Warum es an der Schänzlistrasse von Ärzten und Pflegepersonal wimmelt
Am südlichen Rand des Nordquartiers ist seit dem späten 19. Jahrhundert und dem Bau des Salem-Spitals ein einzigartiges Ballungszentrum für Medizinal- und Altersangebote entstanden.
Bei einem Gang durch die Schänzlistrasse ist es augenfällig: Auf der Länge von rund einem Kilometer befinden sich an den ungeraden Hausnummern Einrichtungen aus dem Medizin- und Altersbereich, begonnen beim Diaconis-Pflegeheim im Haus Oranienburg an der Nummer 15 bis zur Altersresidenz Tertianum Viktoria an der Nummer 65 bei der Brücke zum Kursaal. Eine Ebene weiter unten setzt sich das Bild an der Schänzlihalde mit Spezialpraxen und der Klinik Beau-Site fort, die wie das Salem-Spital heute zur Hirslanden-Gruppe gehört.
Das im Volksmund schlicht «Salem» genannte Krankenhaus steht am Ursprung dieser Entwicklung, die zu einer schweizweit einzigartigen Dichte geführt hat. Zur Erklärung ist ein Blick in die Zeit um 1840 nötig. Die Altstadt quillt damals aus allen Nähten. Geheizt wird mit Holz, die Luftqualität ist schlecht, das Abwasser versickert ungefiltert, Krankheiten werden oft falsch oder gar nicht behandelt.
Raus aus der Stadt
Ein Gegenmittel sind Vernunft und religiöse Barmherzigkeit. 1844 errichtet die Patriziertochter und Pietistin Sophie von Wurstemberger an der Aarbergergasse 26 eine Krankenstube und kümmert sich mit ihren adeligen Freundinnen um schwer kranke Patienten. Sie stellen eine Magd ein, etwas später kommen die Diakonissen dazu. Die Vorurteile gegenüber den «Betschwestern» verfliegen rasch, der Bedarf an Beistand und Hilfe ist gross. Der baldige Umzug der Stube an die Brunngasse und später in die Nydegglaube verbessert die prekäre Raumsituation nur vorübergehend.
Die Bevölkerung wächst ungebremst. Gleichzeitig ist die Sicherheitslage stabil, ein Gang über die Schutz bietende Stadtbegrenzung ist möglich. Die Ideallösung für den Platzmangel bietet sich ausserhalb der Aareschlaufe mit der grossflächigen Erschliessung von Bauland. Wichtige Verkehrsbauten begünstigen diese Bewegung, so der Altenbergsteg 1834 und die «Rote Brücke» 1858. Endgültig erschlossen wird das Gebiet um den Viktoriaplatz 1898 mit dem Bau der Kornhausbrücke. Zeitgleich zum Bau der «Roten Brücke» löst die Eröffnung des Bahnhofs im Wylerfeld einen Entwicklungsboom von der westlichen Flanke des Nordquartiers her aus – der heutige «Breitsch» wird zum perfekten Boden für Neuinvestitionen.
Dass gerade die nördlichen Hänge und Plateaus oberhalb der Aare begehrt sind, erklärt sich aus der gesellschaftlichen Entwicklung. Unten am Fluss, mit Tendenz zu schattigen, feuchten Stellen, siedeln sich Industrie und Gewerbe samt Arbeiterquartieren an – so die Matte als damaliger Lebensort der ärmeren Schichten, Überschwemmungen inbegriffen. Die erhöhte Lage mit stärkerer Sonneneinstrahlung und Blick auf Stadt und Alpen oberhalb des Altenbergs ist aus Kostengründen bald den «Mehrbesseren» vorbehalten. Wohlhabende Bürger und Fabrikanten lassen sich hier bis in die Zeit der Belle Epoque standesgemässe Häuser wie die «Villa Schänzlihalde» von 1911 errichten, in der sich seit 1945 das erwähnte «Beau-Site» befindet.
