QUARTIERHOF

Genossenschaft (37, solvent) sucht Haus

In einer Genossenschaft wohnen wollen viele – für sie ein Haus suchen, deutlich weniger. In der Lorraine versucht ein Kollektiv gerade genau das.

Nicolai Morawitz
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Bild: Danielle Liniger

Bern brodelt in den 1980er-Jahren. Hausbesetzungen sind ein Symbol des Widerstands – gegen den Markt und auch immer wieder gegen den bürgerlichen Kanton. Die Wagenburg Zaffaraya und die Reitschulbesetzung machen nationale Schlagzeilen. Zu einer anderen, leiseren Form des Widerstands kommt es im Lorraine-Quartier. Hier wehren sich Bewohner:innen gegen den weiteren Abriss ihres Quartierhofs für eine Grossüberbauung und gründen 1989 die Wohnbaugenossenschaft Q-Hof.

Der Spekulation entziehen

Fast Forward ins Jahr 2026: Die Widersprüche des Kapitalismus sind nicht aufgelöst. Es gibt eher Anzeichen dafür, dass sie sich verschärft haben. Stichwort: Wohnungsknappheit. Die Wohnbaugenossenschaft Q-Hof gibt es immer noch. Sie hat die 1989 erworbenen Liegenschaften zwischen Dammweg und Quartiergasse saniert und ausgebaut. Jetzt will sie sich erweitern, um Häuser dem «Immobilien-Spekulationsmarkt» zu entziehen.

Die Köpfe dahinter

In Zeiten, in denen die Leerbestandsquote von Wohnungen in Bern gegen Null tendiert und Einfamilienhäuser schneller die Besitzer:innen wechseln, als jemand «Immoscout» rufen kann, scheint dies ein ebenso nachvollziehbares wie ambitioniertes Anliegen. Wer sind die Köpfe hinter dem Expansionsprojekt des Q-Hofs? In zwei Korbstühlen im Schatten eines Kirschbaums sitzen Katharina Boerlin und Marc Kilchenmann und blicken auf den Innenhof. Die beiden vereinen die alte und die neue Welt der Genossenschaft, die sich als Kollektiv auf die Suche nach einer neuen Immobilie macht. Kilchenmann und die übrigen 50 Bewohner:innen beteiligen sich über «Ämtli» am Gemeinschaftsleben. Auf 20 Stunden pro Jahr schätze er den Aufwand, so Kilchenmann. «Manche leisten aber auch deutlich mehr.»

Zwei Generationen, ein Projekt

Das ist der Genossenschafts-Groove, auf den sich Katharina Boerlin einlassen möchte. Konkret: Sie hat zusammen mit zwei Gleichgesinnten, alle zwischen 30 und 40 Jahre alt, Kontakt zum Q-Hof aufgenommen, mit dem Ziel, einen neuen Aussenposten zu schaffen. Ein Haus für rund zehn Bewohner:innen ist ihr Traum. Dieses genossenschaftlich verwaltete Haus soll nach den Prinzipien des Q-Hofs funktionieren – Boerlin und ihr «Grüppli», wie sie es nennt, wären auch Mieter:innen. Für Boerlin hat das auch ideelle Gründe: «Die Mietpreissteigerung hat uns politisiert», sagt sie. Und: «Wir wollen eine Immobilie dem Spekulationsmarkt entziehen.»

Drei Millionen reichen (eigentlich) nicht

Zunächst spielten Boerlin und ihre Kolleg:innen mit dem Gedanken, selbst eine Genossenschaft zu gründen. «Doch es gibt schon so viele tolle Genossenschaften in dieser Stadt», findet Boerlin, die ursprünglich aus Basel kommt und seit 15 Jahren in Bern lebt. Im November 2024 kommt es zum ersten Kontakt mit der Genossenschaft Q-Hof in der Lorraine.

