Tango und argentinische Lebensfreude in der Alten Feuerwehr Viktoria und an weiteren Standorten
Mileva Demenga (42) und Martín Lebrero (53) bieten Liebhaber:innen südamerikanischer Rhythmen in ihren Tangokursen an zwei Berner Standorten die Möglichkeit, diese Lebensfreude aktiv zu erfahren. Sie berichteten uns über ihr spannendes Leben und das interessante Schaffensfeld.
Liebe Mileva, erzähl uns doch etwas über dich und dein bisheriges Leben!
Als Kind einer Berner Musikerfamilie bin ich im Marzili-Quartier aufgewachsen. Das Fernweh begleitet mich jedoch seit jungen Jahren, und so bin ich in ganz Europa, Südamerika und sogar bis nach Kirgistan und Usbekistan gereist. Es war klar, dass ich auch zum Studium wegziehen werde.
Ich habe Philosophie und Germanistik in Basel und Berlin studiert. Martín ist in La Plata aufgewachsen und hat sein Studium der zeitgenössischen Komposition in Quilmes, Buenos Aires, absolviert.
Liebe auf den ersten Blick in der Lieblings-Milonga in Buenos Aires
Während ich meine Masterarbeit in Buenos Aires schrieb, lebte ich acht Monate in Argentinien. Schon bald hatte ich meine Lieblings-Milonga, die «Cochabamba 444», und eines Abends kam Martín aus La Plata zum ersten Mal dorthin. Es mag klischeehaft klingen, aber für uns beide war es «Liebe auf den ersten Blick» und klar, dass wir zusammengehören.
Dann ergab sich eins nach dem anderen: Ich musste noch mein Studium in Berlin abschliessen und dann folgte ein nächster längerer Aufenthalt in Argentinien, während dem wir uns das ganze Land auf einer langen Reise ansahen und alle uns fragten: «Was macht ihr zukünftig?» Bald war klar, dass Martín in die Schweiz kommen wird. Schon ein Jahr später (2012) war es so weit.
In seinen ersten Jahren hier haben wir an den unterschiedlichsten Orten gelebt: auf Bauernhöfen, in zwischengenutzten Häusern, in unserem Bus auf Reisen in Südeuropa und länger in Berlin. Beruflich waren wir in verschiedenen Bereichen tätig – immer auf der Suche nach einem freien und selbstbestimmten Leben mit viel Tanz und Musik: ich in der Erwachsenenbildung, an Primarschulen und an Gymnasien beim Deutschunterricht; Martín auf Bauernhöfen, in einem Berliner Kindertheater und als Hauswart.
Heute besteht unsere Familie aus Julián (10 Jahre), Manuel (7 Jahre) und wird seit letztem Februar durch die kleine Lucía vervollständigt – quasi «zum Dessert ein Meiteli!» (lacht). Das ist ein grosses und schönes «Paket»: Mit der selbstständigen Arbeit und dem Familienleben mit drei Kindern sind wir gewissermassen immer im Prozess, aber steuern das Schiff mit viel Humor und Gelassenheit. Weil wir schon so vieles zusammen erlebt haben, erschüttert uns so schnell nichts.
Wie seid ihr zum Tango gekommen?
Schon als Kind bekam ich Tango-Kassetten von einem argentinischen Geiger, der damals mit meiner Mutter in der Camerata Bern spielte. Die geheimnisvolle Musik faszinierte mich sofort. Mit dem Start meines Studiums belegte ich einen Unisport-Kurs in Basel und bald darauf folgten meine ersten Reisen nach Buenos Aires, auf denen ich Nacht um Nacht durchtanzte und viel Unterricht nahm. Während meines Masterstudiums in Berlin war ich in der dortigen Tangoszene unterwegs.
Martín erlebte den Tango in seiner Familie in La Plata (Argentinien) schon seit frühester Kindheit: Seine Eltern hatten sich auch auf einer Milonga kennengelernt, hörten immer Tango und seine Grossmutter kannte die Liedtexte sämtlicher Tangos auswendig. Später lernte er diesen Tanzstil bei verschiedensten bekannten Tangueros in Argentinien.
«Faszinierend am Tango sind seine Tiefe und die präzise Kommunikation des Tanzpaares.»
Genau das zeichnet ihn meiner Meinung nach gegenüber anderen Paartänzen aus. Der Tango Salón, so wie wir ihn tanzen, ist kein extrovertierter, nach aussen spektakulärer Show-Tanz mit Posen. Er richtet sich vielmehr nach innen, fokussiert auf die mit fortschreitendem Können immer feiner und natürlicher werdende Verbindung mit dem Gegenüber.
Tanze ich als Leader, liebe ich die Freiheit, die Musik interpretieren zu können und mein Repertoire an Figuren und Elementen nicht mental hervorholen zu müssen, sondern jede Bewegung zur Musik und ihrer jeweiligen Stimmung entstehen zu lassen. Dass diese Improvisation dann zusammen mit der Tanzpartnerin möglich ist, grenzt schon an Magie…
Als Follower ist Tangotanzen für mich wie eine Meditation: Du bist mit jedem Teil des Körpers voll präsent, wach und bereit zur Reaktion ohne jegliche Einmischung des Denkens. Kaum denkst du zu viel nach oder möchtest etwas verstehen, fällst du aus dem natürlichen Flow zweier Körper, die sich zusammen bewegen.
