Drei Frauen, ein Laden, tausend Farben und Muster
Der Schnittpunkt in der Lorraine ist Coiffeursalon, Nähatelier und Laden zugleich. Trotz seiner Erfolgsgeschichte schliesst das Geschäft auf Ende Jahr seine Tore. Das Nähatelier gibt es weiterhin – an einem neuen Standort. Es gibt auch in Zukunft farbenfrohe Bikinis und Badekleider auf Mass und gratis dazu die Erkenntnis, dass jede Figur eine Bikinifigur ist.
Farbenfreudig und einzigartig: Nicht nur wer in der Lorraine wohnt, kennt den Laden. Denn die liebevoll und bunt dekorierten Vitrinen an der Lorrainestrasse 21 fallen auf. Hier gibt es, was sonst kaum zu finden ist: handgenähte Bikinis und Badekleider. Individuelle Einzelstücke, produziert von Gabi Graser und Regula Maurer. Und wer in der Badi nicht nur eine gute Figur machen will, sondern dabei auch mit einer schönen Frisur aufwarten will, kann sich im Schnittpunkt bei Pascale Guggisberg in den Coiffeursessel setzen und sich die Haare schneiden lassen.
Aussergewöhnliches Konzept
Die einzigartige Verbindung von Laden, Nähatelier und Coiffeur ist aus kreativem Freigeist entstanden. «Ich habe den Schnittpunkt als Coiffeursalon eröffnet und im Lauf der Zeit mehr und mehr Kleider genäht», erzählt Gabi Graser. «Vor sieben Jahren habe ich mit dem Haareschneiden ganz aufgehört.» Denn ihre grosse Passion gehört den bunten und gemusterten Stoffen, die sie an der Nähmaschine zu individuellen Kleidungsstücken verwandelt.
Es ist schon fast ein halbes Jahrhundert her, seit die umtriebige Bernerin und gelernte Coiffeuse an der Herzogstrasse im Breitenrain ihr eigenes Geschäft eröffnet hat. Das war 1984. Ihr Laden war schnell ein Erfolg. «Die Kundschaft verdoppelte sich von Woche zu Woche!» Pascale kam als Teilhaberin dazu und vor gut 20 Jahren bewarb sich Regula als Schneiderin – und ist seither ebenfalls dabei. Die drei Frauen wurden zu einem perfekt eingespielten Trio. «Wir sind alle sehr unterschiedlich und passen gleichzeitig perfekt zusammen. Die Arbeit hier ‹fägt einfach›», sagt Regula.
Vom Breitenrain in die Lorraine
Vor 15 Jahren erhielten sie in der Herzogstrasse die Kündigung. «Und das kurz nachdem wir unsere Räumlichkeiten renoviert hatten», erinnert sich Pascale. Die drei Frauen hatten Glück im Unglück. Für die Räumlichkeiten an der Lorrainestrasse 21 wurde dringend eine Nachfolge gesucht. Ein Glückstreffer. «Die Räume hier sind grosszügiger und heller, es hat dieses breite, schöne Schaufenster und der Standort ist besser: Wir haben hier mehr Laufkundschaft.»
Mit dem Bestseller in die Badi
Ihr Markenzeichen, das stets in den Vitrinen zu bewundern ist: Bikinis und Badekleider. Gabi kam per Zufall auf das Nähen von Bademode. «Eine Freundin kam zu mir und sagte, dass es nirgendwo Bikinihöschen mit Beinen gäbe – also habe ich ihr diese genäht.» Es folgten weitere Bikinis und Badekleider, stets vielfarbig und gemustert, ab Stange und auf Mass. Sie wurden zum Renner.
Für viele Frauen war und ist es eine Erlösung: Endlich hat man mal einen Bikini, der passt. Egal, ob der Busen üppig oder flach ist, das Becken breit oder schmal, der Po rund oder flach. Die Kundinnen und Kunden können sich aus einer Auswahl an Stoffen ihr eigenes Modell zusammenstellen. Gemustert, uni, mit Saum, ohne Saum.
Voller Tatendrang
Schnittpunkt hat sich nicht nur als Coiffeur- und Nähatelier einen Namen gemacht. Legendär sind auch die Modeschauen, die sie während vieler Jahre im Lorrainebad durchgeführt haben.
Sie waren witzig, kreativ und voller Lebensfreude. Über den Laufsteg – die schmale Brücke über dem Bassin – stolzierten nicht spindeldürre Kleiderständer, sondern echte, gutaussehende Menschen. Mal stellten sie als Dekoration ein pinkfarbenes Pontonierboot ins Bad, mal schritt der Bademeister über den Laufsteg, mal wurde mit den Models ein Memory-Raten inszeniert. Ein guter Schuss Humor war immer dabei.
Die Modeschauen bedeuteten aber auch viel Aufwand. 2013 führten sie während der Schweizer Velokurier-Meisterschaft, als die Lorrainestrasse gesperrt war, ihre letzte Show durch: Sie hatten ihren Laufsteg gleich vor der Ladentüre.
Schluss und doch gehts weiter
So gut es läuft und so schön es im Schnittpunkt an der Lorrainestrasse 21 ist, diese Ära geht leider zu Ende. Auf Ende 2026 ist Schluss: «Wir schliessen schweren Herzens das Lokal», sagen die drei. Die beiden Schneiderinnen Gabi und Regula machen zu zweit weiter – in einem Atelier ohne Schaufenster und ohne Laden. Auch wenn es weitergeht – der Ort wird fehlen. «Viele Leute sagen zu uns: ‹Wo sollen wir nachher hin?›», sagt Gabi. Ihre Kundinnen verlieren nicht nur ihre Coiffeuse und ihr Lädeli, sie verlieren auch einen Treffpunkt.
«Mir werden der Ort, die Zusammenarbeit und das Schaufenster fehlen, der spontane Kontakt mit den Leuten», sagt Regula. «Hier können wir einfach rausgehen, am Mittag vor den Laden höckle und Zmittag essen.» Gabi fügt an: «Man trifft immer wieder Freunde, Bekannte und hat auch mal einen Schwatz mit Vorbeigehenden.»
Lotto!
Es wird aber nach wie vor die Möglichkeit geben, sich zu treffen. Bereits zum vierten Mal führten sie ein Lotto durch. Ein Heidenspass, den sie nicht aufgeben wollen. «Das machen wir sicher weiterhin, das ist ja nicht an den Ort gebunden», sagt Gabi. Bis es so weit ist, wird nächstes Jahr. Informationen zum neuen Standort werden sie auf ihrer Website bekannt geben. In der Zwischenzeit kann man sich seinen eigenen Bikini bestellen und einen der letzten Coiffeurtermine bei Pascale buchen.