«Ich stehe so da, höre und staune»
Sie ist im Quartier verwurzelt, im wahrsten Sinn des Worts. Und gleichzeitig mobil. Zwei Umzüge hat sie bereits mitgemacht. Von der Wylerringstrasse an die Flurstrasse und wieder zurück, in neue, helle Räume. Sagt wer, dass Pflanzen nicht kommunizieren? Philodendron Goeldi hat geflüstert, zur offenen Tür in die Gluthitze hinaus, und das Buschtelefon trug ihre Worte weiter…
Ich stehe hier in dem Raum, den sie «offene Stube» nennen, und sehe und höre so allerlei. Vor den Fenstern ein Platz mit Tischen, Stühlen, Sonnenschirmen und Blumen ringsumher. Auf der Strasse spielen Kinder. Im Büro sitzen hinter Glas die Mitarbeiterinnen des Quartierzentrums Nord und haben viel zu tun. Soweit ich es verstehe, teilen sie die Zeit in Arbeitstage ein, in Stunden und Minuten. Für mich gibt es nur hell und dunkel, Tag und Nacht. Doch, habe ich gelernt, andere Einteilungen zu erkennen.
Den ersten Tag einer Woche nennen sie Montag. Irgendwann im Verlaufe dessen, was Vormittag heisst, beginnt die Arbeit im Zentrum. Wenn wir Pflanzen Glück haben, werden wir gegossen. Wenn Stress herrscht, werden wir manchmal vergessen.
Um neun fängt in einem separaten Raum der Deutschkurs an, Danièle, die Kursleiterin, kenne ich seit vielen Jahren. Nina, die Zentrumsleiterin, und Corine von der Administration besprechen derweil gleich neben mir die bevorstehende Woche und klären offene Fragen. Ich höre zu und staune. Dann ist schon Mittag. Um eins öffnet der Schalter der Infostelle.
Nun wird es lebendig. Allerlei Leute tauchen auf. Wollen Räume mieten. Oder Tageskarten kaufen. Ja, die Tageskarten sind begehrt, die Leute verreisen gern. Und ich stehe da, angewurzelt, und versuche, mir vorzustellen, wie das geht, reisen... Khrystyna, die Praktikantin, hilft in der Administration. In einem Nebenraum begegnen Ratsuchende dem Lorraine-Quartierarbeiter Markus. Sogenannte Leerkündigungen waren ein grosses Thema. Markus unterstützte die Betroffenen bei der Wohnungssuche. Oder er vermittelte sie an Fachstellen. Manchmal bringen Menschen ihnen unverständliche Papiere. Er telefoniert und hilft, Lösungen zu finden. Nina ist zuständig für die vielen Kurs- und Veranstaltungsideen, die zu uns getragen werden. Und in der offenen Stube wirkt Zorica als Gastgeberin. Am Abend kommt die Hip-Hop-Gruppe und verschwindet ins zweite UG.
Ein schöner Wochenstart.
Am Dienstag machen die von der Infostelle manchmal Homeoffice. Aber die Stube ist offen, wie jeden Werktag von 9 bis 17 Uhr. Hereinspaziert! Kaffee trinken, arbeiten, in den Bücherschränken stöbern!
Am Nachmittag ist Tanzkurs. Einige Tänzerinnen kommen seit Jahren. Und ich wippe insgeheim auf meinem Stamm. Tanzen…!
Am Abend füllt sich das Zentrum. Rechtsberatung für Frauen der Infra. Gut besucht. Leider. Denn es geht immer um Probleme. Ich bekomme viele Geschichten mit, die mich sehr berühren. Und irgendwo probt der feministische Streikchor.
Am Mittwoch sind die Frauen vom Büro da und oft Selina, die Quartierarbeiterin vom Wankdorffeld. Der Schalter der Infostelle ist aber nur am Montag und Freitag offen. Darauf müssen die Mitarbeiterinnen wieder und wieder hinweisen – ein «Running Gag», wie sie sagen. Der erste Kinonachmittag für Bewohnende des Domizils war lustig. Den einen gefiel der Film nicht, sie gingen wieder. Andern war der Stuhl zu hart, einige wollten zuerst eine rauchen…
Der Dialog Nord hält seine Sitzungen im QZN ab. Und – leider nur gedämpft – tönen schamanistische Trommeln. Irgendwo im Keller leitet Maria das FIT & WELL.
