FEUERWEHR VIKTORIA

Saisonales Auf und Ab im grünen Secondhandladen

Weitergeben statt wegwerfen: In der Pflanzenbrocki in der Feuerwehr Viktoria erhalten ausgemusterte Pflanzen ein zweites Leben. Die Gärtnerinnen Kristina Hodel und Nora Hürlimann verwirklichen hier ein Geschäftsmodell mit Zukunft.

Claudia Langenegger
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Die Gärtnerinnen Nora Hürlimann und Kristina Hodel. Bilder: Claudia Langenegger

Es wuchert und grünt im Innenhof der Feuerwehr Viktoria. Eine Palme streckt ihre spitzen Blätter in den azurblauen Sommermorgen, kleine Pflänzchen stehen neben hoch wachsendem Grün, drinnen im Laden gedeihen Monstera mit ausladenden Blättern, zahlloses Zimmergrün wächst in Töpfen, Kakteen zeigen kunstvoll ihre Stacheln. Die Pflanzen stammen aus Wohnungen, Büros und Gärten – wo sie wegen Umzug, Platzmangel oder Gartenumgestaltungen nicht mehr bleiben konnten. Nun werden sie hier in der Pflanzenbrocki von Kristina Hodel und Nora Hürlimann gehegt, gepflegt und für ein neues Zuhause parat gemacht.

Gewächse mit Geschichte

«Manche Pflanzen sind 30 Jahre oder sogar länger gewachsen. Sie sind liebevoll gehegte Wesen mit Geschichte», erzählt Nora. Sie sorgt mit Kristina dafür, dass sie ein neues Zuhause finden. Eine Pflanze nicht zu entsorgen, ergibt Sinn. In den Gewächsen stecken oft nicht nur viel Liebe und Pflege, sondern auch Ressourcen: Wasser, Dünger, Beleuchtung, Heizung, Arbeit und oft auch ein langer Transportweg. Besonders dann, wenn sie aus einer Treibhausplantage im Ausland stammen.

Freundinnen fürs Leben

Nora und Kristina haben sich vor gut 20 Jahren während der Lehre in der Gartenbauschule Niederlenz AG kennengelernt, wo sie sich ihr Internatszimmer teilten. Aus den Arbeitskolleginnen wurden Freundinnen und sie haben immer wieder an Ideen herumgetüftelt, was sie als gemeinsames Geschäftsprojekt verwirklichen könnten.

Vor etwa fünf Jahren kam die zündende Idee: einen Secondhandladen für Zimmer- und Gartenpflanzen. «Wir lieben Pflanzen und lieben Brockis», sagt Nora. Sie waren damals als Gartenbauerin beziehungsweise Floristin tätig und mussten oft zusehen, wie gesunde Sträucher, Bäume, Zierpflanzen oder Schnittblumen im Kompost landeten. «Es wird grundsätzlich viel weggeworfen, was nicht weggeworfen werden müsste – eben auch viel Grünes.»

Pioniertat

2022 war es so weit: Nora gab ihre Anstellung als Gartengestalterin und Kristina jene als Floristin auf und sie eröffneten auf einer kleinen Fläche in einem Vintage-Laden in der Feuerwehr Viktoria die Pflanzenbrocki. Es war eines der ersten seiner Art schweizweit. Im Februar 2023 zogen sie mit ihren Töpfen und Gewächsen in einen grösseren Raum neben dem Restaurant Löscher ein. Das Besondere: Statt einer gemauerten Wand sorgen ihre Pflanzen für die Abgrenzung zur Beiz. So kommen auch die Gäste im Löscher in Genuss der grünen Pracht.

Für den Aufbau ihres Geschäfts waren die beiden Gärtnerinnen auf Erspartes angewiesen, mittlerweile können sie von ihrem Geschäft leben und zahlen sich einen Lohn aus – wenn auch einen bescheidenen. Was für sie aber mehr zählt: Etwas Sinnvolles zu verwirklichen und ihrer Arbeit mit Begeisterung nachzugehen.

Profis am Werk

In jeder Pflanze, die hier steht, steckt ein Haufen Arbeit. Die grüne Ware, die zu ihnen kommt, wird begutachtet, abgestaubt, abgeduscht, umgetopft, mit frischer Erde versehen und danach mit viel Fachwissen und Liebe umsorgt. Manche päppeln sie aus einem schütteren Zustand zu einem schönen Exemplar auf. «Manchmal haben sie einen einzigartigen Wuchs – wie man ihn sonst nicht zu sehen kriegt», sagt Kristina. Diese einmaligen Prachtstücke begeistern sie immer wieder aufs Neue.

Anders als bei Grossverteilern, wo Blumen, Sträucher und Kräuter den Käufern von ihrer allerbesten Seite gezeigt werden, befinden sie sich in der Pflanzenbrocki in ihrer natürlichen Saison – Oleander blüht, wenn es seine Zeit ist, und nicht, weil das Treibhaus ihn dazu gebracht hat. «Hier sind die Pflanzen so, wie sie sind, und so, wie sie auch im Daheim gedeihen», erklärt Nora.

So gut sie sich um die Secondhandware kümmern, so wichtig ist es ihnen auch, dass sie an einen passenden Standort kommen. Wenn es sich in der Beratung der Kundschaft zeigt, dass es nicht passt, raten sie auch ab.

Saisonales Auf und Ab

Irgendwie müssen die Pflanzen zu ihnen kommen, doch einen Abholservice können sie nur in Ausnahmefällen und in beschränktem Rahmen anbieten, für mehr fehlt es an Ressourcen – die Zeit und das Geld. Eigentlich wäre es toll, wenn ein Sponsor ihre ökologisch sinnvolle Kreislaufwirtschaft unterstützen würde und einen Abholservice zur Verfügung stellen könnte. Aber: «Was, wenn wir dann aus allen Nähten platzen würden? Wir müssen die Pflanzen ja auch versorgen. Doch im Winter wäre es durchaus willkommen», meint Nora. Denn im Januar ist der Laden manchmal halb leer. «Das ist schwer auszuhalten.»

Anders jedoch im Frühling, wenn die Gartensaison beginnt, und im Herbst, wenn es ans Einwintern geht: Dann kommen die Gewächse zahlreich, ihre Ladenfläche ist dann auch mal zum Bersten voll.

Ihre grüne Secondhandware findet meist schnell neue Besitzer. Bloss bei hochgewachsenen Kakteen oder grossen Olivenbäumen kann es länger dauern – doch das stört die beiden nicht. «Es ist schön, wenn manche Pflanzen etwas bei uns bleiben», sagt Kristina und meint damit auch den gut drei Meter hohen Kaktus, der in der Ecke neben dem Eingang steht.

Die süss duftende Mandarine, das kleine Olivenbäumchen vor dem Eingang, die Oleandersträucher, die Avocado und die schwarzen Meertrübeli werden sicher bald in einem neuen Zuhause stehen und mit ihrem Duft, ihren Blättern und Blüten die neuen Besitzerinnen und Besitzer erfreuen.

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Eingang der Brocki zur Viktoriastrasse hin.
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Blick in die Welt der Secondhandpflanzen.
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