Ein Besuch bei CSL Behring
Das Pharmaunternehmen CSL Behring verarbeitet in Bern gewaltige Mengen an Blutplasma. Beim Besuch der «Hauptstadt» bekennt sich die Chefin Mai Viholm zum Standort.
Mai Viholm hält vor einer Glasvitrine. Die gebürtige Dänin leitet seit zwei Jahren den Berner Standort von CSL Behring. Beim Rundgang durch ihr Unternehmen zeigt sie auf blaue Schutzkleidung, welche sich Mitarbeitende in bis zu drei Schichten anziehen müssen, um in der sterilsten Zone arbeiten zu können. Es braucht eine Ausbildung von sechs bis neun Monaten, um sich in diesen Räumen effizient bewegen zu können. Länger als zwei bis drei Stunden hält es kaum einer aus. «Sie verdienen meinen grössten Respekt», sagt Viholm.
20 verschiedene Berufe
Sie, das sind insgesamt über 1800 Menschen, die für CSL Behring in Bern arbeiten. Gut ein Viertel der Angestellten lebt auch in der Stadt und zahlt hier ihre Steuern. Kein anderes Industrieunternehmen ist so bedeutend, fördert Sport, Kultur, Wissenschaft und – fast noch wichtiger – beschäftigt Menschen in 20 verschiedenen Berufen. CSL Behring ist das Rückgrat der hiesigen Pharmaindustrie und sichert rund 100 Zulieferern aus der Region Aufträge.
Zugleich ist CSL Behring Teil eines global agierenden Pharmaunternehmens mit insgesamt 29 000 Beschäftigten. Das letzte Wort hat nicht die Direktion in Bern, sondern haben die Unternehmensspitzen in den Vereinigten Staaten und in Australien.
Obwohl das Unternehmen nicht irgendwo vor den Toren der Stadt produziert, sondern mitten im dicht besiedelten Wankdorfquartier, dringt nur wenig von dem, was CSL bewegt, nach aussen. CSL ist nie «talk of the town» wie etwa YB, das nur hundert Meter entfernt im Stadion Wankdorf kickt. Auf einem Rasen wohlgemerkt, der im Winter mit der Abwärme des Pharmaunternehmens beheizt wird. CSL ist eher der diskrete Riese: Spiegelnde Glasfronten und spärliche Aussenkommunikation; von einem Stand an der Berner Wirtschaftsnacht einmal abgesehen, tritt das Unternehmen kaum in Erscheinung.
Viholm steht vor einem riesigen Roboterarm, der nach einer Plastikkiste greift, wie man sie von einem Gemüsestand am Märit kennt. Doch in den grünen Kisten liegen nicht etwa Rüebli oder Zucchetti, sondern gefrorenes Blutplasma. Zwei Camions haben diesen kostbaren Rohstoff am selben Tag nach Bern geliefert. Es ist die Plasmaspende von Menschen in Europa und den USA, gespendet an Sammelstellen, die CSL ebenfalls betreibt. Die Menschen geben ihr Blut nicht unbedingt aus Nächstenliebe. In den USA, wo der Verkauf von Plasma legal ist, können Spender*innen mit mehreren Hundert Dollar an monatlichen Einkünften rechnen. In der Schweiz ist die Blutspende gegen ein Entgelt dagegen verboten.
Für CSL Behring lohnt sich der Aufwand, weil Blutplasma die Grundlage aller Produkte ist, die in Bern abgefüllt werden. Blutplasma fliesst neben den roten Blutkörperchen zwar durch die Adern von jedem von uns, doch CSL Behring hat über die Jahre ein ausgeklügeltes Verfahren entwickelt, um nur bestimmte Proteine aus diesem Plasma für Therapien zu nutzen. «Wir brauchen 130 Plasmaspenden, um ein Medikament herzustellen, das einem Patienten ein Jahr hilft», erklärt Viholm. Bei Hämophilie-Patienten seien sogar rund 1200 Plasmaspenden pro Jahr nötig.
Der Verbrauch an Spendenmaterial ist bei der Biotherapie also vergleichsweise hoch. Hinzu kommen Herausforderungen, die eher aus der Lebensmittelbranche bekannt sind: Kühlketten, Verfallsdaten und Reinlichkeit – all dies spielt bei der Produktion von CSL in Bern eine Rolle.
Eine sterile Welt
Wobei sich die Reinheitsvorschriften in ganz eigenen Sphären bewegen. Jedes noch so kleine Partikel muss verbannt, Bakterien und Viren der Garaus gemacht werden. In viele Räume setzt aufgrund der hohen Automatisierung ohnehin selten ein Mensch einen Fuss. Tut er es doch, muss er sich entsprechend vorbereiten und die eingangs erwähnte Schutzkleidung anlegen.
