Corinnas Quartier Talk mit Birgit Ellmerer
Wir durften Birgit Ellmerer, Sängerin und Business Stimmcoachin, vor sechs Jahren bereits interviewen. In sechs Jahren geschehen Dinge, verändern sich und neue Erkenntnisse kommen hinzu.
Es hat uns wundergenommen, wie es Birgit heute geht. Heute nach einer traurigen Mitteilung in den sozialen Medien auch. Und wie Menschen in Sachen Stimme heute unterwegs sind und was sie gefühlt hat bei ihrem Auftritt im Breitschträff als «Sophisticated Lady».
Wie wir vor sechs Jahren erfahren haben, hast du deine Idee, als Stimmcoach unterwegs zu sein, an der Swiss Jazz School entwickelt, als du nach einem lokalen Stimmcoach gesucht hast. Wie ist es heute, ist dein Unternehmen konkurrenzlos im Raum Bern?
Ich habe 2004 eine Ausbildung als diplomierte integrative Stimmtrainerin in Deutschland abgeschlossen. Es gab immer schon Auftritts- und Rhetorik-Trainer:innen. In über 30 Jahren Unterrichtserfahrung als Gesangspädagogin und Stimmcoach, habe ich meine eigene Methode entwickelt. Daher ist das, was ich mache, doch auf eine Art einzigartig. In meiner Arbeit geht es um die Entfaltung der Persönlichkeit über die Stimme, um Authentizität, Selbstbehauptung und ich bin auch eine Art StimmPhysio.
Du hast damals gesagt, dass in einer patriarchalen Gesellschaft die Frauen eher mit hohen, zarten Stimmen unterwegs seien. Was nimmst du heute wahr, da sich Frauen in vielen Bereichen «befreit» haben?
Ich arbeite sehr gerne mit Frauen. Frauen nehmen sich allgemein immer noch viel zu sehr zurück. Ich helfe ihnen dabei, sich den Platz zu nehmen, der ihnen zusteht. Wenn sich eine Frau (aber auch ein Mann) den Raum nimmt, der ihr zusteht, dann ist ihre Präsenz auch in der Stimme überzeugend hörbar.
Die Popindustrie setzt oft heute noch auf sehr kindliche Frauenstimmen. Was ist dein Empfinden hierzu?
Mich interessiert in erster Linie die echte, authentische Stimme. Die kann kräftig oder fein sein. Was mich sehr stört, sind Stimmen, die im Studio zu sehr bearbeitet wurden und sich kaum noch von einer KI-Stimme unterscheiden lassen. Deshalb schätze ich Live-Situationen sehr.
Das weibliche, kommerziell ausgebeutete Stimmideal ist wohl vergleichbar mit dem Körperideal, welches uns in der Werbung immer wieder vorgesetzt wird. Ich wünschte mir, dass wir Frauen endlich genug Selbstbewusstsein und Selbstliebe entwickeln und endlich aufhören, gefallen zu wollen.
Welche:r Politiker:in hat in deinen Ohren eine schöne Stimme?
Ob eine Stimme als «schön» empfunden wird, das ist wohl sehr individuell. Für mich muss das Gesamtpaket stimmen. Dazu gehört, ob eine Stimme Vertrauen schaffen kann, ob sie kompetent und sicher rüberkommt und natürlich, ob sie gut im Körper sitzt und dadurch voll und angenehm klingt. Schön ist, dass all diese Attribute trainiert werden können.
Und welche:r Schauspieler:in?
Auch da kann ich mich nicht festlegen. Es gibt viele Stimmen, die mich berühren.
Können Stimmen bleibend geschult werden oder ist das nicht immer möglich?
Jede Stimme ist trainierbar. Die Stimme ist Muskulatur und kann daher mit gezielten Übungen gebildet werden. Dazu kommt das Training der Artikulation, aber auch der Körperhaltung. Ich verfolge da einen sehr ganzheitlichen Ansatz. Die Stimme ist die Schnittstelle aller Anteile einer Persönlichkeit. Daher hat die Arbeit an der Stimme automatisch einen positiven Effekt auf alle Bereiche eines Menschen.
