«VROOM!» – ein Haus wird verschoben
Das Re-Use-Projekt auf dem Areal der früheren Berufsfeuerwehr an der Viktoriastrasse weckt schweizweites Interesse. Die Verschiebung des Saalbaus findet Mitte September statt.
Beim Baustellenbesuch des Anzeigers für das Nordquartier am 30. Juli ist es schon morgens um 10 Uhr drückend heiss – und auffallend ruhig. Auf dem Areal der ehemaligen Stadtberner Berufsfeuerwehr an der Viktoriastrasse herrscht klassische Sommerferienstimmung. Die Fläche hinter dem Hauptgebäude mit dem bekannten Restaurant Löscher wird optisch von Bauzäunen und Containern dominiert. Lorenz Keller, Hauswart seit sechs Jahren, empfängt uns zu einer kurzen Besichtigung, vorschriftsmässig mit einem Helm geschützt.
Die jetzige Ruhe trügt. Bald wird die ganze Schweiz im kommenden September für ein paar Stunden auf diesen verhältnismässig kleinen Bauplatz schauen. Der Kleber auf Kellers Helm deutet es bereits an: «Vroom!» steht in roter Farbe darauf – Vorsicht, bedeutet das, ein Haus wechselt seinen Platz. Der Saalbau an der Gotthelfstrasse wird dann verschoben, um Platz für einen Neubau mit Wohnraum zu schaffen. Die Genossenschaft Feuerwehr Viktoria realisiert damit ein Re-Use-Projekt mit landesweiter Ausstrahlung. Die einzigartige Aktion basiert auf einer Idee der Bieler Architektur-Arbeitsgemeinschaft «verve:mlzd» und ihrer Bauprojekt-Wettbewerbseingabe namens «Victoria und Albert».
Fantasie und Wirklichkeit
Keller spricht von einem «sehr komplexen» Bauprojekt, auch eigentümermässig. Einerseits gibt es den Bestandesbau, der von der Viktoriastrasse bis und mit zum prägnanten Turm reicht. Dieser ist denkmalpflegerisch hochgeschützt. Die zuständige Denkmalpflegerin habe kürzlich gesagt, dass dieser Teil der Liegenschaft von 1935 noch geschützter als das Bundeshaus sei. Der hintere Teil mit dem besagten Saalbau ist hingegen «nur» schützenswert. Er stammt zwar mit Hans Weiss vom gleichen Architekten, wurde aber gut 20 Jahre später 1957 erbaut.
Angesichts der vielen Re-Use- und Upcycling-Projekte, die sich seit Beginn der Zwischennutzung 2014 bereits auf dem Areal befanden, kamen die Siegerarchitekten überhaupt auf die Idee einer Hausverschiebung. «Zuerst war es nur eine Fantasie. Dann merkten wir, da ist mehr als warme Luft dahinter. Und schliesslich stellte es sich sogar als höchst vernünftig heraus», sagt Keller. Kostenmässig kämen ein Abriss und ein Neubau zwar auf eine ähnliche Summe zu stehen. «Doch wir sparen sehr viel Material. Und wir vernichten sehr viel Energie nicht. Mit dem eingesparten CO2-Ausstoss können wir dafür anderthalb Jahre lang die ganze Liegenschaft heizen. 80 Prozent des Schweizer Abfalls kommt aus der Bauindustrie, ein beeindruckender Wert. Wenn wir damit bewusster umgehen können, hilft das allen», sagt Keller und meint damit letztendlich auch die aktuellen hohen Temperaturen und den Klimawandel.
Die Verschiebung dauert rund acht Stunden
Bei jedem Bauvorhaben im Mittelpunkt stehen stets Kosten und Zeit. «Aktuell sind wir nur zirka eine Woche hinter dem Plan, was sehr wenig ist», sagt Keller. Im vergangenen Mai wurde der Rückbau der kleinen Fahrzeughalle abgeschlossen und das Terrain für den neuen Standort des Saalbaus vorbereitet. Im Juni begannen die Vorbereitung des Schiebe-Terrains und der Rückbau der Verbindung zwischen dem Saalbau und dem Bestandesbau.
Die ursprünglich für Ende August geplante Versetzung des Saalbaus findet nun in der Kalenderwoche 37 statt, also zwischen dem 7. und 13. September. «Der exakte Tag kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau festgelegt werden», so Keller. Das Datum wird auf der Viktoria-Website kommuniziert, sobald es fix ist.
