Grusel, Musik und Begegnungen
Eine Geisterbahn im Kirchgemeindehaus, tanzende biblische Figuren in der Kirche und eine Ausstellung über Menschen in prekären Arbeitswelten: Mit der Themenwoche «Von Heiligen und Geistern» nähern sich die Kirchgemeinde Bern-Nord und die Pfarrei St. Marien der dunklen Jahreszeit aus unterschiedlichen Perspektiven.
Im Kirchgemeindehaus Johannes stapeln sich Kürbisse, Spinnweben und alte Bettlaken. Ein Lichttechniker testet den Nebel, irgendwo klappt ein Sargdeckel zu: Es ist wieder Zeit für die Quartiergeisterbahn. Sie findet bereits zum dritten Mal statt. Für die jüngeren Kinder beginnt sie am Nachmittag mit einer entschärften Version, später am Abend wird es intensiver. Wem es zu viel wird, kann sich hinausbegleiten lassen.
Kaum irgendwo zeigt sich die Quartierarbeit der Kirchgemeinde so unmittelbar wie hier. Rund 15 Freiwillige helfen bei den Vorbereitungen und während des Anlasses mit. Sie bauen die Kulissen auf, bedienen die Kasse und kümmern sich um Verpflegung. Einige bringen Material von zu Hause mit, andere verkleiden sich als Hexe oder Monster und tauchen unvermittelt zwischen den Gängen auf. Zum Team gehört überdies ein professioneller Lichttechniker. «Vor allem das gemeinsame Vorbereiten verbindet», sagt Pfarrerin Sonja Gerber. «Mitarbeitende und Freiwillige werden zu einem Team.»
Wo das Quartier zusammenkommt
Die grosse Nachfrage hat dazu geführt, dass die Geisterbahn länger geöffnet bleibt als früher. Schlangestehen dürfte aber weiterhin Teil des Erlebnisses bleiben. Das ist auch gewollt: Schon beim Anstehen kommt man miteinander ins Gespräch, lange bevor drinnen der erste Geist wartet. So wird das Warten zum Teil des Quartiertreffs.
So selbstverständlich die Geisterbahn inzwischen zum Quartier gehört, so ungewöhnlich ist ihre Verbindung mit der Kirche. Eine Geisterbahn, organisiert von einer Kirche? Für die Verantwortlichen war diese Irritation Anlass, genauer hinzuschauen. Was verbindet den populären Brauch mit den christlichen Traditionen rund um Allerheiligen und Allerseelen? Und wie lässt sich in einer Kirche über Tod, Endlichkeit und das Unheimliche sprechen, ohne dass es gleich ernst und belehrend wird?
Aus diesen Fragen entstand die Themenwoche «Von Heiligen und Geistern», mit der die Kirchgemeinde Bern-Nord und die Pfarrei St. Marien vom 23. Oktober bis 1. November ins Quartier einladen. «Sie will keine fertigen Antworten liefern, sondern sich dem Dunklen spielerisch, musikalisch, sinnlich und lustvoll nähern», sagt Sozialarbeiterin Monika Clemann.
Eine biblische Geschichte in Bewegung
Wie das aussehen kann, zeigt der Gottesdienst «Unheimliches in En Dor». Im Mittelpunkt steht die biblische Geschichte von König Saul, der eine Totenbeschwörerin aufsucht, um den Geist des verstorbenen Propheten Samuel aufzurufen. Vier Tänzerinnen der Gruppe «Tanzgarten» übernehmen einen Teil der Erzählung und nutzen dafür den ganzen Kirchenraum als Bühne. Die Musik reicht vom «Danse macabre» bis zum Soundtrack von «Ghostbusters». «Damit entsteht eine Geschichte, die man nicht nur hört, sondern sinnlich miterlebt», sagt Sonja Gerber.
Allerheiligen neu entdeckt
Wer heute an «Heilige» denkt, hat meist Figuren aus der Kirchengeschichte vor Augen. Die Ausstellung «Alltagsheilige. Wer in diesem Land die Arbeit macht» des Künstlers Daniel Lienhard dreht diese Vorstellung um. Sie zeigt Statuen von Heiligen, die als Menschen aus prekären Arbeitswelten inszeniert werden – etwa als Fernfahrer, Kassiererin oder Verpackerin. «Die Bilder stellen die Frage, wer in unserer Gesellschaft gesehen wird und wer nicht», sagt Pfarrerin Mirjam Wey. Sie hatte die Wanderausstellung entdeckt und war so begeistert, dass sie sie ins Nordquartier holte. Zur Vernissage spricht der Sozialwissenschaftler Carlo Knöpfel. Beim Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst zu Allerheiligen wird die Frage weiter diskutiert: Was ist uns eigentlich heilig?
VOM FILMABEND BIS ZUM KONZERT
Die Themenwoche der Kirchgemeinde Bern-Nord und der Pfarrei St. Marien verbindet Grusel, Musik und Begegnung und richtet sich an Menschen jeden Alters.
Den Auftakt der Themenwoche macht am Freitag, 23. Oktober, Tim Burtons «The Nightmare Before Christmas». Tags darauf verwandelt sich das Kirchgemeindehaus in die Quartiergeisterbahn. Der Sonntag beginnt mit dem szenischen Gottesdienst «Unheimliches in En Dor» mit der Tanzgruppe «Tanzgarten», am Abend folgt das Konzert «Geistertanz und Götterruf» mit Sopran, Trompete und Orgel.
Weiter geht es am 30. Oktober in der Pfarrei St. Marien mit dem Sofagespräch «Halloween, zwischen Kultur und Kommerz». Das Gruselfest soll dabei historisch und kulturell beleuchtet werden, auch kontroverse Stimmen sind vorgesehen. Am Tag darauf wird im Kirchgemeindehaus mit der Vernissage die Ausstellung «Alltagsheilige» eröffnet. Den Abschluss der Themenwoche bilden am 1. November der ökumenische Gottesdienst zu Allerheiligen in der Johanneskirche und die Gedenkfeier für Verstorbene in der Marienkirche. Die Ausstellung kann hingegen noch bis Ende Monat besucht werden.
Die Anlässe sind kostenlos und ohne Anmeldung zugänglich. Für die Geisterbahn wird ein kleiner Unkostenbeitrag erhoben.
Für die Gruseleffekte sorgen – mit viel Herzblut – ein Team von Freiwilligen und ein Lichttechniker.