200 JAHRE GIBB

Am Anfang der Berufsschule stand eine private Sonntagsschule

Erst hiess sie «Handwerkerschule Bern», später «gewerblich-industrielle Berufsschule Bern», heute nennt sie sich «gibb Berufsfachschule Bern». Sie ist nicht nur die grösste, sondern auch die älteste Berufsschule der Schweiz. Dieses Jahr feiert sie ihr 200-jähriges Bestehen. 

Willi Egloff und Sonja Morgenegg-Marti, Koordination: cae
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Bilder: David Fürst und zVg

Jahrelang liess der Berner Kunsttischler Gabriel Samuel Ebersold seine Lehrlinge jeden Sonntag zum «technischen Zeichenunterricht» antraben. An den übrigen Wochentagen gab es dafür keine Zeit, da von früh bis spät gearbeitet wurde. Diese private Sonntagsschule steht am Anfang der staatlichen Berufsbildung in Bern.

Denn im Jahre 1826 wird aus dieser «technischen Zeichnungsschule» mithilfe des Standes Bern die «Handwerkerschule Bern». In einem gemieteten Zimmer werden die ausschliesslich männlichen Lehrlinge nun jeden Abend zwischen 19.30 und 21.30 Uhr auch in Mathematik, Zeichnungslehre, Rechtschreiben und Physik unterrichtet. Der sonntägliche praktische Zeichnungsunterricht beim Kunsttischler Ebersold wird fortgeführt.

Wie sich über die Jahrzehnte hinweg aus dieser winzigen Abend- und Sonntagsschule die grösste Berufsschule der Schweiz entwickelte, hat die Berufsfachschule Bern aus Anlass ihres 200-jährigen Bestehens aufgearbeitet und in einer sehr informativen und attraktiv gestalteten Jubiläumsschrift dargestellt. Lernende aus der Berufsgruppe «Fachleute Information und Dokumentation» haben diesen Prozess dokumentiert und Trouvaillen aus der Schulgeschichte auf der gibb-Website zugänglich gemacht. Aus einem schulinternen Wettbewerb ging zusätzlich ein Projekt für einen Imagefilm hervor, welcher im Oktober der Öffentlichkeit präsentiert werden soll.

Ein Spiegel der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

Die Jubiläumsschrift befasst sich schwerpunktmässig mit der Entwicklung von Berufsbildern und den Veränderungen in der schulischen Vorbereitung auf diese beruflichen Tätigkeiten. Sie spiegelt damit gleichzeitig wichtige Etappen der bernischen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und illustriert einschneidende Veränderungen in der Arbeitswelt.

So erfahren wir, dass es nicht weniger als 65 Jahre dauerte, bis erstmals eine weibliche Lernende die Schule besuchen durfte. 1893 meldete sich die erste «Lehrtochter» und erkämpfte damit den Weg zur Berufsbildung auch für junge Frauen. Schon im Folgejahr treten nicht weniger als 88 Schülerinnen in die Handwerkerschule ein.

Fast zur gleichen Zeit sehen die Verantwortlichen auch endlich ein, dass ein Unterricht am Abend, im Anschluss an einen neun- bis zehnstündigen Arbeitstag, die Lernenden überfordert. Im Wintersemester 1891/1892 wird als erster Schritt der Unterricht vom Mittwochabend auf den Mittwochnachmittag verlegt.

Neben der zeitlichen Belastung sehen sich die Lernenden auch finanziellen Hindernissen gegenüber. Die Handwerkerschule wird zwar von Bund und Kanton unterstützt, ist aber weiterhin ein privates Unternehmen. Es finanziert sich zu einem erheblichen Teil über Schulgebühren. Dass diese für viele Jugendliche eine zu hohe Hürde darstellten, wird klar, als ein kantonales Lehrlingsgesetz 1906 den Anspruch auf kostenlosen Unterricht festschreibt. Als Folge der Abschaffung der Schulgebühren steigt die Nachfrage nach Berufsausbildung so rasant an, dass die bestehende Privatschule dem Ansturm nicht mehr gewachsen ist. Auf Anfang 1910 wird daher die private «Handwerker- und Kunstgewerbeschule» von der Gemeinde übernommen und in die «Gewerbeschule der Stadt Bern» umgewandelt.

