Grenzgänger zwischen Kunst und Leben
Man begegnet Franticek Klossner im Quartier vielleicht ganz unauffällig – doch seine Kunst hat ihren Weg bis nach New York, Rom und in renommierte Museen Südamerikas gefunden. Seit 20 Jahren lebt und arbeitet der Künstler, Kurator, Dozent und Initiator innovativer Kultur- und Bildungsprojekte in Bern, wo er lokales Engagement mit internationaler Ausstrahlung verbindet.
Die Einführung auf seiner Website macht neugierig: Der Schweizer Gegenwartskünstler ist spartenübergreifend tätig in den Bereichen Videokunst, Skulptur, Zeichnung und Visual Poetry. Sein gesamtes künstlerisches Schaffen ist durchdrungen von existenziellen Fragen. Der menschliche Körper agiert darin als Spiegelbild menschlicher Prozesse. Zu seinen bekanntesten Werkgruppen gehören die «Melting Selves». Die in Eis gefrorenen Selbstporträts erzählen in ebenso poetischer wie eindringlicher Weise, worum es ihm in seiner Kunst geht: Um die Metamorphosen des Lebens, um das Ich im Übergang und um die Wechselwirkungen zwischen äusseren und inneren Kräften. In einem spannenden Interview gab er uns Einblicke in sein Leben und Schaffen.
Fernsicht und Quartierleben im Breitenrain
Seit einigen Jahren wohne ich hier im Breitenrain in einer sehr schönen Wohnung mit grandioser Fernsicht. Hier geniesse ich die Stimmung dieses tollen Quartiers und die inspirierende Nachbarschaft zu vielen interessanten und bereichernden Menschen. Und natürlich die feine italienische Küche im Grotto Ticino am Breitenrainplatz!
Pelé brachte mich zur Kunst.
Bereits als Kind wusste ich, dass ich Künstler werden wollte, und präsentierte schon im Alter von 12 Jahren erfolgreich meine ersten Ausstellungen. Ausschlaggebend war für mich damals eine Aussage des brasilianischen Fussballers Pelé nach der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko gegenüber dem «Bund». Auf seine Herkunft angesprochen, meinte er: «Wenn du in Armut geboren wirst, gibt es nur zwei Auswege: Entweder du spielst Fussball oder du machst Kunst!» Mit damals erst 10 Jahren war für mich der Fall klar – ich verstand sehr gut, was Pelé mir sagen wollte.
Welches Werk erzählt deine Geschichte am besten?
Es gibt unzählige Projekte, die mir besonders ans Herz gewachsen sind. Wahrscheinlich sind es immer die aktuellsten Projekte, an die ich mein Künstlerherz verliere… Die grosse Anzahl meiner Werke (freut sich) wurde mir besonders bewusst, als im vergangenen Jahr die Monografie «Menschliche Aggregatzustände – Ich schmelze, also bin ich!» zu meinem bisherigen Schaffen im Verlag Scheidegger & Spiess in Zürich erschien. In diesem Buch begegnete ich meiner gesamten künstlerischen Tätigkeit seit 1980 wieder. Das eigene Schaffen in einem Buch zu sehen, ist irgendwie ziemlich verrückt – eine Reise durch das eigene Leben, durch Zeiten und sich verändernde Mentalitäten.
Welche Bedeutung hatten die zahlreichen Auszeichnungen im Laufe deiner Karriere für dich?
(Freudig) Ja, es waren tatsächlich einige. Sie kamen immer sehr überraschend und haben meinen Lebensweg geprägt. Viele waren mit einem Auslandsaufenthalt verbunden. So konnte ich direkt nach meinem Kunststudium nach New York ziehen. Der Aufenthalt im damals noch sehr wilden East Village hat mich befreit – dort fand ich Tag und Nacht Inspiration. Einige Jahre später führte mich ein Studienaufenthalt nach Rom, wo ich mehrere Jahre blieb. Ein weiterer Atelieraufenthalt «entführte» mich auf eine atemberaubend schöne spanische Insel. Auch meine Ausstellungsreihe durch Argentinien und Kuba hat mich nachhaltig geprägt.
Welche Projekte stehen gerade im Mittelpunkt deiner Arbeit?
Momentan laufen die intensiven Vorbereitungen für zwei grosse Ausstellungen: In Zusammenarbeit mit der Königlichen Gesellschaft in Schweden eröffne ich im Oktober die Ausstellung «ART CARE / Kunst und Medizin» unter dem Patronat der Schweizer Botschaft. Im November folgt dann die sehr spannende Ausstellung «Le corps liquide / Der flüssige Körper» im Musée d’Art et d’Histoire MAHF in Freiburg zu Themen wie Intimität und Tabus rund um die flüssigen Elemente des Menschen wie Blut, Tränen, Milch usw.
Wen spricht deine Kunst besonders an? Gibt es ein typisches Publikum?
(Lächelt) Ich habe das Glück, mit meiner Kunst Menschen jeden Alters begeistern zu können. Das hängt wahrscheinlich auch mit der Vielfalt meines Schaffens zusammen. Es gibt immer wieder Überraschungen – für die Besucher:innen ebenso wie für mich. Das macht neugierig und hält mich jung!
Wünsche und Zukunftspläne
Wünsche bewahre ich mir fürs Träumen auf – so kann ich auch besser schlafen. Dabei kommen mir zwei Gedanken in den Sinn: das Zitat aus Erich Kästners «Märchen vom Glück», «Der Zauber des Wünschens liegt im unerfüllten Zustand» und eine Aussage von Marlene Dietrich gegenüber Udo Lindenberg: «Wünsch dir nichts. Träume sind nur schön, solange sie unerfüllbar sind.» Mit Zukunftsplänen bin ich aufgrund meines Alters etwas schüchtern oder vorsichtig geworden. Ich versuche jedoch, wachsam zu bleiben, damit ich Kairos (den idealen Augenblick) beim Schopf packen kann, wenn er flink und lächelnd meinen Weg kreuzt…
Lieber Franticek, vielen Dank für dieses interessante Interview! Wir wünschen dir alles Gute und weiterhin viel Erfolg!
Seit 2025 im Buchhandel erhältlich: Die Monografie zum Schaffen des Künstlers in deutscher und in englischer Sprache:
«Menschliche Aggregatzustände – Ich schmelze, also bin ich!»
«Human States of Aggregation – I Melt, Therefore I Am!»