WIFAG

«Fräulein Doktor» und das «Riesenbaby»

Die Burgerbibliothek Bern feiert 75-Jahr-Jubiläum sie ist ein Hort unzähliger Berner Besonderheiten, so auch des umfangreichen Archivs der ehemaligen Maschinenfabrik Wifag im Wylerring.

Benjamin Steffen
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Ein rares Bild der öffentlichkeitsscheuen Ursula Wirz, 1970. Bild: BBB, Firmenarchiv Wifag, 135(4)

Kennen Sie «Fräulein Doktor»? Es gab eine Zeit, in der dieser Name im Nordquartier vielen geläufig war. Gemeint war Ursula Wirz, Juristin, Unternehmerin und bis zu ihrem Tod im Jahr 2007 lange die Patronne der Maschinenfabrik Wifag. Aber warum «Fräulein Doktor», eine Anrede, die nicht erst heute eher ungewöhnlich ist? «Fräulein» war ihr offenbar wichtiger als «Doktor». Damit signalisierte sie, dass eine Heirat für sie nicht infrage komme. Genauer genommen: eine zweite Heirat – weil sie doch schon mit der Wifag eine Ehe geschlossen habe.

Die Wifag – ihr Leben. Ein Leben, das Ursula Wirz lieber im Hintergrund verbrachte, fern der Öffentlichkeit. «Medienauftritte waren für sie tabu», schrieb der «Bund» im Nachruf vom 30. Juni 2007, nachdem Ursula Wirz nach langer Krankheit verstorben war. Und: Im «Bund»-Archiv gebe es bloss ein einziges zur Verfügung gestelltes Pressebild aus dem Jahr 1996 – damals sei ein neuer Druckmaschinentyp vorgestellt worden.

Es war nicht irgendeine Maschine – es war eine neue Zeitungsrotationsanlage. Die Wifag produzierte als einzige Schweizer Firma Offset-Rotationsmaschinen, die Zeitungen aus halb Europa druckten. Beispielsweise «Le Monde» und «Le Soir» aus Frankreich, die «Westdeutsche Allgemeine Zeitung», den italienischen «Corriere della Sera», die spanische «La Vanguardia», das niederländische «Algemeen Dagblad».

«Fräulein Doktor» Ursula Wirz war während mehr als 50 Jahren für die Wifag tätig gewesen. Geboren 1929, trat sie 1955 als «Sekretärin für juristische Fragen» in den Betrieb ein, den ihr Vater Otto Wirz 1940 vor der Liquidation gerettet hatte. 1968 rückte sie in den Verwaltungsrat der Wifag auf, nach dem Tod des Vaters 1976 übernahm sie seine Führungsrolle – «als Frau an der Spitze einer männerdominierten Branche war sie lange eine Ausnahme», hält die Website der Ursula-Wirz-Stiftung fest.

Ursula Wirz führte die Wifag durch Stürme und Veränderungen. Zeitungen gerieten unter wirtschaftlichen Druck, zugleich entstanden Überkapazitäten im Maschinenbau. «Wir behaupten uns nur, wenn uns aussergewöhnliche Innovationen mit höherem Kundennutzen in erstklassiger Qualität gelingen», rapportierte der «Bund» Mitte April 1996 aus der Wifag-Geschäftsleitung, als die Fabrik die neuste Zeitungsrotationsanlage der Öffentlichkeit präsentierte.

Die erste Maschine war von der Zeitung «Télégramme de Brest» aus Frankreich bestellt worden. Vor der Auslieferung in die Bretagne baute die Wifag die Anlage publikums- und möglichst werbewirksam auf und setzte sie vor Zuschauerinnen und Zuschauern in Betrieb. In der «mächtigen Maschine» steckten «Jahre der Arbeit, zahlreiche Ideen und hohe Forschungssummen», schrieb der «Bund» – «man spürt aber auch die Begeisterung für das ‹Riesenbaby› und eine insgesamt positive Stimmung». Und Hugo Haymoz, der Leiter des Wifag-Ersatzteildienstes, befand, 1996 notabene, noch das eine oder andere Jährchen vor Facebook (Gründung 2004) oder Instagram (2010) et cetera: «Wir sind überzeugt, dass die Zeitung trotz einer immer grösseren Auswahl an elektronischen Medien ihre Bedeutung behalten wird.»

Heute versteht sich von selbst, dass der Leiter des Ersatzteildienstes vermutlich die «gedruckte» Zeitung meinte, weil noch wenige ahnten, wie sehr sich das Zeitungsgeschäft in die World-Wide-Web-Welt verlagern würde.

Die Digitalisierung veränderte und verändert die Medienwelt jedenfalls grundlegend, die Nachfrage nach «Riesenbaby»-Zeitungsmaschinen ging zurück, die ökonomische Lage der Wifag verschlechterte sich zunehmend. Finanz-, Wirtschafts- und Strukturkrise trafen das Unternehmen fast gleichzeitig und gleichermassen und beschleunigten den Niedergang, 2010 endete die Geschichte des Berner Traditionsbetriebs.

Wer noch mehr erfahren möchte über dieses besondere Stück Berner Industriegeschichte: Seit 2014 ist die Burgerbibliothek Bern die Heimat des Wifag-Archivs. Es umfasst fast 32 Laufmeter an Schriften, Bildern, Filmmaterial, rund 70 Fotoalben, 200 Glasplatten, 2500 Diapositive, 36000 Negative und Abzüge. Auch darunter: eine Fotografie der Präsentation des «Riesenbabys» von 1996 – und ein rares Bild der öffentlichkeitsscheuen Ursula Wirz. Es datiert von «1970» und hält «Fräulein Doktor» damit über den Tod hinaus geheimnisvoll.

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Präsentation der neusten Zeitungsrotationsmaschine der Wifag, 1996. Bild: BBB, Firmenarchiv Wifag, FP .3378

DIE BURGER- BIBLIOTHEK UND IHRE GESCHICHTE UND GESCHICHTEN

Die Burgerbibliothek Bern feiert 2026 Jubiläum – seit 75 Jahren besteht sie in der heutigen Form als Archiv und steht allen offen. Sie bewahrt einzigartige Quellen über Jahrhunderte hinweg, von mittelal- terlichen Handschriften bis zu digitalen Daten, auch mit Bezug und Geschichten zum Nordquartier.

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