Eine Notwendigkeit oder fehlende Nähe zur Realität?
An der Moserstrasse verschwinden drei Abstellplätze für Autos auf dem Trottoir. Jahrelang dienten diese einer Textilreinigung, deren Kundschaft und Lieferanten sowie anderen Gewerbetreibenden als Parkmöglichkeit für kurzen Warenumschlag. Obschon es nie offizielle Parkplätze waren, bemängelt der Geschäftsinhaber fehlendes Verständnis der Behörden.
Am letzten Montag im August sind sie gekommen. Vier Mitarbeitende der Stadt Bern in Arbeitskleidung. Ihr Ziel: Moserstrasse Nummer 42. Dort, wo Yannick Koella die Textilreinigung «Alles rein!» betreibt. Ihr Auftrag: Die bereits installierte Sitzbank musste gedreht werden, dieses Mal nicht mehr mit Blickrichtung auf die Strasse. Die Behörden der Stadt wollen die bestehende Parkordnung umsetzen. Das bedeutet in diesem Fall, dass anstelle von Parkiermöglichkeiten – auch für Lieferwagen, welche die lokalen Geschäfte beliefern – nebst der Sitzbank zusätzliche Velo-Parkplätze geschaffen wurden. Jetzt hat Yannick Koella freie Sicht auf Eingang und Schaufenster seines Geschäfts. Wenn er sich denn auf die Bank setzten würde. Was eher nicht sein wird, er ärgert sich nämlich über die Umgestaltung. Obschon diese rechtens ist, wie Gemeinderat Matthias Aebischer, Direktor für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün/TVS, festhält: «Entgegen den Äusserungen von Herrn Koella gab es vor seinem Geschäft nie Kurzzeitparkplätze. Es wurde einfach wild parkiert.»
Ohne Alternative?
Der Betreiber der Textilreinigung weiss, dass es nie offizielle Parkplätze waren, kann die Art des Vorgehens der Stadt trotzdem nicht nachvollziehen: «Es ist ein sehr breites Trottoir. Ich habe nie vernommen, dass die Autos, die hier nur kurz parkten, gestört haben.» Er vermisst die gemeinsame Suche nach Alternativen und betont, dass er die Bemühungen, vermehrt Velo-Parkplätze anzulegen, nachvollziehen kann, aber: «Das Gewerbe sollte ebenso berücksichtigt und nach seinen Bedürfnissen gefragt werden. In diesem Fall hätte man bestimmt einen Kompromiss gefunden, beispielsweise, dass einer der drei Plätze für den Güterumschlag bestehen bleibt.» Der Haltung von Matthias Aebischer, dass die Kunden die Hemden halt ein paar Meter zu Fuss tragen müssen, kann Koella nicht viel abgewinnen, denn zur Kundschaft gehörten auch ältere Menschen und nicht alle seien gut zu Fuss. «Es werden auch Duvets, Teppiche und Matratzen zur Reinigung gebracht und abgeholt.» Er schätzt, dass rund die Hälfte der Kundschaft per Auto gekommen sei und befürchtet nun Umsatzeinbussen, wenn diese künftig in Geschäfte mit Parkmöglichkeiten ausweichen. Yannick Koella kritisiert an der Umgestaltung, dass sie einseitig ausgelegt sei. Viel mehr würde er eine Lösung mit einem echten Mehrwert für alle begrüssen. Er sieht sich in seiner Meinung bestätigt durch Äusserungen von anderen Gewerbetreibenden und von Teilen der Kundschaft; gemäss denen habe vorher eine pragmatische Situation bestanden.
Abbau von Parkplätzen
Die Reinigung wird auch frequentiert von Lieferanten mit teilweise schweren Lasten und entsprechenden Fahrzeugen. Gemäss Koella parken diese nun oft gegenüber auf der anderen Strassenseite, danach werde die Ware über die stark frequentierte Moserstrasse getragen. Zudem würden vermehrt Fahrzeuge vor der Einfahrt zur kleinen Moserstrasse geparkt und versperren diese, sagt der Unternehmer; damit widerspricht er der Aussage von Matthias Aebischer, wonach dies vor allem vorher so gewesen sei. Darüber gibt es keine Statistik; über die Anzahl zugelassener Personenwagen hingegen schon. Diese zeigt, dass sich die Anzahl von Privatautos über eine längere Zeit auf einem ähnlichen Niveau bewegt. Trotzdem hat sich die Stadt zum Ziel gesetzt, das Parkplatzangebot zu reduzieren. «In den letzten zehn Jahren wurden knapp 2000 Parkplätze aufgehoben», bestätigt der Direktor des TVS, «die Stadt Bern verfügt jedoch nach wie vor über genügend Parkiermöglichkeiten.»
Die Frage der Gleichbehandlung
Die Reduktion begründet er unter anderem mit der Schaffung von Begegnungszonen oder mit erhöhter Sicherheit auf Velorouten. Er ist überzeugt, dass die Massnahmen der Stadt die richtigen sind, verweist auf den ständig wachsenden Anteil des Veloverkehrs und auf die Schaffung der Voraussetzungen, damit die Menschen freiwillig auf Velo oder ÖV umsteigen. «Wir heben nur Parkplätze auf, wenn wir einen Grund dazu haben.» Einen solchen Grund sucht Yannick Koella im Fall der Moserstrasse vergeblich. «Die Leute, die auf ein Auto angewiesen sind, werden das weiterhin sein. Aus weniger Parkplätzen ergibt sich nicht weniger Verkehr, es entsteht vor allem eine Umlagerung.» Er sieht sich nicht als edler Vorkämpfer für eine gute Sache. Aber er ist froh, dass er sich bemerkbar gemacht hat, und wünscht sich, dass das betroffene Gewerbe künftig stärker in vergleichbare Massnahmen einbezogen wird. Die Zusicherung der städtischen Politik, ihr Handeln nach dem Wohlergehen der Bevölkerung auszurichten, darf getrost so stehen bleiben. Das gilt auch für die Aussage von Matthias Aebischer, wonach alle gleich behandelt werden. Trotzdem dürfen Fragen gestellt werden. Beispielsweise die, ob in dieser Angelegenheit etwas der Umsetzung zuliebe getan wurde, weil der Aufwand und der absehbare Widerstand klein waren. Oder auch die Frage nach der Umsetzung anderer Gesetze; zum Beispiel das Verbot von Gesichtsverhüllungen, etwa im Umfeld von Fussballspielen oder Demonstrationen. Widerrechtlich auch das, genauso wie unberechtigtes Parkieren. Aber mit einem weitaus höheren Gefahrenpotenzial.
MONATSFRAGE
Soll die Sitzbank wieder weg oder bleiben?
Ihre Antworte an: info@afdn.ch oder Anzeiger Nordquartier, Postfach 9314, 3001 Bern