Sind diese Hürden genommen, füllen Maschinen – von Menschen überwacht – die fertigen leicht gelblichen Flüssigkeiten in Flaschen ab. Die Anwendungsbereiche dieser Therapien sind recht breit: Sie kommen bei Herz-Kreislauf- und Nieren-Erkrankungen und Autoimmunkrankheiten zum Einsatz, oder im Rettungswagen, wenn eine Blutung rasch gestoppt werden muss. Weltweit können laut Viholm nur zwei bis drei andere Unternehmen in vergleichbarer Qualität und Menge Biotherapien herstellen. Die weitere Tour zeigt, woran das liegen könnte.
Viel Geld für Bern
An diesem Nachmittag zeigt Mai Viholm grösstenteils vollautomatisierte Produktionsanlagen, in denen grosse Mengen Plasma gereinigt, aufbereitet und gespalten werden. 1,5 Milliarden Franken hat das Unternehmen in den letzten zwei Jahrzehnten in Bern investiert. 2018 kam ein hochmodernes Gebäude für die Immunglobulin-Herstellung hinzu. Kühler Beton, klare Kanten und glänzende Kessel, die bis zu 800 Liter fassen können: Das Gebäude vereint auf beinahe kuriose Art und Weise Elemente einer Bibliothek mit denen einer Käserei. Und das in den Dimensionen eines unterirdischen Bahnhofs, wie man ihn vom Hauptbahnhof in Zürich kennt. Die Kapazitäten der Berner Produktion sind entsprechend hoch. Viholm berichtet von sieben Millionen Litern Blutplasma, die in Bern jährlich verarbeitet werden. 22 Millionen Flaschen verlassen pro Jahr das Werk.
Und es könnten sogar noch mehr werden. Im kommenden Jahr soll eine neue Verpackungslinie eröffnen und das Unternehmen will zusätzlich zu den bestehenden zwei Schichten auch eine Nachtschicht einführen.
Breites Engagement
Die CSL bietet der Stadt etwas, was ihr ansonsten fehlen würde: Einen international vernetzten, vor Ort produzierenden Grosskonzern. Das ist weniger banal, als es sich anhört. «Das Unternehmen bildet aus und versammelt ganz unterschiedliche Berufsgruppen: vom Lageristen über die Staplerfahrerin bis hin zu Hightech-Arbeitern», so Amrein. «Das dient auch dem sozialen Frieden.»
Hinzu kommt das Entwicklungszentrum, welches CSL auf dem Campus des Insel-Spitals (sitem) betreibt. Dort ist das Unternehmen wichtiger Ankermieter. Ginge das Unternehmen von dort wieder weg, stünde wohl das gesamte Zentrum zur Disposition.
Zum sozialen Frieden mögen auch die zahlreichen Sponsoringaktivitäten von CSL Behring beitragen. Oder in den Worten Viholms: «Wir möchten den Mitarbeitenden und der Stadt etwas zurückgeben.» Das zeigt sich im Stadion Wankdorf, das vis-à-vis vom Hauptsitz des Unternehmens liegt. Dass das Stadion überhaupt wieder diesen Namen trägt, ist auf das Engagement des Pharmaunternehmens zurückzuführen. Seit 2019 ist der Pharmariese offiziell Hauptpartner des Stadions und sicherte sich in dem Zusammenhang die Namensrechte – die Tage des «Stade de Suisse» waren damit gezählt.
Was wäre Bern ohne CSL?
Mai Viholm führt den jüngsten Stellenabbau auf eine Neuausrichtung des gesamten Konzerns zurück. CSL kaufe mehr Wissen von externen Anbietern dazu und konzentriere seine Forschungs- und Entwicklungsarbeit ausserhalb von Bern. In der Schweiz beispielsweise in Zürich.
Das Werksgelände von CSL liegt im Wankdorfquartier. In der Nachbarschaft sind neben YB auch das Bundesamt für Polizei (fedpol) und das Berner Stadtlabor.
Bekenntnis zum Standort
Im Gespräch mit der «Hauptstadt» bekennt sich Mai Viholm klar zum Standort: Bern sei einer der produktivsten Standorte weltweit. «Wir haben in der Plasma-Sparte mehr Nachfrage nach unseren Produkten, als wir liefern können», so Viholm. Zudem habe das Unternehmen im Zuge der Neuausrichtung Bern als einen von nur drei globalen «Hubs» für den Technologie-Transfer ausgewählt.
All das macht sie zuversichtlich: «Unseren Standort wird es auch in fünf Jahren noch geben», sagt sie.
www.cslbehring.ch/uber-uns/standort-bern
Dieser Beitrag erschien als Erstveröffentlichung auf hauptstadt.be. Dies im Zusammenhang mit der AfdN-Medienpartnerschaft mit dem Berner Online-Magazin. In der AfdN-Version ist er leicht gekürzt und aktualisiert, die vollständige Version findet sich auf www.hauptstadt.be > CSL Behring.
LANGE GESCHICHTE
Was 1949 unter dem Dach des Schweizerischen Roten Kreuzes als erster Blutspendedienst der Schweiz (ZLB) gegründet wurde, blickt bis heute auf eine spannende und vielfältige Geschichte zurück.