Du bist Vielen im Quartier auch als Jazzsängerin bekannt, bist kurz vor Weihnachten auch mit deiner Band «Sophisticated Lady» auf der Bühne des Breitschträff gestanden und hast mit Marcus Richmann, der auch bereits vom AfdN porträtiert wurde, Duette gesungen. Wie war es für dich?
Ich war einfach nur glücklich. Die Stimmen von Marcus und mir harmonieren perfekt. Das Publikum war wunderbar. Nach der Corona-Krise musste ich mein Leben völlig neu ausrichten, musste vor allem finanziell wieder auf die Beine kommen. Ich habe nun endlich wieder genügend Ressourcen, um wieder aufzutreten. Zurzeit arbeite ich selbst sehr intensiv an meiner Singstimme. Es gibt immer noch so viel zu entdecken. Meine Kollegin Taja Waibel unterstützt mich dabei mit ihrer grossen Kompetenz. Seit Kurzem arbeite ich mit dem vielseitigen Pianisten Jürg Bernet zusammen an einem Gospelprogramm – das ist schon lange ein grosser Wunsch von mir. Auch mit meiner guten alten Band «Sophisticated Lady» arbeiten wir an einem neuen Programm. Am 10. Dezember 2026 gibt es mit mir und der Band wieder ein X-Mas Special. Darauf freue ich mich sehr.
Jazz im Breitsch (JiB) ist eine neue Konzertreihe im Breitschträff. Wirst du nun öfters dort zu hören sein?
Die Jazz-Konzerte im Breitschträff gab es schon in den 90er-Jahren. Katrin Hubacher hat den Jazzclub im Breitsch wieder aus einem langen Dornröschenschlaf erweckt und viel Zeit und Energie investiert. Ab 2027 übernehme ich mit meinem Mann Arnd Rogner die Konzertreihe. Wir veranstalten acht Jazz-Konzerte pro Jahr. Wir haben ein grossartiges, waches Stammpublikum und werden mit Anfragen für Konzerte überrannt. Seit Corona haben so viele Clubs geschlossen. Wir zählen daher sehr auf die Stadt, dass sie unser Engagement auch weiterhin finanziell unterstützt. Denn Bern rockt nicht nur, Bern jazzt auch!
Der letzte JiB-Event vom 14. Mai musste wegen eines sehr traurigen Ereignisses abgesagt werden: Andi Steiner, der den Sound für die Konzerte von JiB machte und auch Arrangeur und Trompeter in deiner Band «Sophisticated Lady» war, ist plötzlich und viel zu früh von dieser Welt gegangen. Andi war auch dein erster Ehemann und Vater deines Sohnes.
Andis plötzlicher Tod ist ein grosser Schock und hinterlässt eine riesige Lücke – vor allem auch im Leben seiner Kinder. Wir werden ihn sehr vermissen. Er war ein unglaublich liebenswürdiger, vielseitig begabter Mensch und ein sehr talentierter Musiker.
Wenn du dich entspannen möchtest, wo bist du gerne im Nordquartier unterwegs?
Vor drei Jahren sind wir von der Lorraine in den Breitsch gezogen und es gibt da so viel zu entdecken. Ich gehe sehr gerne zu Colette lädele, in die GdB Glace essen, ich mag das «Dolce Vita», weil es so authentisch italienisch ist und für besondere Anlässe bin ich sehr gerne bei Julio im «Büner». Ich gehe alleine oder mit meinem Mann auch gerne am Sonntag z Predigt in die Johanneskirche. Sehr schade finde ich, dass Pfarrer Tobias Rentsch nicht mehr bei den Kirchen Nord dabei ist. Er hatte so tolle innovative Ideen (Osterlachen) und er brachte Leute in die Kirche, die sonst da nicht hingehen würden.
Danke für deine Zeit, liebe Birgit, und viel Mitgefühl für die schwierige Zeit.
Herzlichen Dank, liebe Corinna