«El amor por el Tango»: Tanzkurse und Lebensfreude seit Sommer 2012»
Schon bald nach Martíns Ankunft begannen wir auf Anfrage mit einem kleinen Tangokurs für den Freundes- und Familienkreis. Damals tanzten wir in der «Waschküche» an der Seftigenstrasse, einem kleinen Raum, dessen Zwischennutzung von den späteren «Heitere Fahne»-Gründer:innen organisiert wurde.
Bald wechselten wir in einen grösseren Raum und unterrichten seit 2016 in der Alten Schreinerei der Alten Feuerwehr Viktoria.
Im November 2025 begannen wir zusätzlich mit einem Basiskurs in der Villa Bernau in Wabern. Unsere Tanzschule «Tango Mileva Martin» ist ganz natürlich entstanden und gewachsen und wir freuen uns, aktuell wöchentlich 5 Abendkurse anbieten zu können.
Interessiert? Save the Date
Am Dienstag- und Freitagabend unterrichten wir Kurse aller Niveaus in der Alten Feuerwehr Viktoria. Am 6. März findet eine kostenlose Schnupperstunde für Einsteiger:innen statt und ab dem 13. März beginnt ein neuer Basiskurs. Am Donnerstagabend unterrichten wir jeweils in der Villa Bernau.
Zu unseren Kursen kommt ein ganz gemischtes Publikum. Das Bild des klassischen Tangos mit der Dame mit hohen Absatzschuhen und Netzstrümpfen und dem Mann im Anzug möchten wir nicht verkörpern.
Wir tanzen diesen Tanz zweier gleichberechtigter Menschen mit nicht an ein Geschlecht gebundenen Rollen (Leader und Follower) in Jeans und Trainingsschuhen. Dabei freuen wir uns über alle am Open-Role-Tango Interessierten und vermitteln den Tango als das, was er für uns bedeutet: «una cultura popular» – in erster Linie eine soziale Kultur. Sie öffnet Raum für Begegnungen zwischen Menschen, die die Liebe zur Tangomusik und zum Tanz teilen.
In diesen 14 Jahren haben wir selbst viel dazugelernt und mehrmals unsere Konzepte und Unterrichtsprogramme umgekrempelt. Eine spezielle Herausforderung war und ist, dass der Aufbau unserer Tangoschule gleichzeitig mit dem Wachsen unserer 5-köpfigen Familie stattfindet. Manchmal ist es nicht einfach, Zeit zum Trainieren zu finden: So ist oft jemand von uns schon mit den Kindern eingeschlafen und der andere weckt ihn mit den Tangoschuhen in der Hand zum Vorbereiten der Kurse…
«Der Tango ist für uns eine innovative, freie Tanzform für Jung und Alt.»
In unserem Unterricht stehen Improvisation, Musikalität und die Freude an einer feinen Kommunikation an erster Stelle. Das Tangotanzen hat nichts mit dem Erlernen einer Choreografie zu tun, sondern ist der Austausch zwischen Führenden und Folgenden von Moment zu Moment.
Oft haben wir das Gefühl, eher psychologische Arbeit zu machen: Von den Teilnehmenden erfordert es am Anfang viel Mut, sich auf ein Gegenüber einzulassen, Blockaden abzubauen und mit einer fremden Person plötzlich über die Umarmung zu kommunizieren. Ausserdem sind im Tango eine solide Technik, viel Gleichgewicht und Koordination gefragt, damit die Umarmung leicht und angenehm wird.
Wir legen grossen Wert auf die Vermittlung der technischen Grundlagen. Gleichzeitig ist es uns das Wichtigste, den Teilnehmenden einfach eine gute Zeit im Kurs mit einer wohlwollenden, humorvollen und freundschaftlichen Stimmung zu ermöglichen. Oft gehen unsere Tangoschüler:innen nach dem Kurs noch gemeinsam etwas trinken. Es freut uns zu sehen, dass so über längere Zeit Freundschaften entstehen.
An unsere offenen Schnupperstunden kommen immer auch viele Leute ohne Tanzpartner:in – eine gute Gelegenheit, ein Gegenüber für einen gemeinsamen Kursbesuch zu finden. Auch auf den höheren Kursstufen helfen wir gerne bei der Vermittlung eines/einer Tanzpartners/in.
Grosse Pläne und Wünsche für die Zukunft
In den letzten beiden turbulenten Jahren hat sich nicht nur unsere Familie vergrössert, sondern wir haben auch ein altes Bauernhaus in Ligurien gekauft, das wir in der nahen Zukunft renovieren wollen. Irgendwann werden dort Tangofereien und Retreats stattfinden. Dieses Projekt gibt uns Luft und Inspiration für den Alltag mit den Kindern hier in Bern: Es tut gut, einen Fuss im Süden und einen Ort in der wundervollen Natur zu haben, der uns, unseren Kindern und unserem Freundeskreis immer offenstehen wird. Für unser Wirken hier in Bern hoffen wir, dass sich weiterhin so viele unterschiedliche Menschen auf den Tango einlassen und in unserer kleinen Community landen.
Liebe Mileva, vielen Dank für dieses Interview! Wir wünschen euch alles Gute!
Für weitere Informationen und Kontakt:
www.tango-mileva-martin.ch