Expansion über die ganze Stadt

Weil sich die Angebote an beruflichen Ausbildungsgängen laufend differenzieren und damit auch die Zahl der Lernenden ungebremst weiterwächst, werden die seit dem Jahr 1899 genutzten Schulräume im Kornhaus bald einmal zu knapp. Mit dem Bau eines neuen Schulgebäudes in den Jahren 1937–1939 am Eingang der Lorrainestrasse erhält nicht nur die Gewerbeschule erstmals ein eigenes Schulhaus, sondern auch die Stadt Bern ein architektonisch herausragendes Bauwerk.

Die Baudirektion der Stadt will zwar zunächst vom Projekt des jungen Architekten Hans Brechbühler nichts wissen, da sie diesem ein «unschweizerisches Design» vorwirft. Sie ändert ihre Meinung, als sich herausstellt, dass die vom Architekten vorgeschlagene Konstruktionsweise eine schnelle und kostengünstige Realisierung möglich macht. Protestantischer Spareifer verhilft so dem «Neuen Bauen» in Bern zum Durchbruch.

Kaum fertiggestellt, ist das neue Schulgebäude aber schon wieder zu klein. Anfang der 60er-Jahre zieht ein Teil der Ausbildungsgänge in das Schulhaus Steigerhubel, Anfang der 90er-Jahre entsteht an der Bümplizstrasse ein neues Zentrum für gastgewerbliche Berufe und das Schulgebäude in der Lorraine wird durch einen zweiten Bau erweitert. Zusätzlich zieht ein Teil der gibb 1997 in das nahe gelegene Schulhaus Viktoria ein.

Wechsel zum Kanton

2001 wird die «Gewerblich-Industrielle Berufsschule Bern» von einer städtischen zur kantonalen Schule. Auf diesen Zeitpunkt hin übernimmt der Kanton die Zuständigkeit für alle Berufsfachschulen und Gymnasien. Das gilt übrigens auch für die auf dem gleichen Areal angesiedelte, aber von der gibb unabhängige «Technische Fachschule Bern», die sogenannte «Lädere».

Weil die gibb längst nicht mehr nur in gewerblichen und industriellen Berufen tätig ist, sondern auch zahlreiche Ausbildungsgänge im Dienstleistungssektor anbietet, wechselt sie 2019 ein weiteres Mal ihren Namen. Sie nennt sich jetzt «gibb Berufsfachschule Bern». Sie betreut inzwischen an 7 verschiedenen Standorten rund 7000 Lernende in 70 verschiedenen Ausbildungsgängen, führt rund 1000 Studierende zur Berufsmaturität, und bietet für nochmals rund 1000 Personen berufliche Weiterbildungen an. Sie ist damit nicht nur die älteste, sondern auch die grösste Berufsfachschule der Schweiz.

Wann wird wo gefeiert?

Diese 200-jährige Entwicklung soll in diesem Jahr gebührend gefeiert werden. «Gemeinsam setzen wir Leuchttürme, die zeigen, wie vielfältig, kreativ und zukunftsorientiert unsere Bildung ist», heisst es dazu in der Jubiläumsschrift.

Viel Konkreteres ist über die Festlichkeiten aber weder dieser Publikation noch der gibb-Website zu entnehmen. Die Planungen dafür scheinen noch nicht genügend fortgeschritten zu sein, um sie in der Öffentlichkeit bekannt machen zu können.

Einiges an Festaktivitäten ist schon Vergangenheit (u.a. Verteilung Jubiläumsschoggi oder Jubiläumsausgabe gibb-Magazin), einiges ist noch angedacht. So im September «gibbster» – drei Tage voller Vielfalt, Ideen und Inspiration – eine Jubiläumsfeier Ende Oktober und das gibb-Fest Mitte November.

