VERWALTUNGSZENTRUM GUISANPLATZ

Die Vermittlerin für nachhaltiges Bauen

Patricia Bürgi ist spezialisiert auf nachhaltiges Bauen. Sie hat für Gebäude D dafür gesorgt, dass die Kriterien für die angestrebten Nachhaltigkeitszertifikate eingehalten werden. Ein Gespräch über gute Räume und Biss.

sr/cae
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Patricia Bürgi ist Projektleiterin für nachhaltiges Bauen bei CSD Ingenieure AG in Bern. Bild: zVg

Was nimmt der Mensch im Raum als Erstes wahr?
Das, was wir nicht messen können: wie fühlt sich ein Raum an – hell und freundlich oder eher einengend und dunkel? Fühle ich mich ausgestellt? Kann man miteinander sprechen und es hört sich angenehm an? Die Möblierung ist nicht Teil der Zertifizierungen. Aber natürlich spielt sie für die Wahrnehmung auch eine Rolle, weil die Nutzer sie täglich benutzen.

Und was kann man messen?
Im Frühjahr fanden im Gebäude die Raumluftmessungen für die Zertifizierung Gutes Innenraumklima GI 2.0 statt. Mit den Messungen wird geprüft, ob die Raumluftwerte den Vorgaben entsprechen und sich darin keine schädlichen Substanzen befinden. Zum Innenraumklima gehört aber mehr als nur saubere Luft. Es geht auch um Lichtverhältnisse, um Raumakustik, um Wärme-Kälte-Lüftungs-Regulierung, die man für die Fläche berechnen und optimal für ein angenehmes Raumklima planen kann.

Wie werden die Voraussetzungen geschaffen, dass am Ende Zertifizierungskriterien erfüllt sind?
Jedes einzelne angestrebte Gütesiegel hat eigene Anforderungen. Sie ergänzen sich zum Teil, aber grundsätzlich gilt es, Hunderte von Kriterien im Blick zu behalten. Damit das gelingt, müssen bei jedem Bauprojekt die Verantwortlichen für die unterschiedlichen Nachhaltigkeitsbereiche benannt werden. Das betrifft alle – die Bauherrschaft, Fachplaner, Nutzende oder Gebäudebetreiber. Aus ihrer Sicht müssen die Kriterien für die Architektur, die Lichtplanung, Energiekonzepte, Oberflächen, Materialien oder Einrichtung von Anfang an einfliessen. Es beeinflusst zum Beispiel das Aussehen der Fassade, wenn ich sie nicht nur als ästhetisches Element verstehe, sondern als Faktor für Energieeffizienz und Raumklima. Bei so tiefen Gebäudegrundrissen wie Gebäude D ist es in den innenliegenden Räumen dunkler als entlang der Fassade – das hat Einfluss auf das Beleuchtungskonzept. Ich sensibilisiere die Planerteams für die gemeinsamen Themen.

Wie arbeiten Sie?
Grundsätzlich ist es ideal, wenn ich mit den Architekten schon im Austausch bin, wenn sie ihre ersten Ideen skizzieren. Ich verstehe die Planung als Dialog, indem ich mein Wissen vermittle. Nicht dass ich Vorschriften mache. Ich weise vor allem auf Stolpersteine hin, die sich später auswirken. Ich möchte sensibilisieren und befähigen, entlang der Nachhaltigkeitskriterien zu denken. Wenn ich erst im Endspurt dazukomme, ist es meistens zu spät.

Warum?
Weil dann zwar umgesetzt ist, was bestellt wurde. Aber möglicherweise nicht gemäss den komplexen Anforderungen der Zertifikate.

Was wurde bestellt?
Ausgangslage war, dass Planende und Unternehmen wussten, was bei den Gebäuden der ersten Etappe – die mit Labels ausgezeichnet sind – funktioniert hat und was nicht. Daran haben sie angeknüpft. Es gilt, die Vorstellungen von Ästhetik abzugleichen mit den Baustandards, die die Bauherrschaft angewendet wissen will. Dafür stelle ich sicher, dass die Anforderungen an nachhaltige Produkte in die Leistungsverzeichnisse aufgenommen sind und damit Teil der Ausschreibung werden. Mit der Submission sind die Anforderungen für die Ausführung akzeptiert. Kein Unternehmer kann dann sagen, er habe nicht gewusst, nach welchem Standard gebaut wird.