Die Maxime der Zeit
Dass das «Salem» ebenfalls hier erbaut wird, ist nicht nur der Gunst der Stunde und – je nach Sichtweise – Gottes Willen zu verdanken, sondern entspricht der damaligen Sanatoriums-Maxime. Überall in der Schweiz und in Europa entstehen in dieser Zeit an ähnlichen Stellen solche Einrichtungen. Spitäler werden vorzugsweise an erhöhten sonnigen und ruhigen Lagen im Grünen abseits der städtischen Emissionen installiert. Trotzdem ist eine gewisse Nähe für den speditiven Warentransport nötig. Die damals noch Schanzenberg genannte Zone liegt perfekt für solche Ansiedlungen. Der Begriff «Schanze» ist militärischer Natur.
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts werden konkrete Pläne verfolgt, die grosse Kaserne hier anzusiedeln, um die strategisch günstige Lage zu nutzen, bevor die grössere Freifläche des heutigen Kasernenareals den Ausschlag zum Bau von 1878 gibt.
1855 heiratet Sophie von Wurstemberger Johann Friedrich Dändliker. Er ist ebenfalls überzeugter Pietist mit viel Geschäfts- und Praxissinn und führt das Diakoniewerk nach ihrem Tod 1878 mit ihrer Freundin Jenny Schnell weiter.
1888 wird das «Salem» als Diakonissen- und Ausbildungsspital eingeweiht – namensgebend ist der biblische Ort. Dass Dändliker das Projekt realisieren kann, ist der finanziellen Unterstützung seines Freundes- und Gönnerkreises aus dem Berner Bürgertum zu verdanken. Um die Jahrhundertwende stirbt Dändliker, und Jenny Schnell, die er 1880 geheiratet hat, führt das Werk bis zu ihrem Tod 1916 weiter. Eine Führungskrise endet 1922 mit der Einsetzung der ersten Oberin und einem Pfarrer als neuem Hausvater. Die baldige Anerkennung der Pflegeausbildung durch das Schweizerische Rote Kreuz ist entscheidend, um später auch freie Schwestern, die keine Diakonissen werden wollen, ausbilden zu können.
Friedrich Dürrenmatt und die Kirche
1951 bekommt das Spital ein literarisches Denkmal. Der fiktive Krimi «Der Verdacht» von Friedrich Dürrenmatt spielt massgeblich im «Salem». Dass Dürrenmatt diesen Schauplatz wählt, basiert auf persönlichen Gründen. Sein Vater Reinhold entscheidet sich 1935, Konolfingen zu verlassen und die Pfarrstelle im «Salem» anzutreten, wo er auch Seelsorger der Diakonissen wird. Die Familie zieht in die Stadt, was bei Friedrich im Teenageralter Verzweiflung auslöst.
In jüngerer Zeit signifikant für die Entwicklung sind die Eröffnung der Station für Palliative Therapie 1995 in der Oranienburg und die Inbetriebnahme der Villa Sarepta an der Schänzlistrasse Nummer 19 als Seniorenresidenz 1998. 2002 verkauft das Diakonissenhaus das «Salem» an die Hirslanden-Gruppe, 2011 folgt die Neuausrichtung der Stiftung unter dem Namen Diaconis. 2026 setzt sich die Entwicklung mit dem Einzug des Hospizes Mon Soleil an der Schänzlistrasse 15 fort.
Doch liefert der «Salem»-Bau 1888 nur einen Teil der Begründung für das heutige Bild. Denn das Terrain ist damals schon vorbereitet. Bereits 20 Jahre früher, 1868, errichtet Horace Edouard Davinet – der Architekt entwirft auch das Grandhotel Giessbach oder das Victoria-Jungfrau Interlaken – an der Stelle des Tertianum Viktoria an der Schänzlistrasse 65 die Pension Victoria, die sich auf Sanatoriumsgäste spezialisiert. Für die Pflege sind anfangs ebenfalls die Diakonissen zuständig. Eine Gruppe von Belegärzten übernimmt den bald zum Viktoriaspital ausgebauten Betrieb in den 1880er-Jahren und setzt um die Jahrhundertwende das Institut der Barmherzigen Schwestern von Ingenbohl für die Führung ein.
