ENSEMBLE MARKUS

Eine Vision nimmt Gestalt an

Eine Kirche ohne Bänke – dafür mit Disco, Debatten und Bistro: Mit dem Ensemble Markus geht die Kirchgemeinde Bern-Nord neue Wege. Der geplante Umbau zeigt, wie Kirche heute als offener Lebensraum wirken kann.

Karin Meier
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Nach dem Umbau soll das Ensemble Markus seinen zeitgemässen Geist nach aussen tragen. Visualisierungen: Althaus Architekten

Die Kirchgemeinde Bern-Nord versteht sich als schwellenloser, gastfreundlicher Treffpunkt im Quartier: ein Ort, an dem Spiritualität, Begegnung, Kultur und Vielfalt zusammenkommen und man sich zu Glaubens- und Lebensfragen austauschen kann. Seit Anfang März wird diese Vision sichtbar: Dann starteten die Umbauarbeiten an Markuskirche, Kirchgemeindehaus und Pfarrhaus. Die drei Gebäude im Besitz der Gesamtkirchgemeinde Bern bilden künftig das Ensemble Markus. Es wird das Kirchgemeindehaus Johannes und die Johanneskirche als kirchliches Zentrum ablösen.

Offene Türen im Ensemble Markus

Ein Herzstück des Ensembles ist das Bistro im Kirchgemeindehaus. Gemeinsam mit der Eingangshalle im Erdgeschoss und dem Foyer im Obergeschoss ist es als unkomplizierter Treffpunkt für die Quartierbewohner gedacht: «Alle Menschen sind willkommen, und alle dürfen so lange verweilen, wie sie wollen», betont Sozialarbeiterin Mandana Trucco. Im Kirchgemeindehaus ergänzen zudem neue Sitzungs- und Projektzimmer die beiden bestehenden Säle. Hier empfangen die Mitarbeitenden Menschen aus dem Quartier zu Kindererlebnistagen, Festen, Spiel-Cafés, Mittagessen und weiteren Anlässen. In diesen Räumen können auch Firmenteams tagen, Workshops stattfinden oder Nachbarschaften sich austauschen. Selbst die Markuskirche steht künftig auch Firmen, Privatpersonen, Glaubensgemeinschaften und anderen Organisationen für eigene Veranstaltungen offen.

Neue Räume, neue Möglichkeiten

Pfarrer Andreas Abebe beschreibt das Ensemble Markus als «einen neuen Ort, der frischen Wind ins Quartier trägt». Er sieht grosses Potenzial in den neu konzipierten Räumen: «Wir können Gottesdienste anders gestalten, Räume für Gespräche, Diskussionen oder kleine Anlässe öffnen und so herausfinden, was die Menschen wirklich bewegt.» Dieses Potenzial soll gemeinsam mit den Quartierbewohnern erschlossen und an deren Bedürfnisse angepasst werden.

Die Kirchgemeinde Bern-Nord betrachtet den Umbau als Chance, sich so modern, offen und vielfältig zu präsentieren, wie sie sich selbst versteht. In der Projekteingabe wird dieses Selbstverständnis durch einen geflügelten (Neon-)Löwen über dem Ensemble Markus unterstrichen. Er wird von weithin sichtbar sein und ist das Symbol des Evangelisten Markus. Die Umbaukosten belaufen sich auf rund 14,5 Millionen Franken. Die Fertigstellung ist für Ende 2027 geplant, die Inbetriebnahme für Anfang 2028.

Wie lässt sich ein sakraler Raum so umbauen, dass er vielseitig nutzbar wird, ohne seine besondere Atmosphäre zu verlieren?

Darüber haben wir uns intensiv Gedanken gemacht, denn diese Frage bildet den Ausgangspunkt für das gesamte Umbauprojekt. Klar war, dass die Markuskirche als sakraler Raum zu gross für ihre ursprüngliche Nutzung ist. Zunächst haben wir überlegt, wie man den Raum füllen könnte – mit einem Bistro, mit Sitzungszimmern oder Büros. Doch im Laufe dieses Prozesses wurde uns klar: Die eigentliche Besonderheit des Raums liegt gerade in seiner Grösse und Leere. Der bewusst freigehaltene Raum wird so zur Einladung an das Nordquartier, ihn immer wieder neu zu bespielen.

Wodurch werden Besucherinnen und Besucher den Umbau am deutlichsten wahrnehmen?

Im Kirchenraum zeigt sich der Umbau vor allem durch das Entfernen der Bänke und den neuen Boden. Dieser Boden war nötig, weil der bestehende leicht zum Chor hin abfiel. Mit der Nivellierung verschwindet die traditionelle Ausrichtung des Raums. Damit wird das liturgische Zentrum mobil und kann künftig überall im Raum stehen. Gleichzeitig entstehen vielfältige, auch nicht sakrale Nutzungsmöglichkeiten.

Der neue Boden wird als Terrazzo ausgeführt und vom Künstler Christian Kathriner gestaltet. In seinem Entwurf bezieht er sich auf den Kosmos des grossen Wandbildes hinter dem Chor. Im Erdgeschoss des Kirchgemeindehauses entsteht zudem ein Bistro. Eine weitere Intervention findet im Glockenturm statt: Dort richten wir eine Kapelle mit ungewöhnlichen Proportionen ein: Sie ist nur 15 Quadratmeter gross, dafür fast 20 Meter hoch. Diese Kapelle wird bereits ab dem Sommer öffentlich zugänglich sein.

Was ist aus architektonischer Sicht die grösste Herausforderung bei diesem Projekt?

Dies war das Schaffen einer Gesamtstimmung, die sowohl die kirchliche Würde erhält als auch eine vielfältige Nutzung erlaubt. Der Raum muss feierlich genug für Gottesdienste sein, gleichzeitig neutral genug, damit auch andere Veranstaltungen darin stattfinden können. Bei jedem Gestaltungselement stellten wir uns die Frage: Würde dessen Beibehaltung Anlässe verhindern? Die Antwort war stets: nein. Deshalb verändert sich die Kirche abgesehen vom neuen Boden kaum. In den Nebenräumen entsteht dagegen die notwendige Infrastruktur: Für Grossanlässe müssen zahlreiche Toiletten sowie Vorbereitungsräume fürs Catering vorhanden sein. Die Pfarrpersonen wiederum benötigen eine Sakristei, in der sie sich auf Predigten vorbereiten können. Auch die technische Ausstattung muss Platz finden: Licht, Sound, eine individuell regelbare Raumtemperatur sowie eine moderne Sitzungs- und Tagungsinfrastruktur.

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Stille Einkehr ist auch in der leeren Markuskirche möglich. Für das Seitenschiff ist diese Kerzennische vorgesehen, ein kleiner Ort des Lichts und der Besinnung.
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Ueli Krauss, Mitinhaber Althaus Architekten, Mitglied der Geschäftsleitung.
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Künftig für kleinere Feiern: Seitenkapelle im Seitenschiff der Markuskirche.
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BEA 24. April – 3. Mai 2026 in BERN