BURGERBIBLIOTHEK

Das Nordquartier im Auge der Zensur

Ein unscheinbares Dokument aus der Burgerbibliothek Bern erzählt von Kontrolle, Kriegsstimmung und der Angst vor politischen Botschaften – sogar in der Berichterstattung eines lokalen Turnvereins.

Benjamin Steffen
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Auszug vom «Nordquartier-Turner». Bild: Burgerbibliothek Bern, GA BTV 167

Am 18. Oktober 1942 steht der Stadt Bern ein viel beachtetes Fussballspiel im Wankdorf bevor: Schweiz – Deutschland. Es war die vierte Begegnung der Schweizer mit den Deutschen seit 1941. Seit 1939 herrschte der 2. Weltkrieg, die erste Partie im März 1941 hatten die Schweizer verloren, 2:4 vor 60 000 Zuschauern, in der Stuttgarter «Adolf-Hitler-Kampfbahn». Eine Schweizer Zeitung bezeichnete die deutschen Spieler als «ausserordentlich beherzte Kämpfer» und «Sportsoldaten ihres Landes» – so steht es im Buch «Die Nati: Die Geschichte der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft» aus dem Jahr 2006.

Im April 1941 hatten die Schweizer Revanche genommen, 2:1 in Bern. Vor der Partie war jeder Schweizer Fussballer von General Henri Guisan begrüsst worden; der Torhüter Erwin Ballabio sprach später von «einer politisch überreizten Atmosphäre. Für uns, die wir fast alle unter den Fahnen standen, galt es, Ehre einzulegen für das Vaterland».

Vor der Partie vom April 1941 hatte es Zensur-Aufforderung gegeben. An die Agentur «Gewerkschaftskorrespondenz» war die Forderung ergangen, die Gewerkschaftsblätter darum zu bitten, jegliche politischen Untertöne zu unterlassen. Als die «Berner Tagwacht» davon berichtete, bekam sie ein halbwöchiges Publikationsverbot. Die Fachzeitung «Le Sport Suisse» durfte sogar einen Monat lang nicht erscheinen, deren Ausgabe Nummer 1802 beschlagnahmte die «Eidgenössische Kommission für Radio- und Pressewesen» vollends. Grund: die Berichterstattung über Schweiz – Deutschland, 2:1. Es hatte geheissen, «die Lust, die Deutschen zu schlagen, sei gross gewesen im Lande». Das sollte eine Demonstration der Unabhängigkeit werden, des Widerstandswillens. Welch einmalige Gelegenheit, unter dem Deckmantel des Sports seine wahren Gefühle zu zeigen.

Vor diesem Hintergrund ist zu sehen, was Anfang Oktober 1942 – vor der Neuauflage von Schweiz – Deutschland – die Redaktion von «Der Nordquartier Turner» erreichte, das Organ des Turnvereins Bern Nordquartier. Es war ein Schreiben des «Pressechefs Ter. Kr. 3 – H.D. Troesch», und es ging an die Redaktionen der im Territorialkreis 3 erscheinenden Zeitungen. Kein Vereinsblatt war also zu klein, um als Zeitung zu gelten – und Teil der Zensur zu sein.

Denn: Der Pressechef Troesch gab «im Auftrage des Armeestabes, Abt. Presse und Funkspruch» folgende Weisungen weiter: in der Berichterstattung solle «die allergrösste sportliche Objektivität» gewahrt und «jede politische Bemerkung oder Anspielung» unterlassen werden. Und: Eventuelle «Zwischenfälle unter den Spielern oder im Publikum sind mit Zurückhaltung und Takt zu behandeln und keinesfalls redaktionell oder typographisch hervorzuheben». Wenn ein «Blatt» diese Weisung nicht befolge, folge die «sofortige Beschlagnahme». Und – nicht minder wichtig, eingedenk der «Berner Tagwacht», die im Jahr zuvor über die Zensur berichtet hatte und vorübergehend verboten worden war: Die Anweisungen der Armee unterlagen der Vertraulichkeit – dieses Schreiben (so stand es oben links) dürfe nicht veröffentlicht werden, ja, «nicht» war unterstrichen.

So ist es heute noch im Schreiben zu lesen und zu sehen, das im Oktober 1942 sogar an die Redaktion eines Vereinsblatts im Nordquartier ging. Es lagert bei der Burgerbibliothek Bern, wo seit 2012 das Archiv des Turnvereins Bern Nordquartier (ab 1956 TV Berna, 2001 Fusion mit dem BTV Bern) zugänglich ist, darunter auch die eine oder andere historische Perle.

Am Spiel im Wankdorf vom 18. Oktober 1942 waren 35000 Zuschauer zugegen, die Deutschen gewannen 5:3, es war ihr letztes Spiel in Zeiten des Krieges. «Viermal traf der deutsche Mittelstürmer Willimowski ins Schwarze», schrieb die «Schweizer Illustrierte» – nicht ohne den Hinweis, dass Ernst Willimowski «ein ehemaliger Pole» sei.

«Der Nordquartier Turner» enthielt sich eines Berichts – nun ja, er erschien auch im Januar 1943 erst wieder. In der nächsten Ausgabe fanden sich die Traktanden für die Hauptversammlung, ein Bericht über «unsere Jubiläumsfeier vom 24. Oktober 1942», in dem es im zweitletzten Abschnitt hiess: «Dass wir nicht in Friedenszeiten leben, wurde uns eindeutig bewiesen durch Alarmsirenen und das starke Abwehrfeuer unserer Fliegerabwehr, das an unserem Ehrentage in noch nie zuvor gehörter Stärke einsetzte. Leider hat dadurch der Besuch unseres Anlasses etwas gelitten und mancher musste sich, als die Sirenen heulten, zu andern Pflichten begeben.»

Ob eine solche oder ähnliche Passage auch in der Berichterstattung über das Fussball-Länderspiel sechs Tage zuvor erlaubt gewesen wäre?

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Das Schreiben vom Oktober 1942. Bild: Burgerbibliothek Bern, GA BTV 178

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