«PITTARIA»

Orient entzückt Okzident

Seit diesem Frühling gibt es die aus der Länggasse bekannte «Pittaria» auch im Nordquartier. Am unteren Viktoria- rain wird der stadtweit wohl beste Hummus serviert.

Jean-Claude Galli
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Eigentlich ist es angesichts des Booms der Orient-Gastronomie und der Vorlieben der potenziellen Gäste in der Lorraine und im Breitenrain erstaunlich, wie lange es dauerte, bis die «Pittaria» ins Nordquartier expandierte. Das Berner Haupthaus am Falkenplatz in der vorderen Länggasse existiert seit 2016 – und der Start im Progr-Innenhof erfolgte vor 15 Jahren. Die eigentliche Geschäftsbasis legte der 1959 in Nazareth geborene und 1980 in die Schweiz gekommene Palästinenser Sami Daher 1997 mit seinem Tee- und Imbisshaus «Pittaria» in Solothurn. Wo wir selber die besten Falafel und den besten Hummus unseres bisherigen Lebens gegessen haben, verraten wir Ihnen nicht. Eingrenzen können wir es gerne so: irgendwo im Nahen Osten.

Codename Tahini

Mittlerweile ist diese Küche in die Schweiz gekommen, um zu bleiben, meist dargeboten in einfachen Imbiss-Lokalen, oft zum Take-away-Verzehr, auch in Bern. Die Zeiten sind vorbei, als wir dafür extra an die Zürcher Langstrasse zum «Palestine Grill» pilgerten. Und selbst in der Migros ist sie dank der Familie Molcho («Neni») nicht mehr fremd.

Grundsätzlich stellen wir jedoch immer wieder fest, dass die Falafel in unseren Gegenden oft viel zu lange frittiert werden. Wahrscheinlich als Konzession an die heimischen Schnitzel-Schuhsohlen-Gaumen, wie uns jüngst ein kundiger Libanese erklärte. In Lokalen mit Mut zum echten Geschmack – die «Pittaria» ist so eines – sind die Falafel-Eckpfeiler – Kreuzkümmel, Koriander, Petersilie – auch nach dem Aufenthalt in der Fritteuse kräftig spürbar.

Und was Anthroposophen schon länger wissen, ist in Vorderasien ein uralter Hut: Entscheidend bei der Hummus-Zubereitung ist nebst dem Zitronensaft die Beigabe der Würzpaste Tahini. Das Sesamöl macht die Kichererbsen geschmeidig und geschmacklich aufregender.

Grüsse vom «West-östlichen Divan»

Die neue «Pittaria» befindet sich am Viktoriarain 19, wo bisher das Burger-Lokal «Soul Food X» domiziliert war. Geführt wird sie von Abdullah Abdo und Mujahed Mohamad, die zuvor jahrelang in der Länggasse tätig waren und einen Franchise-Vertrag mit Sami Daher abgeschlossen haben. Der Zulauf beginnt direkt nach der abendlichen Öffnung um 17.30 Uhr. Zur Kundschaft zählen zwischen 18 und 19 Uhr vor allem spärlich bekleidete Menschen mit den in Bern unvermeidlichen Schwimmsäcken. Entweder kommen sie vom Lorrainebad und haben Hunger oder stärken sich vor dem Gang dorthin. Den moralinsauren Vortrag über volle Mägen im Zusammenhang mit dem Baden in reissenden Flüssen schenken wir Ihnen. Zumal wir selber gut ohne Aarewasser auskommen. Es fliesst in jedem Fall. «Chacun à son goût».

Der Prozess der Zivilisation

Wir sitzen an einem Holztisch unter der Sonnenstore, geniessen das rege Treiben und studieren die Karte. Das Angebot umfasst Kreationen mit Fleisch (Rind, Lamm, Poulet) und Fisch (Forelle), aber auch vegetarische und vegane Gerichte, wahlweise serviert im Pitta-Brot zum Verzehr von Hand oder auf einem Teller samt Messer und Gabel. Die Dame wählt den Hummus-Teller mit Falafel, Salat und Chutney, der Herr den Schisch-Tawuq-Teller mit marinierten Pouletspiesschen. Das namensgebende Pitta-Brot dient hier nicht als Halterung, sondern liegt geschnitten in einem Korb, ideal zum Tunken.

Der grosse deutsche Soziologe Norbert Elias hätte seinem Hauptwerk «Über den Prozess der Zivilisation» angesichts dieser Unterschiede in der Handhabung noch ein wichtiges Kapitel anfügen können. Und mit einem verstohlenen Blick auf unsere Nachbarn empfehlen wir Ihnen auch die mit Käse überbackenen vegetarischen Köstlichkeiten Betenjan mit Auberginen, Süsskartoffeln, Peperoni und Kürbis oder Sabanech mit Spinat, Zwiebeln und Pinienkernen, die auf Wunsch ebenso vegan erhältlich sind. Die Getränkepalette ist überschaubar, aber umfassend und reicht von Wasser, Softgetränken, Mate, Kombucha und Ayran bis zu Bieren aus den Häusern Felsenau und Locher sowie Tee und Kaffee.

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INFOS

Küche: Der Zauber des Orients
Service: Läuft von selber
Ambiente: Ein Hauch von Grossstadt
Preise: Günstig bis mittel
Adresse: Viktoriarain 19, 3013 Bern, Telefon 031 333 60 60
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 11.30 bis 14 Uhr und 17.30 bis 21.30 Uhr, Samstag 12 bis 14 Uhr und 17.30 bis 21.30 Uhr, Sonntag geschlossen
www.pittaria-lorraine.ch

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