«Wie sind diese Bergflanken entstanden?»
Eine schöne Frau, die nachdenkt, bevor sie redet. Ihr Blick geht zum Fenster hinaus, kehrt zurück, und es ist, als brächte er mit, was sie dann ruhig erzählt. Sie war schon an vielen Ecken der Welt und möchte neue sehen. Bis es so weit ist, besucht sie Baustellen und prüft deren Umweltverträglichkeit.
Es sind jetzt ziemlich genau 20 Jahre, seit ich in Bern wohne. Wie die Zeit vergeht… Am Anfang an der Radarstrasse, in einer kleinen Einzimmerwohnung, später zügelte ich mit meinem damaligen Mann Blaise in eine grössere Wohnung, ebenfalls an der Radarstrasse, und in der Gegend bin ich geblieben. Via Schönburgstrasse nun an die Humboldtstrasse. Das Nordquartier ist super, so nah an der Aare und einmal «umgheie» und du bist im Rosengarten. Ich arbeite gegen den Ostring hin, die Stadt ist nah und im Breitsch gibt es diese dörfliche Atmosphäre. Du findest im Nordquartier alles, was du brauchst. Sogar ein Kino. Und dabei wohne ich sehr ruhig, jetzt zusammen mit Patrick, meinem Partner, und David, meinem Sohn (s. Quartierchopf 180). David ging im Spitz zur Schule und «schuttet» dort. Wir sind also sehr verwurzelt im Quartier.
In meiner Anfangszeit in Bern war ich im Breitschträff engagiert. Mein Ex-Mann und ich machten dort sogar unser Hochzeitsfest, multikulti, er im Chüjermutz und ich im afrikanischen Kleid. Neben der Arbeit und mit dem Kind wurde es mir dann aber zu viel. Aber ich gehe immer noch gerne im Breitschträff äthiopisch essen, Eskedar kochte auch für unsere Hochzeit.
Starten wir nun in Nepal, wo ich 1977 auf die Welt kam, als erstes von drei Kindern. Ein Jahr später wurde mein Bruder geboren. Vater war in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und Mutter unterrichtete in einem administrativen Trainingskurs für tibetische Geflüchtete. Als ich ungefähr eineinhalb Jahre alt war, zogen wir via Schweiz nach Ruanda. Dort kam dann meine «Schwoscht» auf die Welt. Ich besuchte den französischen Kindergarten, habe aber insgesamt nur schwammige Erinnerungen an jene Zeit. Nach ungefähr vier Jahren kehrten wir in die Schweiz zurück, in die Gegend von Winterthur, wo ich in den Kindergarten und in die erste Klasse ging. Schöne Erinnerungen an «kilometerlange» Schulwege übers Land und drei Klassen in einem Zimmer. Nach zwei Jahren reisten wir ab nach La Paz, Bolivien, wo Vater für die DEZA arbeitete. Ich besuchte die deutsche Schule, das Colegio Alemán. Mutter arbeitete als Kindergärtnerin im Colegio. Bolivien ist mir schon noch sehr präsent. 2001 ging ich noch einmal für zwei Monate hin.
Wiederum nach zwei Jahren kamen wir zurück in die Schweiz. Vater wechselte zu Intercooperation nach Bern und wir landeten in einer neuen Bleibe in Thun. Das war 1989. Meine Freizeit verbrachte ich zuerst mit Klavierspielen und Volleyball, bis ich dann im Seeclub Thun das Rudern entdeckte. Als Juniorin bestritt ich Wettkämpfe, auch international. Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Später wurde ich Trainerin und heute bin ich Präsidentin des Vereins.
Nach dem «Semer», auf einer Heimreise aus den Ferien, sah ich Bergflanken, die von der Sonne beschienen wurden, und fragte mich: Wie sind die entstanden? So faszinierend! Ich beschloss, Geografie zu studieren.
Für die Masterarbeiten reisten wir zu fünft für zwei Monate nach Äthiopien. Mein Thema war «Schutz und Nutzung des Bergwaldes in der Region der Simien Mountains», einer Hochebene, die als Weltnaturerbe eingestuft ist. Wir wohnten in Zelten und waren mit Eseln, Betreuungspersonen, Übersetzerinnen und Übersetzern unterwegs und erhoben auch im Auftrag der Uni Daten. 2005 schrieb ich die Masterarbeit. In jener Zeit lernte ich an einem Fest Blaise kennen. Wir zogen zusammen an die Radarstrasse und 2010 kam David auf die Welt.
