Aus dem legendären Saal werden Hotelzimmer
Das Hotel Jardin Bern macht den nächsten Schritt in die Zukunft: Im traditionsreichen Saal entstehen zusätzliche Hotelzimmer. Was seit Längerem geplant ist, kann nun umgesetzt werden. Das Projekt setzt den bereits vor acht Jahren eingeleiteten Konzeptwechsel konsequent fort – weg vom Gastronomie- und Veranstaltungsbetrieb hin zum fokussierten Hotelangebot. Die Eröffnung der neuen Zimmer ist für den Herbst 2026 geplant und markiert den Beginn eines neuen Kapitels in der Geschichte des Hauses.
«Damit wir unsere 100-jährige Geschichte weiterschreiben können, ist die Zeit reif, uns wieder einmal mehr oder weniger neu zu ‹erfinden›», sagt Andreas Balz. Und vertieft: «Mit einem weinenden und einem lachenden Auge haben wir uns entschlossen, den traditionsreichen ‹Jardin-Saal› zu schliessen, um daraus Neues entstehen zu lassen.»
Die Gebrüder Andreas und Daniel Balz führen den seit bald hundert Jahren inhabergeführten Betrieb in dritter Generation. Über die Jahrzehnte wurde das Betriebskonzept stets dem Zeitgeist und den Marktbedürfnissen angepasst. Der aktuelle Ausbau folgt dieser Linie: vom umfassenden Gastro-Betrieb, der von Seminaren, Kulturanlässen, Partys, der Jardin-Disco, zwei Kegelbahnen bis zu Hotelzimmern so ziemlich alles anbot, was den langfristigen Fortbestand des Hauses sichert und stärkt.
Geschichte bleibt sichtbar
Bereits in einer ersten Phase des aktuellen Projekts wurde vor acht Jahren das frühere Restaurant zugunsten zusätzlicher Hotelzimmer aufgegeben. Nun erfolgt der zweite Schritt mit dem Saal. Dabei wird für den Umbau nichts abgerissen, sondern die 13 neuen zusätzlichen Doppelzimmer werden innerhalb des Saals mit einem architektonisch spannenden Konzept eingebaut.
Geplant ist ein offenes Raumgefühl mit Blickbezügen über zwei Etagen, sodass die Struktur und der ursprüngliche Charakter des Saals weiterhin sichtbar und erlebbar bleiben. Dieses «Storytelling» würdigt die lange Jardin-Geschichte und ist zugleich ressourcenschonend, da die bestehende Bausubstanz erhalten bleibt. «So lebt die Geschichte weiter», erläutert denn auch Andreas Balz.
Vom Veranstaltungslokal über die Disco bis hin zu den künftigen einzigartigen Hotelzimmern: Der Saal war in den hundert Jahren in vieles einbezogen und hat allem standgehalten.
Fokus auf Businessgäste
Trotz harter Konkurrenz, in Bern entstanden in den letzten Jahren zahlreiche neue Hotelangebote, sowie durch Plattformen wie Airbnb zeigt sich die Hoteliersfamilie Balz zuversichtlich. Die Auslastung sei gut, die Gäste kämen vorwiegend aus der Schweiz und Europa. Die Nähe zum BernExpo-Areal bleibt zudem ein wichtiger Standortvorteil. Mit der erwähnten Schliessung des Restaurants wurde der Betrieb noch stärker auf den Business-Tourismus ausgerichtet.
Alles im Fluss…
Das aktuelle Projekt, das auf kreative Nachverdichtung im urbanen Raum setzt, wurde bereits im Oktober 2025 unter dem Namen «Hotel Jardin Atrium» mit einem Innovations-Award von GastroSuisse und dem Kompetenzzentrum der Schweizer Hotelförderung (SGH) ausgezeichnet. Die Demontage der alten Infrastruktur sowie der Theaterbühne ist bereits erfolgt. Der eigentliche Baustart hat kürzlich begonnen, die Fertigstellung ist im Herbst vorgesehen.
Danach verfügt das Hotel Jardin Bern über 37 Zimmer in verschiedenen Kategorien mit insgesamt 80 Betten. Und auch darüber hinaus ist vieles im Fluss: Andreas und Daniel Balz sind nun 70 Jahre alt und seit 40 Jahren ist ihre persönliche Geschichte eng mit dem «Militärgarten/Jardin» verwoben. Auch die vierte Generation Balz ist bereits im «Jardin» tätig und trägt die neuen Pläne voll mit. Fabian Balz amtiert heute als Geschäftsführer. Auch bei ihm heisst die Devise: «Vorwärtsschauen und let’s go».