1958 wird das «Victoria» abgebrochen und durch einen Neubau des Tessiners Bruno Brunoni ersetzt, inklusive der römisch-katholischen Kapelle an der Schänzlistrasse 63 – das evangelisch-reformierte «Pendant» an der Nummer 27 von Hans Bracher und Willy Frey stammt von 1949/50.
Davinet baut zwischen 1904 und 1906 nebst dem Haupthaus auch eine Jugendstil-Dependance an der Sonnenbergstrasse 14, die 1973 saniert wird. 1990 schliesst das Kloster Ingenbohl das Viktoriaspital aus wirtschaftlichen Gründen und richtet ein Alters- und Pflegeheim ein. 2004 macht dieses weltweit Schlagzeilen, als Papst Johannes Paul II. dort während seines Bern-Besuches übernachtet. Zwischen 2009 bis 2017 entstehen im Schänzlihaus an der Nummer 63 und in der Sonnenberg-Dependance Alterswohnungen. 2020 übernimmt die Tertianum Gruppe vom Institut Ingenbohl sämtliche Aktien.
Leben, Show und Tod
Der dritte wichtige «Player» in der örtlichen Entwicklung ist der Kursaal. 1860 lässt der Grosshändler Emanuel Lanz als erste ständige Liegenschaft eine Sommerwirtschaft im «Laubsägeli»-Stil errichten. 1873/74 folgen ein Musikpavillon, eine Stützmauer zur Erweiterung der Terrasse und ein Saalanbau mit Unterhaltungsbühne. Vor dem Bau der Kornhausbrücke ist kurzzeitig sogar ein Seilbahnprojekt vom Waisenhausplatz her ein Thema. 1903 gründet eine Gruppe von Berner Hoteliers und Geschäftsleuten die «Kursaal- und Sommerkasino-Gesellschaft Schänzli», um den Betrieb zu professionalisieren und Überbauungspläne für ein Villenquartier zu verhindern.
Seit der Ansiedlung des Viktoria- und Salem-Spitals gibt es bei Patienten und Sanatoriumsgästen sowie ihren Besuchern ein intensives Bedürfnis nach Ablenkung, um die oftmals düsteren Gedanken zu zerstreuen. Wo Kranke und Kurbedürftige sind, ist das Vergnügen nie weit. Dies zeigt als Musterbeispiel der Roman «Anne Bäbi Jowäger» von Jeremias Gotthelf über die Heilbadkultur. Das «Kur» im Namen des Kursaals kommt nicht von ungefähr. Und ironischerweise wird der Saal im Ersten Weltkrieg auch als Kriegslazarett genutzt.
Banal, aber wahr: Zum Gesundwerden sind nicht nur ärztliche Eingriffe und Pflege hilfreich. Und vom Krankenbett über die Tanzfläche bis zum Traualtar ist der Weg oft kürzer als gedacht. Idealerweise ist das «Beau-Site» bis heute auch auf Geburtshilfe spezialisiert. Deutlicher ausgedrückt: Auf der ganzen Länge zwischen Schönburg und Kunstgewerbeschule wird an der Schänzlistrasse und der Schänzlihalde ein Rundum-Paket von der Wiege bis zur Bahre angeboten, kompakt in Fussnähe, entstanden aus einer Wechsel- und Sogwirkung seit Ende des 19. Jahrhunderts. Wo schon ein Arzt ist, lässt sich gern ein zweiter nieder, eine Praxis und ein Pflegebett bleiben selten lange allein. Expertinnen und Experten versammeln sich meist dort, wo bereits Know-how und Infrastruktur vorhanden sind. Die Medizin- und Altersmeile im «Breitsch» ist ein helles wie dunkles Panoptikum des Lebens und des Todes. Und ein Geschäft, bei dem wöchentlich Millionen von Schweizer Franken umgesetzt werden.