Die Lorraine-Legende, die nie in Pension geht
Mit bald 89 Jahren eröffnet Edoardo Abbiasini in der Lorraine eine Gelateria in seinem ehemaligen Schuhmachergeschäft. Ruhestand? Für den Italo-Berner kein Thema.
Italo-Pop ertönt aus der früheren Schuhmacherei an der Lorrainestrasse 32. Neugierige Passant*innen bleiben stehen, werfen einen Blick durch die Tür und wechseln ein paar Worte mit Edoardo Abbiasini. Hinter der Glacé-Vitrine strahlt das Quartier-Original, welches die Lorraine jahrzehntelang mit Pizza und geflickten Schuhen versorgte. «Ich bin schon ein bisschen stolz. Denn ich bin der älteste Geschäftsmann der Lorraine», sagt Abbiasini beim Besuch der «Hauptstadt». Denn mit bald 89 Jahren macht Edoardo nicht Schluss – sondern hat Ende Mai eine Gelateria eröffnet. Die Ballone für die Eröffnung hängen noch. Im frisch gestrichenen Lokal erinnern an der Wand aufgehängte Schuhe und eine alte Nähmaschine an das frühere Schuhmacher-Geschäft.
Ferien? «Das interessiert mich nicht!»
Nach über 50 Jahren hat er seine Schuhmacherei aufgegeben. Warum geht der Mann mit Jahrgang 1937 nicht einfach in den Ruhestand, sondern versucht sich nochmals als Jungunternehmer? Er macht es nicht wegen des Geldes, die Arbeit ist sein Leben: «Ferien sind für mich ein Fremdwort. Das interessiert mich nicht», erklärt Abbiasini in kernigem Italo-Bärndütsch.
Nach wie vor arbeitet er meist sieben Tage die Woche, steht immer spätestens um 7 Uhr auf. Gegen 11 Uhr wechselt er von seiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung im hinteren Teil des Hauses in das Geschäft. Isst am Ladentisch sein Zmittag. Dann arbeitet er bis nach 20 Uhr. «Ich will nicht mit fast 89 Jahren mein Leben umstellen. Ich schätze es, mit den Leuten zu plaudern. Die Kundschaft ist für mich eine Art Familie geworden», sagt die Lorraine-Legende, die nie in Pension geht.
Mit dem Wandel der Lorraine mitgehen
Mit der Gelateria geht die Italo-Ära an der Lorrainestrasse weiter: Caramel, Erdbeer, Aprikosen, Pistache, Mango stehen bislang in der Kühlvitrine. Die Glace stellt er nicht selbst her. Sie stammt von Gasser Glace in Schwarzenburg. Für den Umbau investierte er rund 5000 Franken.
Schuhe sind tempi passati. «Ich hatte 80 Jahre lang Schuhe in den Fingern, das reicht. Die Jungen tragen sowieso nur noch Turnschuhe», sagt der in Caserta bei Neapel aufgewachsene Senior. Er mag nicht mehr Schuhe flicken, auch weil ihn die Gicht dann und wann wieder plagt. Davon abgesehen wirkt Edoardo fit und gesprächig wie eh und je, trotz fünf Bypässen.
Die Lorraine habe sich in all den Jahren stark gewandelt, es habe weniger ältere, dafür mehr junge Menschen hier. Den Familien könne er mit den Gelato etwas bieten.
Vom Schuhmacher zum Glaceverkäufer
Kaum jemand hat den Wandel der Lorraine vom Arbeiter*innen- zum Trendquartier so miterlebt wie Edoardo Abbiasini. 1976 zog der Schuhmacher an die Lorrainestrasse. Sechs Jahre später eröffnete er die Pizzeria «Tricolore» und wurde zum Take-away-Pionier, als er den Gewerbeschüler*innen reihenweise Pizzen verkaufte.
Gleichzeitig führte er im selben Haus die Pizzeria und die Schuhmacherei. Später übernahm er dort Stockwerkeigentum. Die Lorrainestrasse ist seither weit mehr als eine Geschäftsadresse – sie ist sein Zuhause.
Leben zwischen Neapel und Bern
Ob Pizza, Kings Kebab, die Schuhmacherei und Gelato: Edoardo Abbiasini hat in seinem Leben viel ausprobiert. Geprägt hat ihn jedoch besonders seine Kindheit, in der er den Zweiten Weltkrieg am eigenen Leib erlebte. Mit seinen vier Geschwistern lebte er in einem einzigen Raum. «Wir hatten kein Geld, kein Brot, kein Wasser, waren nur Haut und Knochen.» Edoardo Abbiasini hat zwei Töchter. Sein Sohn verstarb als Kind. Seine Frau ging vor vielen Jahren zurück nach Italien.
Edoardo will noch 20 Jahre weitermachen
Zurück in seine Heimat will Edoardo Abbiasini nicht mehr. «Soll ich zum Sterben nach Italien? Ich bleibe hier.» Kürzlich habe er dem «Herrgott» einen Brief geschrieben. Sein Wunsch: Noch 20 Jahre weiterleben. Der Herrgott habe sein Anliegen dem Papst weitergereicht. Auf eine Antwort warte er noch. Sicher ist für Edoardo Abbiasini nur eines: Aufhören will er noch lange nicht.
Dieser Beitrag erschien als Erstveröffentlichung auf hauptstadt.be. Es ist der erste Beitrag der AfdN-Medienpartnerschaft mit dem Berner Online-Magazin.