Die Mitarbeit als Hilfslehrerin bei einem Umweltbildungsprojekt war mein Einstieg ins Berufsleben. Ich kam in Kontakt mit Umweltbüros, bewarb mich spontan bei Sigmaplan, bekam eine Stelle und begann als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Heute leite ich in dieser Firma verschiedene Projekte, bin Mitglied der Geschäftsleitung und Teilhaberin. Schwerpunktmässig erstellen wir in der Umweltabteilung Umweltgutachten über Bauprojekte für Private oder die öffentliche Hand und begleiten die Realisierung im Bereich Hochwasserschutz, Bahntrasseesanierungen usw. Jedes grössere Bauvorhaben muss von Gesetzes wegen auf seine Umweltverträglichkeit geprüft werden. Wie können Boden, Flora und Fauna, der Wald, das Grundwasser geschützt werden? Wir weisen im Interesse aller auf mögliche Probleme hin. Manchmal haben wir eine Vermittlungsfunktion zwischen Bauherrschaft und Behörden oder zwischen verschiedenen Ämtern: Die einen wollen beschattete Uferzonen, andere wollen gleichenorts besonnte Wiesen für die Libellen.
Die Arbeit bei Sigmaplan ist sehr abwechslungsreich. Als Gutachterin begegne ich Menschen mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund (Ingenieure und Ingenieurinnen, Bau, Landwirtschaft). Dass mir dies so gefällt, ist vielleicht eine Kindheitsprägung.
David ist nun grösser, mir stellte sich die Frage, ob ich in der Firma auf 100 Prozent aufstocken oder etwas Ergänzendes tun wolle. Ich entschied für das Zweite und arbeite jetzt seit zirka zwei Jahren ehrenamtlich in der Insel als Patientinnen- und Patientenbetreuerin. Einmal wöchentlich bin ich an einem «Nami» dort und habe einfach Zeit. Schwatzen, spazieren, Haare waschen – was gewünscht wird. Das ist sehr interessant. Zumal ich einmal «Krankenschwester» werden wollte. Diese Stunden im Inselspital möchte ich gar nicht missen.
Mütterlicherseits habe ich Wurzeln im Haslital. Auch dort betreute ich bereits viele Projekte. Es ist schon eine sehr schöne Gegend. Unsere Oase. Ruhig, viel Grün, Natur rundum, ein Daheimgefühl. Ich schätze das, gerade bei der Arbeit. Sowieso, dass wir nicht nur im Büro hocken. Manchmal werden die Leute fast neidisch, wenn ich an schönen Orten Baustellen ablaufen kann. Ja, das ist schon sehr cool.
Ein Traum? Ja, oder ein Wunsch: Ich möchte unbedingt mal wieder längere Zeit reisen oder an einem fremden Ort leben. Andere Gerüche, Geräusche, Geschmäcker, auch Sprachen aufsaugen und mich davon bereichern lassen. Auch raus aus der Komfortzone. Denn die birgt die Gefahr, dass sie sich abnützt oder dass man gar nicht mehr merkt, was man eigentlich alles hat. Man wird bequem. Im Kleinen holte ich mir das Neue mit dem Inselengagement, wo ich auch nicht weiss, wer hinter der Tür ist, die ich öffne. Da muss ich sehr situativ reagieren. Bei der Arbeit kenne ich inzwischen das meiste, es läuft, das ist gut so. Aber ich suche auch die Herausforderung: Irgendwo hingehen, wo du aufmerksam sein musst, neugierig sein kannst, nicht genau weisst, was dich erwartet. Lebendig sein.
Wie im Jahr 2023, als ich mit David nach Togo reiste, in das Herkunftsland seines Vaters, wo wir die Familie besuchten.
Im Grossen und Ganzen bin ich sehr zufrieden mit dem, was ich habe und mache und dankbar dafür, wie es uns geht. Es ist okay, wenn man nicht immer alles machen kann, was man möchte. Das auszuhalten tut gut, gibt mehr Gelassenheit und weniger den Stress, «i müess überall häreseckle».
Aufgeschnappt von Katrin Bärtschi