Auf der Bühne der Realität angekommen
Schauspieler Jérôme Humm ist auch Gastronom und Festivalmacher. Letzten Winter übernahm er das früher als «Kapitel» bekannte Lokal am Bollwerk beim Tor zum Nordquartier.
In den USA ist es nicht aussergewöhnlich, dass Schauspielstars ein Restaurant betreiben oder jedenfalls ihren Namen für einen Betrieb einsetzen. Die entsprechende Liste umfasst Grössen wie Scarlett Johansson, Ryan Gosling, Susan Sarandon, Robert De Niro oder Sandra Bullock und liesse sich beliebig verlängern. In der Schweiz ist alles etwas kleinräumiger, inklusive Bekanntheit und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten. Den Berner Schauspieler Jérôme Humm kennt das TV-Publikum aus den SRF-Serien «Neumatt» und «Seitentriebe», zu sehen beim Streaming-Dienst Play Suisse. Doch Humm ist auch Festivalveranstalter und Gastronom. Im letzten Winter übernahm er das frühere «Kapitel» am Bollwerk nahe der Lorraine, wo er auch wohnt. Die Bahnhofslage scheint ideal. Mit der Reithalle und der Drogen-Anlaufstelle gibt es aber gleich zwei Problemherde. Und die nahe Vergangenheit des früheren Technoclubs mit klarer Positionierung im Nahostkonflikt hallt ebenfalls nach.
Humm will sich nicht unterkriegen lassen, setzt auf den Faktor Zeit und ist selbst erklärter Berufsoptimist. Die Umsatzzahlen seien zwar noch eher verhalten. «Doch wir sind auf einem guten Weg», sagt er gegenüber dem Anzeiger für das Nordquartier.
Eine Frage der Optik
Humms Konzept basiert auf mehreren Säulen mit Tagesgeschäft und Nachtbetrieb. «Wir sind kein klassischer Club und kein herkömmliches Restaurant. Sondern ein Ort, an dem alles möglich ist.» Die Vergangenheit des Standorts sei spürbar. «Unsere Antwort: Alle sind willkommen, die keine Schranken kennen. Politisch äussern wir uns nicht.» Der Mut für diese positive Sichtweise entspringt seinem Lebenslauf. Mit 16 litt Humm an Lymphdrüsenkrebs im Endstadium. «Seither sehe ich die Welt anders. Vieles, was uns wichtig erscheint, ist banal. Angst bestimmt das Leben vieler Menschen. Wer einmal dem Tod in die Augen geschaut hat, setzt die Prioritäten fortan anders.» Dass er als Schauspieler erkannt wird, erachtet er nicht als Geschäftsnachteil. «Bekannt zu sein, kann jedoch auch Neid auslösen. Es gibt Leute, die mit meiner direkten Art nicht klarkommen», sagt er. Offensichtlich kann er damit gut leben.
«Ich habe schon vieles ausprobiert und kann nichts richtig. Ich versuche einfach immer, möglichst fähige Leute mit ins Boot zu holen.»
In der Hitze der Nacht
Kulinarisch setzen Humm und sein Team auf eine Mischung aus gesunden Gerichten wie Bowls, aber auch auf Pinsa, Pasta und Sandwiches mit Focaccia-Brot. Wir besuchen das Lokal an einem sonnigen Freitag. Noch ist es in diesem durchzogenen Frühling zu kalt für ein Mahl unter freiem Himmel. Doch die Terrasse Richtung 20er-Bushalt ist schon mittags besonnt und könnte sich zur Apérozeit im Sommer als Geheimtipp entpuppen. Bei gutem Wetter will Humm zudem einen Gelato-Stand betreiben. Und am Samstag und Sonntag kommen zwischen 10 und 14 Uhr auch Brunch-Fans auf ihre Rechnung.
Die Karte ist über den QR-Code auf dem Tisch abrufbar, geordert wird digital, für Leute ohne Handy gibt es einen Touchscreen-Automaten. Wir bestellen eine vegetarische «Marinated Seitan Energy Bowl» mit Tofu, Edamame, Randen, Sprossen, Blattsalat und Bulgur an Erdnuss-Sesam-Sauce. Unsere Begleiterin wählt die vegane «Rohkost Bowl» mit Kabis, Couscous, Bulgur, Avocado, Rüebli und Cashews an Mango-Limetten-Dressing. Was wir dabei noch etwas vermissen, ist ein charakteristischer Twist, eine eigene Note, um sich gegen vergleichbare Angebote abzuheben. Und vielleicht wäre es auch eine Überlegung wert, die Smash Burger, die Humm mit zwei Geschäftspartnern bis vor Kurzem in Gümligen verkaufte und nun per Foodtruck an Festivals anbieten will, auch im «Bollwärk» zu etablieren? Gerade für Nachteulen könnte dies ein verlockender Anker sein.
Von aussen gesehen wirkt das «Bollwärk» sowieso wie eine eigentliche Blaupause für Edward Hoppers legendäres Gemälde «Nighthawks» von 1942. Im Bereich Pinsa und Pasta empfehlen wir im Übrigen die Klassiker wie «Prosciutto e rucola» (Pinsa) oder Bolognese, Al Genovese und Carbonara (Pasta). Ebenso gross wie qualitativ erfreulich ist die Getränkeauswahl an Cocktails, Spritzern und Longdrinks über Weine, Bier und Sparklings bis hin zu Special Coffees und Matchas.
Volle Kraft voraus
Humm will beruflich auch in Zukunft mehrgleisig fahren, um das Bild mit den Zügen aufzunehmen, das sich beim Blick aus den «Bollwärk»-Fenstern zeigt. «Aktuell sind wir an der Finanzierung und Entwicklung einer neuen TV-Produktion, bei der ich auch selber mitspiele», erzählt er begeistert. Thematisch ist die Serie weit weg von seinen bisherigen Engagements. «Wir erzählen die Schweiz, die niemand gerne zeigt: ein wohlhabendes Land, in dem materieller Überfluss nicht vor innerer Orientierungslosigkeit schützt.»
INFOS
Küche: entwicklungsfähig
Service: Bestellung digital, Direktkontakt sympathisch
Ambiente: Wohl nirgends ist Bern so weltstädtisch – bei Licht und im Schatten
Preise: Speisen günstig bis mittel, Getränke angemessen
Adresse: Bollwerk 41, 3011 Bern, Telefon 031 311 60 90.
Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag, 9 bis 22 Uhr, Freitag, 9 bis 2.30 Uhr, Samstag, 10 bis 5.30 Uhr, Sonntag 10 bis 21 Uhr.