Dieser Beitrag erschien als Erstveröffentlichung im Journal B:
https://journal-b.ch

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GIBB-FAKTEN

• 7 Schulhäuser
• 70 Berufe
• 40 Bildungsangebote
• 7000 Lernende
• 1000 Studierende
• 750 Mitarbeitende

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Ein Versprechen für die Zukunft

Sonja Morgenegg-Marti, Direktorin gibb

Es ist das Jahr 1826, als der erste Eintrag eines Manuals festhält, eine «Handwerkerschule in Bern» sei gegründet worden. Im Gründungsjahr besuchten 199 Lernende die Winterkurse. Heute heisst diese Schule gibb Berufsfachschule Bern und ist die grösste Berufsfachschule der Schweiz.

«Die gibb», wie die meisten uns kennen und nennen, wird 200 Jahre alt. 200 Jahre gibb – das sind 200 Jahre Lernen im Wandel der Zeit. Seit zwei Jahrhunderten begleitet die gibb Berufsfachschule Bern junge Menschen auf ihrem Bildungsweg, immer nah an den realen Anforderungen von Beruf, Wirtschaft und Gesellschaft. Was als Antwort auf die Bedürfnisse der damaligen Arbeitswelt begann, hat sich zu einer modernen Bildungsinstitution entwickelt, die Tradition und Zukunftsorientierung miteinander verbindet.

Die gibb war stets dort stark, wo Veränderung gefragt war. Sie hat technologische Umbrüche, wirtschaftliche Zyklen und gesellschaftliche Entwicklungen aktiv mitgestaltet, im Austausch mit Industrie, Betrieben, Verwaltung, Wirtschaft und Politik. Diese Vernetzung war und ist ein zentraler Erfolgsfaktor. Bildung entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern im Dialog mit der Praxis.

Die Vergangenheit der gibb ist eng mit der Erfolgsgeschichte der Schweizer Berufsbildung verbunden. Das duale System, die Berufsmaturität und die Höhere Berufsbildung haben wesentlich dazu beigetragen, dass Bildung in der Schweiz praxisnah, durchlässig und leistungsfähig ist. Sie eröffnen jungen Menschen und Erwachsenen vielfältige Perspektiven, fördern Fachkompetenz wie Persönlichkeitsentwicklung und stärken den Wirtschafts- und Innovationsstandort Schweiz.

Heute erleben wir eine Welt im rasanten Wandel. Künstliche Intelligenz, digitale Transformation und globale Unsicherheiten fordern uns heraus. Umso wichtiger sind jene Kompetenzen, die nicht automatisierbar sind: kritisches Denken, Kommunikation, Kooperation und Kreativität. Zusammen bilden sie das Herzstück dessen, was Menschen befähigt, mit Unsicherheit umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und Lösungen für komplexe berufliche und gesellschaftliche Fragestellungen zu entwickeln.

Im Zentrum stehen die Lernenden und Studierenden mit ihren individuellen Potenzialen, Fragen und Zielen. Unser Bildungsverständnis lässt sich mit drei Leitideen beschreiben: mehr wissen, mehr können, mehr sein. Mehr wissen bedeutet, sich Wissen selbstständig erarbeiten, Zusammenhänge verstehen und Informationen kritisch hinterfragen. Mehr können heisst, durch praxisnahe Lernsituationen handlungsfähig werden und reale berufliche, gesellschaftliche und persönliche Herausforderungen kompetent meistern. Mehr sein steht für persönliche Entwicklung, Selbstwirksamkeit und verantwortungsvolles Mitgestalten in Beruf und Gesellschaft.

Die gibb versteht sich auch als attraktive Arbeitgeberin. Sinnerfüllte Arbeit, Vertrauen, Beziehungspflege, Eigenverantwortung, Mitgestaltung und Entwicklungsmöglichkeiten prägen unsere Kultur. Wir schätzen Kollegialität, Humor, Wertschätzung und achten auf eine stimmige Balance zwischen Stabilität und Innovation. Gute Unterrichtsqualität und das Ermächtigen der Lernenden und Studierenden stehen dabei im Fokus. Die gibb blickt neugierig und offen in die Zukunft. Lebenslanges Lernen, Vielfalt als Bereicherung, Innovationen und eine reflektierte sowie verantwortungsvolle digitale Transformation sind feste Bestandteile unseres Selbstverständnisses.

