THEATER GURTEN 2026

«Ufhöre, wes am Schönschte isch»

Vor 26 Jahren hatte Regisseurin Livia Anne Richard einen Traum: auf dem Gurten Theater zu spielen. Nun nimmt sie mit dem Stück «So viu Läbe» Abschied vom Berner Hausberg.

Jean-Claude Galli
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«Grossartig», sagt alt Nationalrätin Regula Rytz, als sie kurz nach 22 Uhr sichtlich berührt von der Tribüne kommt. Und auch Thomas Bornhauser drückt seine Begeisterung so aus. Er ist als früherer Migros-Aare-Sprecher einer der Wegbereiter für Livia Anne Richard und deren Theater Gurten. Seit 24 Jahren gibt es hier im Zweijahrestakt eine Produktion aus ihrer Hand, 12 insgesamt, besucht von rund 200000 Menschen. Das jetzige Publikum – darunter Grössen wie Esther Gemsch oder Heidi Maria Glössner – belohnt das neue Stück «So viu Läbe» mit einer mehrminütigen Standing Ovation.

«Heute sind die Schauspielerinnen und Schauspieler geflogen», sagt Richard gegenüber dem «Anzeiger für das Nordquartier». «Auch ich war völlig in Bann gezogen. Die Gegensätzlichkeit von Ernsthaftigkeit und Witz funktioniert.»

Beim Vor-Apéro für die Premierengäste ist die Stimmung noch leicht wehmütig. «Heute ist ein denkwürdiger Abend», sagt Richard. «Auch etwas Trauer ist dabei.» Nach der Vorstellung überwiegt «eindeutig die Freude. Und die Erleichterung darüber, dass dies ein unvergesslicher Theatersommer wird, in dem das Leben und der Tod beide Platz haben.»

Feines Gespür, heiliges Feuer

Vor sieben Jahren schreibt Richard für den Gurten ein Stück zum Thema Alter und Generationen. Dann kommt die Pandemie. Als sie das Stück 2025 wieder vornimmt, wirkt es überholt. Sie löscht es und beginnt mit dem Schreiben neu. Angesiedelt ist «So viu Läbe» im fiktiven Alters- und Pflegeheim Inseli.

Die älteste Figur ist wie ihre Darstellerin 87, die jüngste Mitte 20. Im Zentrum stehen zwei Fragen: Weshalb haben wir noch immer einen tabuisierenden Umgang mit dem Tod? Und was können wir tun, damit ein Leben mit jedem Jahr an Wert gewinnt und nicht verliert? Das Thema Demenz berührt Richard persönlich. Ihre Mutter leidet an dieser Erkrankung und lebt seit eineinhalb Jahren in einem Pflegeheim.

Daneben greift das Stück aktuelle Themen wie Diversität, Klimawandel oder Generationenkonflikte auf. Doch Richard zeichnet kein Schwarz-Weiss-Bild. Und bedient schon gar keine Positionen. Links und rechts sollen bei ihr nebeneinander im Publikum sitzen können.

Um abzuschätzen, ob eine Produktion ankommt, braucht sie nicht auf die Bühne oder Tribüne zu schauen. «Ich spüre energetisch, ob eine Resonanz da ist oder nicht. Ob sich das Feu sacré von der Bühne aufs Publikum überträgt. Heute Abend ist der Funke übergesprungen.»

Bei der Derniere Ende August gibt es sicher noch einen weiteren emotionalen Höhepunkt. «Aber ich werde ja nicht aufhören mit dem Theater», sagt Richard. In Zukunft will sie Stücke schreiben und auch inszenieren, jedoch ohne die Gesamtverantwortung zu tragen. Zwei Romane sind ebenfalls fast fertig.

Und am Schluss des Abends spielt das Theater wieder einmal voll das Leben, indem der zuvor als Bühnenrequisite dienende Rollstuhl zum Transport einer kürzlich am Meniskus verletzten Zuschauerin benutzt wird, eigenhändig organisiert von Livia Anne Richard. «Ufhöre, we s am Schönschte isch», schreibt sie im Programmheft. Wie wahr.

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