Natur, zu den Menschen – auch zu den Tieren. Hier kannst du die Vergangenheit und die Zukunft gleichzeitig sehen, in gutem Zustand.

Mit neunzehn heiratete ich zum ersten Mal und zügelte nach Jordanien. Ich bekam zwei Söhne und eine Tochter. Ich hatte zuerst einen Shop mit selbst genähten Kleidern, später machte ich mein Diplom als Lehrerin. Meiner Meinung nach ist es das Wichtigste in der Welt, dass Kinder eine gute Ausbildung und gute Manieren haben. Ein Zertifikat ist sehr wichtig. Du kannst in Palästina Eltern sehen, die ihre Möbel verkaufen, um den Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. Diese ist so wichtig wie Essen. In unserer Kultur ist die Heirat wichtig, aber meine Meinung, meine Erfahrung ist, dass du zuerst eine Ausbildung machen solltest. Danke Gott, ich hatte Erfolg, meine Kinder sind unabhängig, sie können selber zu sich schauen. Ein Sohn ist Rechtsanwalt, einer arbeitet im KI-Bereich. Meine Tochter studierte Computer Science.

Als ich in die Schweiz kam, war es nicht einfach. Weil die Leute in der Schweiz sich von den Fremden distanzieren, insbesondere von Frauen, die das Kopftuch tragen. Jetzt ist das besser, vielleicht seit viele Geflüchtete aus Syrien kamen. Mein zweiter Mann riet mir dann, stattdessen einen Hut zu tragen. Jetzt, da ich fünfzig gewesen bin, ist es nicht mehr so wichtig.

Nach fünfundzwanzig Ehejahren liess ich mich von meinem ersten Mann scheiden. Ich war dann in einem «stylish shop» angestellt. Jordanien ist teuer wie die Schweiz, nur das Essen kostet weniger.

Mein zweiter Ehemann stammte auch aus Palästina, war Schweizer und ebenfalls geschieden. Wir lebten zuerst in Akaba, Jordanien, wo es die meiste Zeit fünfundzwanzig Grad warm ist. Als er Krebs bekam, wollte er zur Behandlung zurück in die Schweiz. Aber Krebs ist Krebs. In der Schweiz oder anderswo. Er ist nach eineinhalb Jahren gestorben. Meine Kinder luden mich dann zu sich ein, aber sie haben ihr eigenes Leben und ich habe mich entschieden, hier zu bleiben. Obwohl das Leben in der Schweiz schwierig ist. So viel Papier! Ich bin siebenundsechzig Jahre alt, es gibt keine Arbeit mehr für mich, aber ich will etwas Gutes tun. Ich unterrichte Kinder in Arabisch. Gute Kenntnis der Muttersprache ist wichtig, weil die Kinder sonst die Eltern nicht verstehen. Und muslimische Menschen sollten Arabisch kennen, um den Koran lesen zu können. Nicht alle Kinder sind motiviert für die Arabischschule. Weil schon die Deutschschule viel Arbeit bedeutet.

Ich versuche, Deutsch zu sprechen. Ich kann lesen, aber nicht so gut sprechen. Ich habe mir für 2026 vorgenommen, besser Deutsch zu sprechen. Reden können ist sehr wichtig, wenn ich hier leben will. Mindestens Hochdeutsch. Ich höre immer Nachrichten über Gaza und Palästina. Wir alle wünschen, dass wir etwas tun können, aber wir können nicht. Mein grosses Anliegen ist es, zu helfen. Wir haben Freunde, Freundinnen und Familie dort. Ich denke immer an die Menschen in Palästina.Wenn es sehr kalt ist, wenn ich esse, wenn ich etwas kaufe. Ich könnte eine von ihnen sein. Und frage mich: «Auf welche Weise kann ich helfen?» Alle Leute, die ich frage, sagen, es gibt keinen Weg. Ich fühle mich so traurig, hilflos, ich möchte etwas machen, aber niemand weiss, wie. Sie sagen: «Die Regierungen wissen nicht wie, wie sollten wir es können?» Aber wir glauben, die Zeit wird kommen, wo wir etwas machen können. Meine Meinung ist, es ist eine Ungerechtigkeit, dass Menschen unter solchen Bedingungen leben müssen. Schon mehr als zwei Jahre. Aber das Leben geht weiter. Ich kann nur zusehen und sagen, es tut mir so leid. Wir sagen «free Gaza», «free Palästina», aber wir reden nur und reden.

Aufgezeichnet von Katrin Bärtschi.

Teil 2 des Porträts folgt in der nächsten Ausgabe.

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