200 Jahre gibb sind ein Grund zum Feiern – und ein Versprechen für die Zukunft: Auch morgen wird die gibb ein Ort sein, an dem Menschen wachsen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam eine zukunftsfähige Gesellschaft mitgestalten. Optimistisch, kompetent und miteinander verbunden.

Editorial aus dem gibb-Magazin zum 200-Jahr-Jubiläum

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GIBB-ZEITREISE

1826 › Die Anfänge der Berufsbildung in Bern
Die von einem Berner Tischler als private Sonntagsschule geführte «Technische Zeichnungsschule» wird zur «Handwerkerschule in Bern». Die kantonale Regierung unterstützt sie von Anfang an. Ab 1860 beteiligt sich auch die Gemeinde Bern finanziell, ab 1884 der Bund.

1899 › Kunst trifft Handwerk
Durch den Anschluss der Kunstschule entsteht im Kornhaus die «Handwerker- und Kunstgewerbeschule». Die Schule zählt im Gründungsjahr 973 Lernende.

1910 › Übergang in die städtische Verantwortung
Die «Handwerker- und Kunstgewerbeschule» geht am 1. Januar 1910 als «Gewerbeschule der Stadt Bern» an die Gemeinde über.

1939 › Ein neues Schulhaus in der Lorraine
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird die neue «Gewerbeschule» in der Lorraine eröffnet – ein städtebaulich avantgardistischer Bau von Hans Brechbühler. Das Gebäude signalisiert die Bedeutung der beruflichen Grundbildung.

1939 › Wachstum trotz Kriegszeiten
Im Sommersemester besuchen 2116 Lernende die Gewerbeschule an insgesamt vier Standorten in Bern.

1984 › Der Name «gibb» entsteht
Aus der Gewerbeschule wird die «Gewerblich-Industrielle Berufsschule Bern» (gibb).

1999 › Ein moderner Campus für die Zukunft
Im Lorrainequartier wird der neue Campus von Frank Geiser eröffnet. Die Zahl der Lernenden steigt auf knapp 8000.

2001 › Neue Strukturen im Bildungswesen
Der Kanton ist neu für alle Berufsfachschulen und Gymnasien zuständig. An der gibb unterrichten 592 Lehrpersonen 6548 Lernende der beruflichen Grundbildung, 845 Berufsmaturandinnen und -maturanden sowie 991 Absolvierende der beruflichen Weiterbildung.

2011 › Erweiterung im Breitenrainquartier
Die gibb bezieht im Breitenrainquartier das von Graber Pulver Architekt:innen renovierte und erweiterte Schulhaus Viktoria. Damit ist die gibb an sieben Standorten präsent.

2019 › Markenentwicklung und eine breitere Identität
Die gibb erhält einen neuen Namen: gibb Berufsfachschule Bern. Der Namenswechsel signalisiert, dass heute an der gibb auch andere als gewerblich-industrielle Berufe präsent sind.

2021 › Fusion zur Abteilung DMG
In der gibb fusionierten per 1. August 2021 die beiden kleineren Abteilungen für Mechanisch-Technische Berufe (MTB) und für Gewerbe-, Dienstleistungs- und Laborberufe zu einer neuen grossen Abteilung für Dienstleistung, Mobilität und Gastronomie (DMG).

2022 › Der Schritt ins hybride Lernen
Innerhalb von wenigen Monaten durchlief die Höhere Berufsbildung einen grundlegenden didaktischen und technischen Transformationsprozess. Das hybride Unterrichtsmodell wird breit eingeführt.

2024 › Lernen neu gedacht
Der Unterricht wird zunehmend in Richtung Flexibilisierung, Individualisierung und Selbststeuerung vorangetrieben. Die Rolle der Lehrpersonen entwickelt sich zur Lernbegleitung.

2026 › Wir feiern
Die gibb Berufsfachschule Bern wird 200-jährig. Gemeinsam setzen wir Leuchttürme, die zeigen, wie vielfältig, kreativ und zukunftsorientiert unsere Bildung ist.

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