EINE LANGE GESCHICHTE
Ursprung im 19. Jahrhundert
Das heutige Hotel Jardin Bern wurde nach der Jahrhundertwende unter dem Namen Militärgarten gebaut. Bereits im 19. Jahrhundert gab es auf demselben Areal ein Restaurant namens Militärgarten. Die angrenzende Berner Kaserne, inklusive des grossen Zeughauses, war schon damals eine wichtige (Quartier-)Institution. So kam es, dass ein Grossteil der Kundschaft des Restaurants Militärgarten aus Militärangehörigen, Angestellten der Kaserne und dem Personal des Zeughauses bestand.
Ein Wohnquartier entsteht
Allmählich entstand nordseits der Aare ein bedeutendes Wohnquartier. Dies insbesondere durch die Fertigstellung der Kornhausbrücke im Jahr 1898. Um 1920 wurde das heutige Militärgarten-Gebäude gebaut, damals noch alleinstehend, mittlerweile Teil einer angebauten Häuserzeile. Der wichtigste Bereich des Betriebes war der grosse Saal, der – wie im Hauptbeitrag erwähnt – gerade in Pension ging.
Im Zusammenspiel entstand ein Restaurant mit grosszügiger Terrasse und einer modernen Küche im Untergeschoss. Die heutigen Hotelzimmer waren Wohnungen.
Übernahme durch die Familie Balz
Unter dem Namen Gesellschaftshaus Militärgarten, ein Hotelbetrieb bestand zur damaligen Zeit noch nicht, wurde der Betrieb 1929 von Ernst und Flora Balz-Kindler eröffnet und übernommen. Turbulente Jahre, auch Kriegs- und Krisenjahre, folgten. Der ebenso bedeutende wie lebhafte Quartierbetrieb durchlebte damals etwelche Höhen und Tiefen.
«Discorama Jardin»
In den Jahren 1953/1954 übernahmen Fritz und Margrit Balz-Beetschen die Geschäfte. Die Tanzabende im Grossen Saal wurden in einen Disco-Betrieb umgewandelt und unter dem Namen «Discorama Jardin» wohl eine der ersten Discotheken landesweit. Der Disco-Betrieb wurde über Jahrzehnte als Disco-Dance Jardin mit grossem Erfolg aufrechterhalten – nicht wenigen der Berner Boomer-Generation dürfte der «Jardin» bis heute in bester Erinnerung geblieben sein.
Dritte Generation
Nach dem Tod von Fritz Balz im Jahr 1985 übernahmen dessen Zwillingssöhne Daniel Balz und Andreas Balz in dritter Generation die Geschicke des Betriebes. Gleichzeitig wurde das Haus zu einem Hotelbetrieb ausgebaut und hiess neu Hotel Restaurant Jardin. Dies in Anlehnung an den bereits seit Jahrzehnten existierenden Spitznamen «Jardin». Seither wurden zahlreiche Umbauten und Renovationen durchgeführt. Auch das Quartier, vor allem im nördlichen Perimeter, wandelte sich um die Jahrhundertwende massiv. Durch das neue Stadion Wankdorf mit dem Wankdorf Center, zusätzlichen Ausstellungshallen der BernExpo und diversen neuen Verwaltungsgebäuden des Bundes eröffneten sich gute Möglichkeiten – gerade auch für den «Jardin».
Krisen und Konkurrenzdruck
Das Hotel-Restaurant Jardin trotzte sowohl der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/2009 wie auch dem Faktum, dass immer mehr Ketten und damit standardisierte Hotels und Restaurants ohne lokale Wurzeln Bern entdeckten. Als einer der wenigen Gastrobetriebe in Bern blieb der «Jardin» im Familienbesitz, geführt von den Inhabern.
Ab 2017 bricht erneut eine neue Epoche an. Im Frühjahr wurden alle Hotelzimmer komplett renoviert und mit neuester Technik ausgestattet. Ein besonderes Augenmerk richtete man dabei auf die Schallisolation, die ruhige Lage wurde so auch innerhalb des Hauses mit ruhigen Zimmern ergänzt. Im Herbst des gleichen Jahres wurde der Betrieb neu ausgerichtet und für die weitere Zukunft fit gemacht. Die Gastronomie schloss definitiv die Türen und machte Platz für zusätzliche Hotelzimmer.