Gebäude D wird neben GI 2.0 und Minergie-P-ECO nach dem Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz Hochbau erstellt. Wie wirksam ist es, das Gebäude und den Standort an sozialen, ökologischen und ökonomischen Kriterien auszurichten?
Der SNBS ist der Standard, der mit den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt alle Dimensionen der Nachhaltigkeit im Bauwesen komplett abdeckt. Ich fasse die Wirksamkeit gern in einer einfachen Gleichung zusammen: Wenn der Mensch im Zentrum steht und wir diesen Fokus kombinieren mit wirtschaftlich verantwortungsvoller Umsetzung, dann wird ein neues Gebäude ökologisch. Wenn wir schon bauen, dann so gut und zukunftsfähig wie möglich. Und da der Bund bei seinen Bauprojekten den gesamten Lebenszyklus betrachtet, ist auch der Betrieb von Anfang an berücksichtigt. Das Gebäude ist so vorbereitet, dass es einfach umgenutzt werden kann. Diese weitsichtige Haltung ist entscheidend. Es ergibt daher für mich immer Sinn, auf die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit grossen Wert zu legen.

Ist ein guter Mix der Standards erstrebenswert?
Wenn es nicht den einen Standard gibt, der alles abdeckt und wenn bestimmte Aspekte als besonders relevant gewertet werden. Der Bund baut nach mehreren Standards. Gutes Innenraumklima betrifft die Menschen in den Räumen ganz konkret. Sich dafür den strengen Regeln unterzuordnen, heisst, den Menschen ins Zentrum zu rücken. Minergie-P-ECO und SNBS wurden in den letzten Jahren harmonisiert.

Wie behält man den Überblick?
Gute Frage! Es braucht Wissen und Biss. Die öffentliche Hand als Bauherrschaft hat eine Vorbildfunktion. Wenn der Bund so umfassende Standards nicht einhält, kann man nicht davon ausgehen, dass sich die restliche Baulandschaft dazu ermutigt fühlt. Die Idee ist schon, das vorzuleben. Zu sagen: Wir streben das an und wir investieren auch darein, weil es sich langfristig auszahlt.

Wie kann es gelingen, in den langen Zeiträumen zwischen Planung und Ausführung mit den Entwicklungen Schritt zu halten?
Solange man nicht angefangen hat zu bauen, kann man auf dem Papier immer noch anpassen. Doch sobald ein bewilligtes Projekt vorliegt, ist der erste Nagel eingeschlagen. Dann gelten die zu dem Zeitpunkt gültigen Zertifizierungsnormen. Für Gebäude D war Stichtag die Baueingabe 2020. Seitdem haben sich Minergie-P-ECO und GI in vielen Punkten weiterentwickelt.

Erleben Sie auch Schwierigkeiten?
Das teilweise nicht verstehen wollen von Planenden oder Ausführenden. Obwohl die Submission belegt: Du wusstest das, jetzt musst du liefern.

Was reizt Sie an der Vermittlung dieser komplexen Regelwerke?
Architektur ist mehr als Ästhetik. Nach dem Architekturstudium habe ich mich seit dem Jahr 2000 in Energietechnik fortgebildet und eine Zeit für den Verein Minergie gearbeitet. Dort kam ich mit Bauökologie in Kontakt. Seit gut drei Jahren vertiefe ich mich in Kreislaufwirtschaft.

Was ist das nächste Thema?
Netto-Null. Schwierig zu erreichen, aber ich möchte dazu so viel wie möglich bewirken. Es hätte mir auch Spass gemacht, als Zimmerfrau mit Holz zu arbeiten. Doch zu meiner Ausbildungszeit waren Frauen Exotinnen in dem Beruf. Ich bin sehr naturverbunden.

Sie haben acht Bienenvölker. Was lernen Sie von den Tieren?
Wenn ich zu den Bienen gehe, darf ich keinen Stress und Hektik verbreiten. Das überträgt sich eins zu eins auf sie. Letztes Jahr konnten wir knapp 300 Kilogramm Honig ernten.


DAS VZG IM AFDN

Der Anzeiger Nordquartier begleitet das Projekt «Verwaltungszentrum Guisanplatz». Er hat 2020 (Ausgaben 13 und 22), 2021 (Ausgaben 2, 4, 21 und 22), 2022 (Ausgaben 9, 11, 17 und 22), 2023 (Ausgabe 14), 2024 (Ausgabe 5), 2025 (Ausgaben 8 und 11) sowie 2026 (Ausgabe 1) ausführlich darüber berichtet und wird seine Leser:innen auch weiterhin stets über den aktuellen Stand des Projekts informieren. Sie finden alle bisherigen Beiträge im AfdN-Archiv in den angegebenen Ausgaben.

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