KUNSTMUSEUM BERN

Franz Gertsch – die Lorrainejahre

Die aktuelle Bern-Retrospektive zeigt, wie Franz Gertsch der internationale Durchbruch in den 1970ern auf dem Gassner-Areal gelang.

Jean-Claude Galli
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Das Atelier von Franz Gertsch im Gassner-Areal in der Lorraine. Bild: Jürg Bernhardt

Bis Januar 2027 läuft im Kunstmuseum Bern die Retrospektive «Franz Gertsch. Blow-Up (Part 1)», der zweite Teil ist bis Ende Februar im Museum Franz Gertsch in Burgdorf zu sehen. Die Ausstellung in Bern konzentriert sich auf die Malerei und umfasst knapp 40 Gemälde von den realistischen Anfängen über Werke der Jugend- und Musikszene bis zu Porträt- und Naturbildern aus dem Spätwerk. Dabei wird deutlich, wie entscheidend Gertschs Schaffensjahre in der Lorraine für seine Weltkarriere sind.

1969 malt er nach seiner ebenfalls in Bern gezeigten Pop-Art-Ära und einer längeren psychischen Krise innerhalb von sechs Tagen einen farbigen Reiter im Galopp mit gezücktem Säbel. Gertsch gibt dem Gemälde den prägnanten Titel «Huaa …!» und die Nummer 1 in seinem Werkverzeichnis. Frühere Arbeiten lässt er unter seinem strengen Auge fortan nicht mehr gelten. «Huaa …!» entsteht nach einem Standfoto aus dem britischen Antikriegsfilm «The Charge of the Light Brigade» von 1968 und markiert den Beginn der Ära mit grossformatigen und realistischen Gemälden, die auf meist eigenen Fotografien basieren.

Attitüden werden Form

Jean-Christoph Ammann, der frühere Assistent von Harald Szeemann in der Kunsthalle Bern, übernimmt 1968 das Kunstmuseum Luzern und ist einer der ersten und wichtigsten Gertsch-Förderer. Er ist von Werken wie «Huaa …!» fasziniert, treibt finanzielle Mittel auf, damit sich Gertsch voll auf die Malerei konzentrieren kann, und ermöglicht ihm 1972 die erste Einzelausstellung in Luzern.

Bei einer vorgängigen Besichtigung der Räumlichkeiten lernt Gertsch den jungen Künstlerkollegen Luciano Castelli und seine vier Freunde kennen, die er fotografiert und im Bild «Medici» festhält. Es wird vom bekannten deutschen Sammler Peter Ludwig gekauft, löst an der ebenfalls 1972 stattfindenden «documenta 5» in Kassel Begeisterung aus und sorgt für Gertschs internationalen Durchbruch als Fotorealismus-Pionier.

Erleuchtung am Uferweg

 «Medici», benannt nach der Baufirma und deren Schriftzug auf der rotweissen Abschrankung, entsteht auf zusammengenähten Bettlaken im riesigen Dachgeschoss der früheren Brauerei Gassner, das Gertsch 1971 mietet. Mit der Übernahme durch die Gurten Bier AG wird der Braubetrieb 1968 stillgelegt. Am Uferweg entstehen ab 1971 weitere monumentale Bilder wie «Aelggi Alp» oder das ebenfalls in Bern präsentierte «Maria mit Kindern» mit Gertschs Ehefrau Maria und den vier gemeinsamen Kindern, von denen Silvia heute selbst eine bekannte Künstlerin ist. In der Lorraine kommt es auch zu turbulenten Feiern und Begegnungen. Verbürgt ist so ein Atelierbesuch von LSD-«Guru» Timothy Leary auf Einladung von Gertschs Freund, dem Autor Sergius Golowin. Dass Gertsch in diesen umfangreichen Dimensionen arbeitet, hat auch einen profanen Grund. Als er das Kunstmuseum Luzern zur Vorbereitung seiner Ausstellung erstmals besucht, erschrickt er ob der Grösse der zu bespielenden Räume. «Oh Gott, wie viele Laufmeter Wand waren innerhalb eines Jahres zu bewältigen», sagt er in einem späteren Interview.

Die Schwarze Sara und die Kinder

Im Mai 1971 reist Gertsch in den französischen Wallfahrtsort Saintes-Maries-de-la-Mer. Nach den dort gemachten Fotos mit spielenden Kindern am Strand entstehen drei römisch nummerierte Gemälde. Sie sind eine weitere Zäsur. 1972 entdeckt Gertsch in einem Geschäft für Malbedarf in New York «Cotton Duck Nr. 10». Dieses Material wird ursprünglich für Segel hergestellt und ist bei US-Künstlern dieser Zeit beliebt. Das ungrundierte Gewebe lässt jedoch kaum Korrekturen zu und erfordert noch mehr Sorgfalt als die Bettlaken. «Jeder Tupfer war der Bogenschuss eines Zen-Meisters, das Slow Painting nahm seinen Anfang», wie Gertsch es rückblickend beschreibt. Um das zweite Bild aus der Saintes-Maries-Reihe entsteht später eine Kunst-Tragödie. Es wird 2008 als Teil einer Privatsammlung bei einem Lagerbrand in Detroit zerstört. Gertsch nimmt das Sujet 2013 in einem Holzschnitt wieder auf.

1974 verlässt der Künstler Bern und lebt mit seiner Familie dank eines Stipendiums eineinhalb Jahre in Berlin. 1976 folgt der Umzug aufs Land nach Rüschegg in ein altes Bauernhaus, wo er bis zu seinem Tod 2022 lebt. Im Gantrischgebiet konzentriert sich Gertsch auf Porträts, Naturgemälde und Holzschnitte. Diese Schaffenszeit wird umfangreich in Burgdorf gezeigt. 

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Franz Gertsch. Bild: B.P. Staehli
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Medici. Bild: Dominique Uldry / © Franz Gertsch AG
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Atelieransicht. Fotograf unbekannt
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Saintes-Maries. Bild: Dominique Uldry / © Franz Gertsch AG
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