«Der Kobold fährt auf der Ladung mit»
Denise Schläppi ist keinen geraden Weg gegangen, sie ist ihren Intuitionen gefolgt, hat Wünsche verwirklicht und ist – geboren im Simmental – via Norwegen schliesslich in Bern gelandet. «So wohl mit mir selber wie nie.»
Ich fange gerne damit an, wo ich grad stehe in meinem Leben: So wohl mit mir selber wie noch nie. Im letzten Jahr machte ich mich selbstständig. Das ist ein riesengrosses neues Kapitel, das mich sehr vereinnahmt, natürlich, aber das ich sehr spannend finde. Ich habe eine Praxis als Traumatherapeutin IoPT (identitätsorientierte Psycho-Trauma-Theorie) eröffnet. Mit Menschen arbeiten – es fasziniert mich, ist sinnstiftend und nachhaltig. Eine eigene Firma – da kam ganz viel auf mich zu, wovon ich keine Ahnung hatte. Im letzten Jahr geschah ein einziges Wachstum. Ich kann jetzt von meiner Arbeit leben. Neben den Einzelbegleitungen biete ich neu ein Viermonats-Begleitprogramm an. The Story of Your Life – matters! Es geht sozusagen um Selbstbegegnung. Was ist das Anliegen? Das heutige Symptom ist der Wegweiser zu seinem Ursprung. Autonomie ist sehr wichtig, die KlientInnen bestimmen das Tempo, wie lange wir dranbleiben und wie tief es gehen soll.
Manche Menschen wünschen eine Eins-zu-eins-Therapie, andere möchten ein Gruppensetting, das bringt eine sehr wertvolle Mehrdimensionalität. The Story of Your Life – du erhältst eine Art innere Landkarte. Was zügelt mir heute am meisten Energie ab? Unvermeidlich tauchen da prägende Ereignisse und Verletzungen aus der frühkindlichen Entwicklung auf. Mit denen wir dann arbeiten. Oft geht es auch um Reizüberflutung. Nicht mehr zur Ruhe kommen. Ich rede von KlientInnen, nicht PatientInnen. Denn ich habe nicht den pathologisierenden Blick. Sehr viele Symptome sind eine Konsequenz von Erlebtem, eine logische Folge, eine Anpassungsleistung. Das innere, etablierte Regelwerk war vielleicht einmal die beste Möglichkeit, mit einer Situation umzugehen, ist heute aber nicht mehr nötig. Meine Arbeit ist eigentlich Entkoppelung von der Vergangenheit und dem Jetzt.
Ein Trauma ist eine offene Wunde. Es gibt Traumata mit grossem T, sage ich immer, Schocktraumata: Krieg, Vergewaltigung, Naturkatastrophen. Ich arbeite vor allem mit Traumata mit kleinem t: Das Einzelereignis an sich ist vielleicht nicht sehr schlimm, aber durch seine Wiederholung, die daraus entstehenden Dynamiken und weil die betroffene Person allein damit umgehen muss, kann es schlimme Folgen haben.
Ein Beispiel: Eine Klientin hatte, als sie klein war, wenn etwas Unfaires geschah, Wutanfälle, mit denen die Eltern nicht umgehen konnten. Sie hoben das tobende Kind jeweils an Händen und Füssen auf, als «erzieherische Intervention». Sie merkten nicht, dass da eine Not und Verzweiflung Ausdruck suchte. Das Verhalten der Kinder hat immer einen Grund. Wenn die Eltern nicht verstehen oder das Kind sogar beschämen, muss es eine innere Antwort finden – oft: Ich bin schuld, ich bin falsch. Auch die Klientin sagte: «Es war ja nicht so schlimm.» Bis sie zu mir kam, wusste sie nicht, dass diese Erfahrungen des Bodenverlierens eine grosse Bedeutung auch für ihre Gegenwart hatte. Manchmal sagten Klientinnen: Ich bin jetzt sechzig und habe bis heute die Perspektive der Eltern in mir getragen. Zum Beispiel: «Jetz tue nid so, bisch hysterisch!»
Es geht nie um Schuldfragen, nur um Konsequenzen. Es geht um das Erleben, das unverhandelbar ist und von niemandem abgesprochen werden kann.
