Der kleine Laden mit dem grossen Herzen
Der Wylereggladen gehört seit über 40 Jahren zum Breitenrainquartier. Aus Pioniergeist entstanden, ist er seinen Werten stets treu geblieben. Doch heute steht er wirtschaftlich unter Druck. Gerade in dieser Zeit zeigt sich seine Stärke: die Gemeinschaft.
Der kleine, aber feine Laden im Wyleregg ist eine Institution im Quartier. Er wurde 1983 eröffnet, als «bio» eine kleine Nische war und erst wenige Landwirtschafts-Pioniere ihre Felder umweltverträglich bebauten. Es war eine Zeit der Visionen, man kämpfte für Freiräume und setzte sich für ein gemeinschaftliches Zusammenleben ein. Ein Geist des Aufbruchs wehte durch die Stadt. Damals mussten im Breitenrain aber auch viele kleine Läden ihre Tore schliessen – so auch die Molkerei an der Wylerstrasse 49. Eine Genossenschaft übernahm das Lokal und eröffnete den Wylereggladen, einen der ersten Bio- und Weltläden Berns.
Sorge zu Menschen und Erde tragen
Sie boten an, was es damals kaum gab: fair produzierte Lebensmittel direkt ab Hof und aus fairem Handel. Ein Projekt, das aus Experimentierfreude entstanden ist, immer mehr bio wurde und sich durch Langlebigkeit auszeichnet: «Das Brot von Sterchi führen wir beispielsweise seit Beginn und verkaufen es nach wie vor», sagt Thomas Iseli, Präsident der Genossenschaft. Der pensionierte Sozialarbeiter, der in der Suchthilfe und in einem Grossunternehmen tätig war, kauft mehrmals pro Woche hier ein. «Es ist ein Privileg, dass ich mir dies leisten kann, ich schätze das sehr», sagt er. «Es ist ein Hochpreisladen, aber man kriegt auch einen guten Gegenwert.»
Bruno Gurtner, ebenfalls seit langen Jahren Genossenschafter, schwärmt: «Hier gibts den besten Käse – vier verschiedene Sorten Alpkäse aus dem Berner Oberland!» Ein zufriedenes Lächeln huscht über sein Gesicht. Der pensionierte Ökonom setzt sich für den Laden ein, wo und wie er kann. Er verteilt immer wieder Wylereggladen-Flyer im Quartier und hat Anfang Jahr viele neue Genossenschaftsmitglieder angeworben. Denn der Betrieb braucht Unterstützung. «Bio» ist zwar mittlerweile Trend, doch das bedeutet für kleine Quartierläden leider nicht viel Gutes. «Wir können mit den Grossverteilern nicht konkurrieren», sagt Thomas Iseli. «Bei uns gibt es keinen Preiskampf und -druck. Wir bezahlen die Lieferanten fair.» Lieferanten, die sie meistens persönlich kennen. Während der Corona-Pandemie setzte die breite Bevölkerung auf den Einkauf bei den «Kleinen», doch der Trend für Lokales ist seither wieder stark eingebrochen.
Einer für alle – alle für einen
Heute weht ein rauer Wind: Die steigenden Preise und die unsichere Wirtschaftslage setzen dem Kleinbetrieb zu. Als Anfang 2026 auch noch die neue Geschäftsleiterin ausfiel und der langjährige Bio-Frischlieferant Horai seinen Dienst einstellen musste, kam Krisenstimmung auf. Doch es war kein Schlag ins Genick des Betriebs. Neben dem Ladenteam packten auch qualifizierte Mitglieder der Genossenschaft mit an. Wer konnte, sogar ehrenamtlich. Ob es nun um Finanzen, Personal, Buchhaltung, Bestellung, Lieferung, Aushilfe oder die Betreuung des Sortiments ging. Hier zeigt sich die grosse Stärke des Ladens: die Gemeinschaft.
«Wir haben auch von aussen Unterstützung erhalten. Das hat uns gezeigt: Der Laden ist ein Bedürfnis. Es ist die Bereitschaft da, ihn mitzutragen», sagt Bruno Gurtner. Das hat wohl auch damit zu tun, dass der Wylereggladen gerne für andere da ist. Als es während der Corona-Pandemie besonders gut lief, unterstützte er andere Betriebe finanziell.
Soziales Engagement
Der Mini-Supermarkt ist viel mehr als nur ein Laden: Er ist auch ein Treffpunkt.
«Wenn ich samstags einkaufen gehe, dauert das immer recht lange», sagt Thomas Iseli fröhlich. Er trifft meistens auf bekannte Gesichter und bleibt auf einen Schwatz. Auch am Wylereggladenfest kommen die Menschen zusammen, seit 43 Jahren am zweiten Septembersamstag. Aufgetischt wird stets das beliebte Raclette. «Es ist der Tag, an dem ich so viele Gschwellti zubereite wie sonst nie», sagt Bruno Gurtner. Der Käse? Natürlich nur von bester Qualität. «Unser Raclette-Käser wurde vor drei Jahren im Wallis sogar Weltmeister!»
Mit Herzblut für die Kundschaft da
2007 stellten sie die erste Lernende an, eine Frau mit Migrationshintergrund. Sie arbeitet noch heute hier. «Es ist so toll zu sehen, wie Integration auf diesem Weg gelingen kann», freut sich Thomas Iseli. Die Frau fand einen Platz mitten in der Gesellschaft, und die Kundschaft gewöhnte sich daran, dass eine Frau mit Kopftuch zu ihrem Alltag gehört.
Heute steht Amal hinter der Kasse, auch sie hat ihre Lehre im Wylereggladen absolviert und blieb danach nur zu gerne. «Es gefällt mir einfach, hier zu arbeiten. Man ist in Kontakt mit den Kunden. Sie sind nicht nur nett, sondern auch extrem hilfsbereit.»
Es ist auch die Aufmerksamkeit der Angestellten, die den Laden zu etwas Besonderem macht. «Wenn jemand ein bestimmtes Produkt im Sortiment wünscht, schauen wir, ob wir es bestellen können.» Sie bieten wirklichen Kundenservice: Für einen älteren Stammkunden mit Tremor stellt die Verkäuferin jeweils die Einkäufe zusammen, während er draussen mit dem Rollator wartet. Im Dezember 2025 wurde der Wylereggladen zudem von Slow Food Bern ausgezeichnet – für sein Engagement für ein faires, nachhaltiges und lokales Angebot.
Bereit für Neues
Aber: Um die Existenz zu sichern, wollen und müssen neue Kundinnen und Kunden erreicht werden. «Der Kreis muss sich vergrössern und verjüngen. Die jüngere Generation kauft aber oft viel spontaner und situativer ein», weiss Thomas Iseli. Ob jung oder alt: «Jede neue Kundin, jeder neue Kunde freut uns. Auch wenn man nur Waschmittel oder Brot kauft. Wir wissen, einen Grosseinkauf können sich viele Leute nicht leisten.»
«Wir brauchen nicht nur mehr junge Kundschaft, sondern auch in der Verwaltung frisches Blut. Wir sind doch mittlerweile alte Chlöise», sagt Bruno Gurtner mit einem Lachen. Thomas Iseli nickt zustimmend, auch über sein Gesicht zieht sich ein breites Schmunzeln.
Wichtig ist ihnen, dass die Idee des fairen Anbaus und Handels weiterlebt, der Laden weiterhin existiert und sich den neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umständen anpassen kann. Sie halten nicht am Alten fest.