Die eigentliche Verschiebung dauert rund acht Stunden, ein Wimpernschlag angesichts der langen Vor- und Nacharbeit. «Solche Aktionen haben wirklich absoluten Seltenheitswert», sagt Keller. Er verweist auf die Verschiebung eines früheren Fabrikgebäudes in Oerlikon ZH, das 2012 aufgrund des Bahnhofumbaus 65 Meter weit verschoben werden musste. Die Distanz in Bern ist etwas kürzer und beträgt rund 45 Meter. Und die Last in Zürich war schwerer. Allerdings muss der Saalbau zusätzlich zweimal gedreht werden, um am neuen Standort wunschgemäss ausgerichtet zu sein.
Das Gebäude wird mittels Metallstreben verstärkt, aufgetrennt, mit Plattformwagen hydraulisch angehoben, in den Innenhof des Areals gefahren und dort wieder abgeladen. Die beiden schwierigsten Phasen sind jene, wenn das Gebäude den Boden verlässt und auf die Fahrzeuge gelangt respektive wieder auf den Boden zurückgesetzt wird. Zum Einsatz kommen Schwertransportfahrzeuge, deren Radpaare 360 Grad gedreht und ausgefahren werden können. Der Saalbau wiegt rund 300 Tonnen.
Live-Schaltung von SRF geplant
Im Februar 2026 erhielt die Firma Hebetec Engineering AG aus Hindelbank BE den Auftrag zur Versetzung. Zum Zuge kommt die SPMT-Technologie, die Abkürzung steht für Self-Propelled Modular Transporter, Deutsch: Modulfahrzeuge mit eigenem Antrieb. SPMT’s werden in allen industriellen Bereichen genutzt, um schwere und sperrige Güter, Maschinen und Anlagenteile zu bewegen. Zuletzt sorgte 2025 die Verschiebung der 672 Tonnen schweren hölzernen Kirche im schwedischen Kiruna für Furore.
Die Verschiebung in Oerlikon wurde 2012 vom Schweizer Fernsehen während zweier Tage mit Live-Sendungen begleitet. Und auch in Bern ist SRF dabei. Erste Aufnahmen sind bereits im Kasten. Am Verschiebungstag gibt es voraussichtlich eine längere Live-Schaltung im Rahmen von «Schweiz aktuell». Dann ist auch mit einem grossen Publikumsinteresse vor Ort zu rechnen.
Letztmals löste im Nordquartier 2018 die Verschiebung der Stauffacherbrücke eine ähnliche Aufregung auf, wobei die Projekte kaum vergleichbar sind. Aufgrund der engen Platzverhältnisse wird es nicht möglich sein, dass alle Interessierten einen direkten Einblick bekommen können. Ob es deshalb auch einen speziell eingerichteten Zuschauerbereich geben wird, ist noch offen. Aktuell wird dafür ein spezielles Sicherheitskonzept erarbeitet, über das ebenfalls in Bälde auf der Website zu lesen ist. Dort ist es auch möglich, die Verschiebung live per Webcam zu sehen.
Wichtig insbesondere für die direkte Nachbarschaft war es, den imposanten Kastanienbaum am Rand des Areals möglichst zu erhalten. Tatsächlich muss er dem Saalbau nun nicht weichen. Während der Verschiebung wird sich extra ein Baumpfleger beim Baum aufhalten und einzelne besonders weit ausladende Äste zurückziehen, wenn sich der Saalbau am Baum vorbeibewegt.
Neue Wohnungen entstehen
Dass auf dem Areal einst auch Wohnraum geschaffen wird, war aufgrund der Vorgaben der Stadt für die 2018 gegründete Genossenschaft immer klar. Im ersten Stock des verschobenen Saalbaus entsteht nach der Verschiebung Wohnraum, das Erdgeschoss bleibt Gewerberaum. Und auf der frei gewordenen Parzelle folgt der vierstöckige Neubau «Albert» mit Wohnungen und Schulraum für das benachbarte Spitalacker-Schulhaus.
Eva Diem, die zusammen mit Simon Hehl die Baukommission der Genossenschaft Feuerwehr Viktoria leitet, sagte neulich in einem «Bund»-Artikel, dass sie noch nie ein derart komplexes Bauvorhaben begleitet habe. «Für einmal gilt es, Wohnraum in eine Zone mit viel Gewerbe zu integrieren. Und nicht umgekehrt. Die Feuerwehr Viktoria ist längst zu einem Kulturort geworden.» Fasziniert sei sie insbesondere von der Dichte des Inhaltes.
Agnes Hofmann ist Geschäftsleiterin der Genossenschaft und war in den letzten Jahren vor allem damit beschäftigt, die finanziellen Mittel für das Umbauprojekt aufzutreiben. 14 der 16 geplanten Millionen sind jetzt zusammengekommen. Dies bedingt gewisse Einsparungen, um für die Genossenschaft dennoch vertretbare Mietzinse zu bieten. Ein Quadratmeter Wohnfläche wird voraussichtlich rund 300 Franken kosten, wie Hofmann im «Bund» sagt. «Was für das Quartier noch immer leicht unter dem Schnitt für Neubauwohnungen liegt.»
