Als «ein Stück Beschaulichkeit» aus Bern verschwand
Das Ende der Kehrichtabfuhr mit Pferden: eine Stadt- und Familiengeschichte – und was sie mit dem heutigen SCBStadion zu tun hat.
Es war kein gewöhnlicher Arbeitstag, dieser 1. Juli 1966. Die Pferde trugen ihr schönstes Zaumzeug und erhielten Extrazucker, an den Geschirren steckten Nelken. Passantinnen und Passanten stiessen mit den Fuhrmännern auf den Abschied an, die Gespanne dienten immer wieder auch als Fotomotiv.
Pferde? Fuhrmänner? Und überhaupt: Abschied? Abschied wovon?
Am 1. Juli 1966 rollten die letzten von Pferden gezogenen Kehrichtwagen durch Bern. Ein jahrelang alltäglicher Arbeitsgang avancierte zum kleinen Volksfest. Und mit dieser letzten Fahrt endete nicht nur ein Kapitel der Berner Stadtgeschichte. Es war auch der Schluss eines Stückchens einer besonderen Berner Familiengeschichte – jener der Fuhrhalter Hofstetter, die seit 1947 den Wohn- und Betriebssitz an der Ostermundigenstrasse hatten.
Begonnen hatte alles 1865. Peter Hofstetter erwarb das Restaurant Landhaus im Altenberg mitsamt Stallungen und Scheune. Zum Kauf gehörten aber weit mehr als Wirtschaft und Fuhrhalterei. Zum Besitz zählten – vertraglich verpflichtet – auch die städtische Kehrichtabfuhr und Strassenreinigung. Mit anderen Worten: Wer das «Landhaus» übernahm, gab zugleich das Versprechen für ein sauberes Bern – und sicherte sich eine Erwerbsquelle für gastwirtschaftlich kargere Zeiten.
Alkohol während der Arbeit? Vertraglich geregelt
Damals war die Stadt Bern ohne Pferde undenkbar. Sie zogen Fuhrwerke mit Baumaterial, Getreide oder Aarekies – und eben auch den Kehricht. In Hofstetters Stallungen im Altenberg standen zeitweise rund hundert Pferde, an Markttagen sogar noch mehr.
Die Stadt schrieb detailliert vor, wann welche Gasse gereinigt werden musste. Offene Kehrichtwagen waren verboten, Kübel mussten staubfrei geleert werden, Glocken kündigten die Ankunft der Wagen an, damit es der Bevölkerung möglich war, den Kehricht rechtzeitig bereitzustellen. Sogar den Alkoholkonsum während der Arbeit regelten die Verträge – beziehungsweise: das «strengste» Verbot desselben.
Eine besonders prägende Rolle kam Karl Hofstetter zu, der den Betrieb 1894 mit 37 Jahren übernahm. Seine «Wagen-Batterie», wie sie zeitgenössische Berichte nannten, gehörte über Jahrzehnte selbstverständlich zum Berner Stadtbild. Zudem beschäftigte Hofstetter rund sechzig Strassenwischerinnen; für die «Hauskehrichtabfuhr» hingegen waren Frauen nicht zugelassen, so regelte es ein Vertrag aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts zwischen Hofstetter und der Stadt. Zeitgenössische Quellen würdigten Karl Hofstetter als Arbeitgeber, der sich «mit väterlicher Besorgnis und Güte» um die Mitarbeitenden gekümmert habe.
1897 vernichtete ein Brand sein Hab und Gut voll und ganz; Wohn- und Wirtschaftsgebäude, alles fiel der Feuersbrunst zum Opfer. Dieser Verlust soll Karl Hofstetter so sehr demoralisiert haben, dass er erwog, vielen anderen Bernerinnen und Bernern zu folgen und nach Übersee auszuwandern. Diverse finanzielle Unterstützungen bewogen ihn aber dazu, nicht in den USA oder Kanada neu anzufangen, sondern in der Heimat. Erzählungen zufolge gab ihm beispielsweise der Geschäftsmann David Loeb Geld – ob als Darlehen oder Wiederaufbauhilfe ist bis heute unklar. Was als gesichert gilt: Der Support betrug 16 000 Franken – was gemäss historischem Lohnindex im Jahr 2009 727 251 Franken entsprach.
«Dem Untergang geweihte Vergangenheit»
Mit den Jahrzehnten veränderte sich Bern. Die Stadt wuchs, der Verkehr ebenso, Autos verdrängten Pferdefuhrwerke. 1964 kündigte das Strasseninspektorat an, dass die Pferdegespanne verschwinden würden. Nicht nur das Verkehrsaufkommen liess ihnen keinen Platz mehr, auch wirtschaftliche Überlegungen sprachen ihnen zusehends die Berechtigung ab.
Zwei Jahre später – am 1. Juli 1966 – rollten die letzten drei Hofstetter-Gespanne durch die Stadt, Nelken und Extrazucker inklusive.
Das «Berner Tagblatt» schrieb damals von den «letzten Mohikanern». Der «Bund» fand, mit den Pferdewagen verschwinde «ein Stück Beschaulichkeit» aus Bern. In der Tat endete mehr als eine Transportmethode. Über Generationen hatten die Pferdewagen den Rhythmus der Stadt bestimmt, sie gehörten zu Bern wie die Lauben. Der «Bund» schrieb auch, auf ihrer Fahrt «durch moderne Siedlungen und auf Strassen, die von lautem Verkehrslärm beherrscht worden sei», hätten die Gespanne «längst als dem Untergang geweihte Vergangenheit» gewirkt.
Es hiess auch: «Sie legten Zeugnis ab von einer Zeit, in der die Stadt noch so bemessen war, dass sie von der Landwirtschaft ‹verkraftet› werden konnte: So wurden eben auch die Kehrichtmassen mit landläufigen Mitteln weggeführt und in den Gruben der Umgebung deponiert.» Ein heute ziemlich prominenter Ort, der zu den «Gruben der Umgebung» zählte: die Allmend, wo mittlerweile das Eishockeystadion steht, damals «Käfergrube» genannt.
Was in der PostFinance-Arena und im SC Bern abläuft, wird bis heute mehr oder weniger haarklein begleitet und für die Öffentlichkeit ausgeleuchtet. Die Geschichte der Familie Hofstetter wiederum hat die Historikerin Simone Hofstetter, eine Ur-Enkelin von Karl Hofstetter, nicht minder minutiös aufgearbeitet und vor wenigen Jahren in einer umfassenden, 162-seitigen Familienchronik festgehalten. Aufbewahrt ist das gesamte Firmenarchiv seit 2025 in der Burgerbibliothek Bern – auf 4,5 Laufmetern.
Es sind 4,5 Laufmeter, die nicht nur vom Wandel der Stadtreinigung erzählen und damit von der Entwicklung des Stadtbilds – sondern auch davon, wie hinter der gewöhnlichen Kehrichtabfuhr eine aussergewöhnliche Familiengeschichte steckt.
DIE BURGERBIBLIOTHEK UND IHRE GESCHICHTE UND GESCHICHTEN
Die Burgerbibliothek Bern feiert 2026 Jubiläum – seit 75 Jahren besteht sie in der heutigen Form als Archiv und steht allen offen. Sie bewahrt einzigartige Quellen über Jahrhunderte hinweg, von mittelalterlichen Handschriften bis zu digitalen Daten, auch mit Bezug und Geschichten zum Nordquartier.