Bei der erwähnten Frau wirkten sich die kindlichen Erfahrungen so aus, dass sie Mühe hatte, Nein zu sagen. Im Job zum Beispiel. Unsicherheit: Bin ich falsch oder ist die Situation nicht in Ordnung? Das Wesen Mensch ist so aufgesetzt, dass es immer in die Situation zurück will, die es sich gewöhnt ist. Wiederholungen sind daher kein Zufall.
Vieles wissen wir dabei nicht mit dem Kopf, aber mit dem Körper, dem Nervensystem. Ich versuche, dass alles eins wird. Dass Vergessenes und Verdrängtes ins Bewusstsein kommen können.
Das Gesundheitswesen ist in zwei Bereiche aufgeteilt: Medizin (Körper) und Psychiatrie / Psychologie (Psyche). Das ist aus meiner Sicht absurd. Wenn man sich schon nur überlegt, dass die Psyche eines Säuglings sich durch das körperliche Erleben entwickelt. An der Schnittstelle von beidem geschieht Faszinierendes und dort arbeite ich, damit Symptome zur Ruhe kommen können.
«Die Geschichte deines Lebens» – die Antwort liegt in der Klientin, dem Klienten. Fühlen ist Wissen. Wenn wir etwas nur mit dem Kopf wissen, wissen wir es nicht. Erst durchs Spüren kann es integriert werden und zur Ruhe kommen.
Die englischen Ausdrücke ergeben sich daraus, dass wir als internationale Gruppe zusammenarbeiten. Ich habe fünf Jahre in Norwegen gelebt und einen grossen Teil meiner Ausbildung auf Norwegisch gemacht. Zweieinhalb Jahre dieser Norwegenzeit habe ich auf Spitzbergen gewohnt. Das heisst, ich bin bis dort hinauf geflüchtet, um von mir wegzulaufen, aber ich nahm mich immer mit. In Norwegen gibt es einen herzigen Ausdruck: Nissen følger med på lasset – das heisst: Der Kobold fährt auf der Ladung mit.
Ich bin am 15. Februar 1981 geboren und an der Lenk aufgewachsen. Ich habe einen jüngeren und einen älteren Bruder. Mein Vater arbeitete bei den Bergbahnen und meine Mutter war daheim und im Frauenverein. Und hatte immer einen wunderschönen Garten. In meiner Kindheit hatte ich zwei grosse Leidenschaften: Skifahren in der JO und Rettungsschwimmen. Damals dominierten Lasse Kjus und Kjetil André Aamodt nebst den Schweizern den Skiweltcup. Beide fand ich lustig und als ich dann mit fünfundzwanzig wusste, dass ich hier weg musste, zog es mich nach Norwegen. Ich bin nicht so der Südentyp und Skandinavien kam mir für eine alleinreisende Frau sicherer vor. Aber vorerst ging ich nach der Schulzeit an der Lenk nach Thun/Spiez an den Gestaltungs-«Semer». Als absolutes Landei ging ich mit dem Schwyzerörgeli an die Aufnahmeprüfung, die andern mit Querflöte und Piano …
Mit sechzehn zügelte ich mit einem der Brüder ins Gwatt. Als der dann in die RS ging, verbrachte ich abends Stunden in der Spinnhuppeletelefonzelle, um mit meinen Freunden und Freundinnen zu telefonieren. Ich zog dann nach Spiez in eine WG.
Nach dem «Semer» unterrichtete ich nur kurz, machte den gestalterischen Vorkurs in Biel und begann, an der HKB in Bern freie Kunst zu studieren. Ich zog mit zwei Freunden in eine WG. Nach einem halben Jahr brach ich das Studium ab. Ich steckte in einer schwierigen Beziehung und ertrug es nicht, dass meine Kunst bewertet wurde. Auch heute als Therapeutin geht es mir um Wertfreiheit. In mich schauen und verstehen. Damals war die Methode die Kunst.
Von meinem Götti, der eine Autogarage hat, lieh ich einen kleinen Mitsubishi-Bus. Er half mir, ein Bett und ein Chucheli einzubauen und ich fuhr los Richtung Norden.
Aufgezeichnet von Katrin Bärtschi