Im ersten Stock des Saalbaus, dem früheren Feuerwehr-Theoriesaal, entstehen acht Wohneinheiten, die einzeln oder verbunden genutzt werden können. Dazu kommen eine Gemeinschaftsküche und ein Gemeinschaftsbad. Der Neubau an der Gotthelfstrasse entsteht ab November 2026. Hier sind acht flexibel nutzbare, grössere Wohnungen geplant. Bezugsvorrang haben die bisher rund 300 Genossenschaftsmitglieder.
Angesichts der aktuellen Wohnungsnot auf städtischem Boden ist abschliessend natürlich auch die Antwort auf die Frage wichtig, wann die neuen Wohnungen im Saalbau und Neubau denn bezugsbereit sind. Gemäss der Prognose von Agnes Hofmann im «Bund» wird dies frühestens in der zweiten Hälfte 2028 möglich sein. «Im besten Fall.» Doch zuerst heisst es jetzt erst einmal «Vroom!». Und die ganze Schweiz schaut zu.
Neue Wohnungen entstehen
Dass auf dem Areal einst auch Wohnraum geschaffen wird, war aufgrund der Vorgaben der Stadt für die 2018 gegründete Genossenschaft immer klar. Im ersten Stock des verschobenen Saalbaus entsteht nach der Verschiebung Wohnraum, das Erdgeschoss bleibt Gewerberaum. Und auf der frei gewordenen Parzelle folgt der vierstöckige Neubau «Albert» mit Wohnungen und Schulraum für das benachbarte Spitalacker-Schulhaus.
Eva Diem, die zusammen mit Simon Hehl die Baukommission der Genossenschaft Feuerwehr Viktoria leitet, sagte neulich in einem «Bund»-Artikel, dass sie noch nie ein derart komplexes Bauvorhaben begleitet habe. «Für einmal gilt es, Wohnraum in eine Zone mit viel Gewerbe zu integrieren. Und nicht umgekehrt. Die Feuerwehr Viktoria ist längst zu einem Kulturort geworden.» Fasziniert sei sie insbesondere von der Dichte des Inhaltes.
Agnes Hofmann ist Geschäftsleiterin der Genossenschaft und war in den letzten Jahren vor allem damit beschäftigt, die finanziellen Mittel für das Umbauprojekt aufzutreiben. 14 der 16 geplanten Millionen sind jetzt zusammengekommen. Dies bedingt gewisse Einsparungen, um für die Genossenschaft dennoch vertretbare Mietzinse zu bieten. Ein Quadratmeter Wohnfläche wird voraussichtlich rund 300 Franken kosten, wie Hofmann im «Bund» sagt. «Was für das Quartier noch immer leicht unter dem Schnitt für Neubauwohnungen liegt.»
Im ersten Stock des Saalbaus, dem früheren Feuerwehr-Theoriesaal, entstehen acht Wohneinheiten, die einzeln oder verbunden genutzt werden können. Dazu kommen eine Gemeinschaftsküche und ein Gemeinschaftsbad. Der Neubau an der Gotthelfstrasse entsteht ab November 2026. Hier sind acht flexibel nutzbare, grössere Wohnungen geplant. Bezugsvorrang haben die bisher rund 300 Genossenschaftsmitglieder.
Angesichts der aktuellen Wohnungsnot auf städtischem Boden ist abschliessend natürlich auch die Antwort auf die Frage wichtig, wann die neuen Wohnungen im Saalbau und Neubau denn bezugsbereit sind. Gemäss der Prognose von Agnes Hofmann im «Bund» wird dies frühestens in der zweiten Hälfte 2028 möglich sein. «Im besten Fall.» Doch zuerst heisst es jetzt erst einmal «Vroom!». Und die ganze Schweiz schaut zu.
ÖFFENTLICHE RUNDGÄNGE
Donnerstag, 13. August, 18 Uhr
Rundgang über die Translozierungs-Baustelle (Dauer 45 bis 60 Minuten)
Donnerstag, 3. September, 18 Uhr
Rundgang über die Translozierungs-Baustelle (45 bis 60 Minuten), kombiniert mit einem Rundgang durch die denkmalgeschützten Bestandesbauten und ausgewählte Betriebe (plus 30 Minuten)
Donnerstag, 17. September, 16 Uhr
Rundgang über die Translozierungs-Baustelle (45 bis 60 Minuten)
Treffpunkt: jeweils im Innenhof Feuerwehr Viktoria beim Turm. Keine Anmeldung nötig. Für Gruppen oder Schulklassen werden gerne individuelle Rundgänge zusammengestellt. Alle weiteren Informationen sind online zu finden.