Kilchenmann macht keinen Hehl daraus, dass er von der Energie und dem Enthusiasmus Boerlins angetan ist. «Schon beim ersten Treffen wurde klar: Entweder hat sie unsere Genossenschaftsstatuten sehr genau gelesen oder ihre Vorstellungen passen tatsächlich sehr gut zu uns», sagt Kilchenmann. Sie entscheiden sich, ab sofort gemeinsam nach einem geeigneten Haus zu suchen. Doch bevor es richtig losgehen kann, klären sie die beim Immobilienkauf nicht ganz unerhebliche Frage der Liquidität: «Unser Verschuldung ist tief», sagt Kilchenmann über die Finanzlage der Genossenschaft. Zudem verfüge man über Genossenschaftseinlagen und Darlehen von Privatpersonen. Auch Boerlin und die anderen neuen Genossenschafter:innen bringen Kapital mit. «Inklusive der bislang zugesagten Darlehen, sind wir kreditwürdig für rund drei Millionen Franken», fasst Kilchenmann die Situation zusammen.

Idealerweise in der Lorraine …

Das hört sich nach einem riesigen Batzen Geld an, der allerdings im Realitäts-Check mit dem hiesigen Immobilienmarkt eher auf ein nettes Sümmchen zusammenschmilzt. Immerhin soll das Wunschobjekt zehn Personen Platz bieten und idealerweise in der Lorraine oder einem anderen zentrumsnahen Quartier liegen. Boerlin und Kilchenmann strecken in der Folge ihre Fühler in Richtung Firmen und Privatpersonen aus, die bereit sind, Profitinteressen hintenanzustellen. Und die ihre Immobilie deshalb nicht auf gängigen Portalen inserieren. «Wenn etwas auf Immoscout oder einen ähnlichen Plattform landet, ist es für uns häufig schon zu spät», sagt Boerlin. Noch dauert die Suche an. «Manchmal fangen wir an zu träumen», sagt Boerlin. «Aber die Q-Hof-Hausverwaltung holt uns dann auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn sie alles durchgerechnet hat.»

Hoffnung nicht aufgegeben

Und wie sähe er aus, ihr Wohntraum? «Wie ein Q-Hof, aber im Brutalismus-Stil», sagt Kilchenmann halb im Scherz. Boerlin bezieht ihren Traum nicht auf den Architekturstil, sondern vielmehr auf ein Gefühl: «Es soll ein gemeinschaftlicher Gestaltungsraum sein.» Ein Ort, der sich immer wieder anpassen könne. Kilchenmann hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass diese Träume dereinst doch Wirklichkeit werden. «Klar spüren wir hier in der Lorraine den Druck auf dem Wohnungsmarkt. Es gibt auch so gut wie nie Leerstand in der Genossenschaft.» Und doch ist er überzeugt, dass sich die Lorraine dem Verdrängungskampf auf dem Immobilienmarkt noch ein Stück entziehen könne. Er denkt an die Wohnbaugenossenschaft Giebel oberhalb vom Café Kairo, die jüngst eine Liegenschaft in Ostermundigen erwerben konnte. «Die Lorraine ist nicht der Breitenrain», sagt er und ein wenig Lokalstolz schwingt durchaus mit.


DER Q-HOF

Die Wohnbaugenossenschaft Q-Hof verteilt sich aktuell auf zwei Liegenschaften in der Lorraine.

Neben dem Quartierhof aus dem späten 19. Jahrhundert gehört auch ein Haus am benachbarten Dammweg 41 dazu, das 2020 umgebaut wurde. Insgesamt sind 50 Menschen und verschiedene Gewerbetreibende, darunter der Velokurier Bern und die Ateliergemeinschaft Q-Faktur, in der Genossenschaft daheim.

Kilchenmann lebt seit 17 Jahren im Q-Hof und ist seit 5 Jahren im Vorstand der Wohnbaugenossenschaft. Der Musiker erklärt, wie der Q-Hof tickt: «Wir verzichten hier bewusst auf eigene Wohnfläche, um mehr davon zu teilen». Allen Bewohnenden stünden maximal 38 Quadratmeter zur Verfügung. Daneben gebe es einige geteilte Räume, wie zum Beispiel die «Vokü» genannte Küche. Pro Hauseingang teilen sich die Bewohner:innen ausserdem eine Dusche und im Obergeschoss sind die Toiletten ausserhalb der Wohnungen untergebracht.


Dieser Beitrag erschien als Erstveröffentlichung auf hauptstadt.be. Dies im Zusammenhang mit der AfdN-Medienpartnerschaft mit dem Berner Online-Magazin.

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