Ein privates Jubiläum und ein Abschied
Im Herbst 2019 durfte Margrit Balz-Beetschen, die Mutter der beiden Geschäftsinhaber, Grossmutter von fünf Enkelkindern und auch Urgrossmutter, im Kreis ihrer ganzen Familie den hundertsten Geburtstag feiern. Am 12. Februar 2021 hat Margrit Balz-Beetschen, nach einem langen, spannenden und guten Leben im Alter von 102 Jahren ihre letzte grosse Reise angetreten.
Die Covid-19-Krise
2020/2021; die Jahre der weltweiten Corona-Pandemie. Solches erlebten wir alle so noch nie und die Gesundheit der Weltbevölkerung stand seit hundert Jahren nie mehr derart im Fokus. Nebst dem Leid von Betroffenen hat sich die wirtschaftliche Situation schlagartig in eine weltumspannende Krise verwandelt. Aufgrund der Reiseverbote und Stornierungen aller Messen, Meetings und Aktivitäten stand das Hotel über Monate nahezu leer.
Herausfordernde Jahre
Europa erholte sich von der Pandemie. Die politische Lage bleibt nach wie vor kritisch und turbulent. Kriege, Unruhen, Naturkatastrophen und anderes mehr dominieren die Schlagzeilen. Die Rohstoffpreise schnellen in die Höhe, Strom und Heizenergie werden massiv teurer. Auch für den «Jardin» gilt es, diesen erneuten Herausforderungen Rechnung zu tragen und gleichzeitig die gestiegene Preissensibilität der Gäste zu berücksichtigen.
Trotzdem waren die letzten Jahre für den «Jardin» erfolgreich, sodass in die Aufwertung des Betriebes investiert werden konnte – etwa die frisch renovierten Bäder, die hauseigene E-Ladestation und neue Kaffeemaschinen auf jeder Etage.
Jetzt, 2026, wird der seit Langem geplante und auch herbeigesehnte Ausbau des alten «Jardin-Saales» Realität. Und die vierte Balz-Generation ist auch schon im Boot. Fortsetzung folgt…
Textbasis «Geschichte des Hotel Jardin Bern» auf:
www.hotel-jardin.ch
DER LEGENDÄRE «JARDIN-SAAL»
Fast 100 Jahre lang prägte der «Jardin-Saal» das Quartierleben entscheidend mit. Das waren «fägige» Zeiten. Oder wie Daniel Balz sagt: «Hier war der Teufel los.»
Hochkonjunktur hatte der seit 1929 bestehende Raum vor allem in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren. «Stets kamen bis zu 500 Leute, die Schlange vor dem Saal war lang», erinnert sich Daniel Balz. Viele Flirts, sich anbahnende dauerhafte Beziehungen und auch schmerzhafter Liebeskummer haben ihren Ursprung im «Jardin-Saal».
Anfang der Nullerjahre ging die Party-Ära zwar zu Ende. Der Saal stand danach aber alles andere als leer. Senioren tanzten stundenlang Walzer, der Berner Stadtrat debattierte, der Leist Bern Nord hielt seine Hauptversammlungen ab oder der FC Breitenrain feierte das 20-Jahr-Jubiläum nach Fusion.
Nun ist definitiv Schluss damit. Wo einst wild getanzt und hart gerockt wurde, entstehen in den nächsten Monaten neue Doppelzimmer.
DER «MILITÄRGARTEN»
In unmittelbarer Nähe der Kaserne befindet sich der «Militärgarten». Es ist dies keine Kampfbahn und kein Spielpark für Soldaten, sondern ein Restaurant (nicht nur für Soldaten). Der «Militärgarten» umfasst ein Restaurant, eine Gartenwirtschaft, genügend Parkplätze – wenn sich nicht gerade eine Panzerkompanie in die Gegend verirrt hat – Kegelbahnen, ein kleineres Säli, ein grösseres Säli und einen ganz grossen Saal.
Letzterer ist besonders faszinierend, denn in ihm kann so ziemlich alles abgehalten werden: Bankette, Theater, Kabarett, Konzerte, Boxmatches und andere Wettkämpfe, Vereinsanlässe, Kompanieabende, Tierschauen, Ausstellungen und vieles mehr.
Donnerstags, freitags und samstags ist der grosse Saal Quartierdancing mit Diskothek und Grossstadtambiance. Man geht dann nicht mehr in den «Militärgarten», sondern in den «Jardin», sprich «Schardäng».
Alles in allem, der «Militärgarten» verdient das Prädikat «echtes Quartier-Restaurant». Und wer einmal dort war, wird nicht mehr vom «Militärgarten», sondern eben vom «Schardäng» sprechen.
(Auszug aus «Bern – wie es isst und trinkt» von Hand Erpf und Alexander E. Heimann, erschienen 1972 im Viktoria-Verlag)