Dann ist schon Donnerstag. Wieder ein Deutschkurs. Und Telefonberatungen der Infra. Im zweiten UG turnen Seniorinnen und Senioren unter der Leitung von Käthi. Ändu, der frühere Betriebsleiter – ich erinnere mich noch sehr gut an ihn! – ist auch dabei. Und am Nami – hier im Neubau auch kaum zu hören – das Pingpong von «Plusport». Am Nami Malen mit Nicole und am Abend der Kunstkurs von Marina.
Der Freitag ist so, wie ich mir ein Bienenhäuschen vorstelle. Das Nähatelier mit Silvana dauert den ganzen Tag und oft sind alle so im Fieber, dass die Bürofrauen ab und zu lachend Pausen ausrufen.
Und es finden Raumübergaben für Wochenendanlässe statt. Für Geburtstags- und andere Feste. Oder Treffen von Vereinen. Was ich da alles miterlebe! Ich behalte es jedoch für mich, ich bin keine Plaudertasche. Einmal pro Monat gibts nigerianisches Essen: bunt, fein, lebendig und öffentlich. Und die Feste! Lateinamerikanisch, ungarisch – Fröhlichkeit, Tanz und Musik.
So um fünf wird es kurz ruhig. Doch gleich kehrt das Leben zurück: mit Marinas Kunstkurs, mit Piedad und ihrem taller de teatro. Und die ungarische Volkstanzgruppe!
Am Samstag erneut Rechtsberatung der Infra. Und dann die Feste! Darauf freu ich mich jeweils besonders.
Am Sonntag kommt eine Glaubensgemeinschaft zusammen und Kinder besuchen einen Arabischkurs – ich höre diese Sprache gerne.
Das Reinigungspersonal erscheint, wenn niemand sonst mehr da ist. Die Bürofrauen würden gern öfters persönlich Merci sagen. Ich versuche, ihren Dank zu übermitteln, weiss jedoch nicht, ob mein Raunen verstanden wird.
Das Generationengemisch mag ich auch sehr an meinem neuen Zuhause. Ringsum mega viele Kinder. Kurz vor zwölf marschieren die Bewohnerinnen und Bewohner aus den Alterswohnungen W60 am Schalter vorbei zum Essen ins Domizil. Und eine Stunde später zurück. Auch für die Kita wird täglich quer durch unsere Räume das Mittagessen geholt. Alle haben ein Wegrecht – das gefällt mir! Und die Leute aus dem Altersheim, die auf dem Vorplatz sitzen. Megaschön!
Ja, das Quartierzentrum Nord ist eingebettet. Und so viele Leute sind interessiert! Halfen und helfen mit. Bei Festvorbereitungen, beim Umzug und jetzt in dieser Anfangszeit, wo vieles noch nicht eingespielt ist. Bei Grossanlässen kommt die domicil cuisine zum Einsatz. Beim Eröffnungsfest platzte das neue Zentrum aus den Nähten und das Personal rotierte. Ich stand halt nur da und sah zu.
Der Brunch des Miteinanders, die Femmes-Tische. Der Quartierflohmärit, Fairkleiden, der Nordstern, die Nachbarschaftsgruppe der W60 – und ganz viele neue Ideen und Projekte! Ah ja: Haare schneiden und Maniküre im Quartierzentrum Nord! Und am diesjährigen Tag der Nachbarschaft im Mai lag eine meterlange Cremeschnitte auf.
Das Zentrum ist hell und warm. Die kritischen Stimmen, es sei nun alles so neu, statt zusammengewürfelt wie bisher und ein bisschen – passend! – kaputt, sie schweigen nun, die Menschen sind zufrieden. Ich nehme eine schöne Stimmung wahr. Die Wylerringstrasse 58 soll wirklich ein Ort der Begegnung sein. Es freut mich, dass viele sich engagieren. Auch das Arbeitsklima wirkt positiv. Am Mittag wird zusammengesessen und geteilt. Wenn nicht Umherstressen angesagt ist.
Nun habe ich wieder viel vor mich hingemurmelt, ich hätte Interessantes zu berichten. Ja, wenn ich verstanden würde... Nun, mein Traum ist, dass das QZN im Bewusstsein der Leute lebt. «Komm, wir gehen auf einen Kaffee in unser Quartierzentrum!» Damit auch ich weiterhin einiges erleben kann.
Aufgeschnappt von Katrin Bärtschi