Ô CAPITAINE BAR DE VINOS

Die Segel neu gesetzt – mit Argentinien im Fokus

In der seit 2017 an der Herzogstrasse 12 situierten Bar gibt es eine neue geografische Ausrichtung: Wurde früher Kurs auf Marseille genommen, ist nun Buenos Aires im Visier.

Jean-Claude Galli
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Apéroplatte.

Seit 2017 führte der ehemalige Hochseekapitän Frédéric Nunez an der Herzogstrasse das «Ô Capitaine», eine erstklassige Adresse für mediterrane Köstlichkeiten aus dem Grossraum Marseille. 2022 zog es den Kapitän wieder in die Welt hinaus und Eugenio «JJ» Leto übernahm das Kommando, seit letztem September unterstützt von Gastgeber Anibal Ramon Acosta, den die Berner Genussfreunde noch mit Remo Neuhaus im Du Théâtre und später von der Casa de Vinos Argentinos am Breitschplatz kennen. Dieser Verkaufsladen wurde Ende Januar aufgelöst und ins wenige Meter entfernte Lokal integriert, das nun als Huldigung an seine Vergangenheit und mit Blick in die Zukunft «Ô Capitaine Bar de Vinos» heisst.

Das Glas Gottes

So weit die Geschichte. Und nun Türe auf und hineinspaziert. Wir möchten ja nicht prahlen, dass wir schon weit gereist sind und manches gesehen haben, aber doch anmerken, dass wir auch in Buenos Aires und dort im Hafenquartier La Boca und im Stadion der Boca Juniors waren. Rund um das «La Bombonera» genannte Fussball-Monument, wo Diego Armando Maradona gross geworden ist, haben wir einige solche Lokale gesehen, die mit dem Gastro-Konzept im Nordquartier verwandt sind. Regelmässig wird an der Herzogstrasse tatsächlich eine «Asado» genannte Grillparty zelebriert, doch ist die Stimmung auch ohne Spezial-Event stets heiter.

Die Weinkarte ist nicht zu übersehen

Bei unserem Besuch an einem «gewöhnlichen» Donnerstag gibt es ein gut überschaubares Essensangebot auf der Tafel hinter der Bar. Doch scheint es uns mit trockener Kehle unmöglich, die richtige Wahl zu treffen. Deshalb nehmen wir uns zuerst die Weinkarte vor, die mit den auch von Weitem sichtbar an einer Seitenwand montierten Flaschen korrespondiert. Die Dame tendiert zu «Bubbles», der Herr zu «Vinos Blancos». Ins erste Glas kommen eine Cuvée aus Chardonnay und Pinot aus der Bodega Cruzat in Mendoza sowie ein Torrontés aus der Bodega Javier Collovati aus der argentinischen Provinz La Rioja – ein prächtiger Aufgalopp. Dazu wird Brot und Olivenöl gereicht, und wir könnten uns kaum einen Ort vorstellen, wo wir jetzt lieber wären. Stark vertreten beim Wein – es gäbe auch Bier, Cocktails und Longdrinks, einfach damit wir es erwähnt haben – ist die Familia Schroeder mit ihrer gleichnamigen Bodega in Patagonien, von der wir uns ein Glas Chardonnay servieren lassen, bevor wir zum Rotwein wechseln.

Der Goldjunge mochte kein Birchermüesli

Dazwischen werden wir auch handelseinig, was das Essen anbelangt, und bestellen gemischte Empanadas und eine opulente Apéroplatte mit Wurst, Käse, Oliven und eingelegten Tomaten. Unsere Begleiterin sagt überzeugt und überzeugend, wohl noch selten ausserhalb der Stammlande derart delikate Fleisch-Empanadas verzehrt zu haben, serviert mit einer kalten Chimichurri-Sauce. Bei der Apéroplatte besonders charakteristisch ist die Art, wie die Mortadella geschnitten ist. Während in unseren Gefilden die Angst vor Würsten und Schweinefleisch fast täglich zuzunehmen scheint und dieser italienische Klassiker höchstens in hauchdünnen Scheiben auf den Tisch kommt, werden an der Herzogstrasse daumenbreite Stücke geschnitten und gewürfelt. Höchstwahrscheinlich ist es nicht ultragesund, täglich in grossen Mengen derartige Köstlichkeiten zu sich zu nehmen. Und der gute Maradona soll zuletzt auch deshalb Beschwerden gehabt haben, weil er sich jenseits der Grundsätze von Max Bircher-Benner ernährte. Besonders gern verzehrte er offenbar Innereien. Fakt ist, dass die Argentinier im Schnitt viel mehr als doppelt so viel Fleisch essen wie die Schweizer. Das ist aber keine Kritik, sondern eine reine Feststellung.

Superhelden und die Macht der Verführung

Mittlerweile sind wir beim Rotwein angelangt. Fasziniert von der Comic-Zeichnung mit dem Superhelden im Türkis-Tenü entscheiden wir uns spontan für den «Hey Malbec» aus Mendoza, obschon wir grundsätzlich immer wieder zur Vorsicht gegenüber Mode-Etiketten und -Titeln mahnen. Doch Matias, Sohn des bekannten Önologen Jorge Riccitelli, hat einen fruchtigen Verführer mit auffälliger Pfeffernote geschaffen, der mit seinem Alkoholgehalt von 14,5 Prozent allerdings nur scheinbar schlank durch unsere Körper segelt. Und auch für das Finale ist, jedenfalls an diesem Abend, Matias Riccitelli mit seinem nach ihm benannten Malbec besorgt. Es ist der mit 77 Franken teuerste Wein im aktuellen Angebot – alle auch glasweise erhältlich. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist in der Tat bemerkenswert.

Doch nun genug geschwärmt für heute. Denn wir sind uns nicht mehr sicher, ob uns der Wein nicht schon ein wenig beeinflusst. Obwohl im Wein bekanntlich… aber lassen wir das. Und morgen legen wir sicher einen Wassertag ein.


INFOS

Küche: Mehr als ein guter Boden für den Wein
Service: Herzlich-kompetent
Ambiente: Erfrischendes Farbenspiel
Preise: Sehr o.k.
Adresse: Herzogstrasse 12, 3014 Bern, Telefon 077 418 30 67
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 16 bis 24 Uhr, Samstag 12 bis 24 Uhr, Sonntag und Montag geschlossen

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Die Weinwand. Bilder: zVg
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Innenbereich.
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Wandbild.
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Eingang mit Logo-Schild.
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