Neapolitanische Sonne auf dem Teller
Seit einem Jahr gibt es an der Lorrainestrasse 12 erstklassigen Anschauungs- und Verkostungsunterricht darüber, wie eine echte neapolitanische Pizza sein könnte.
Heute sitzen wir in der Pizzeria «Gio», schauen zu, wie ein gnadenloser Februarsturm den Lorrainepark zerzaust und denken über die Vergänglichkeit des Lebens nach. Fern noch sind die sonnigen Tage, die die Pétanque-Spieler und heiteren Tagediebe anlocken. Vor zwanzig Jahren standen wir hier jeweils in der Mittagsschlange, als an dieser Adresse noch der «Lorraine Beck» domiziliert war, und warteten auf unser Schnitzelbrot oder Roastbeef-Sandwich. Wir arbeiteten damals im Medienhaus am Dammweg, als noch ein stolzer Bernburger das Zepter führte und nicht ein profitgetriebener Zürcher Grossbetrieb. Ob es früher aber wirklich besser war? Wir sind nicht sicher. Was wir wissen: Die Vergangenheit schreibt mit güldener Feder. Im Rückblick verklären wir gerne vieles, das ist menschlich.
Leidenschaft und Tradition
Was wir garantiert sagen können: Dass an der Lorrainestrasse 12 seit Januar 2025 neue Anwärter für den begehrten Titel «Best Pizza in Town» – oder jedenfalls im Nordquartier – am Start sind. Die Gastgeber von «Gio» heissen Gessica und Stefano. Sie stammt aus Sizilien, er aus Apulien. «Wir sind beide mit der typischen italienischen Tradition und Mentalität aufgewachsen», schreiben sie. «Bei uns zu Hause drehte sich immer alles um gutes, qualitatives Essen, das mit Liebe zubereitet wird. Diese Leidenschaft begleitet uns bis heute und ist der Grundstein für unsere Pizzeria.»
Ein Traum wird wahr
Der Teig für ihre Pizza ruht mindestens 40 Stunden, was ihn leichter und bekömmlicher macht. Charakteristisch für eine Pizza nach neapolitanischer Art sind der dünne Boden und der viel beschworene Cornicione. Im besten Fall – wie eben hier – ist die Kruste keineswegs schwer, sondern luftig, goldbraun und sehr bekömmlich.
Für Gessica und Stefano erfüllte sich vor einem Jahr ein persönlicher Traum. «Jedes Mal, wenn wir Lust auf Pizza hatten, fehlte uns eine Adresse, die die Qualität und Authentizität der echten neapolitanischen Pizza bot. Deshalb haben wir beschlossen, genau das zu ändern und diese authentische Art als Take-away und Lieferservice anzubieten.»
Wahre Stärke
Doch kann die Pizza auch vor Ort genussreich verzehrt werden – was wir an diesem nassen Donnerstagabend gerne tun. Zwei lange Holztische bieten Paaren, aber auch Gruppen Platz. Abgesehen von einer Antipasti-Platte mit Büffelmozzarella, Oliven, scharfer Ventricina-Salami, luftgetrockneter Coppa und getrockneten Tomaten beschränkt sich das Angebot auf Pizza, Panini und drei Dessert-Kreationen. Mehr ist auch nicht nötig. Denn der Ratschlag gilt nicht nur hier, sondern fürs ganze Leben: Konzentriere dich auf deine Stärken, überall gut zu sein ist unmöglich.
Liebeserklärung ans Quartier
Wir bestellen heute zwei Klassiker, «Marinara» für die Dame und «Prosciutto & Funghi» für den Herrn. Und empfehlen explizit auch die Varianten «Pistacchiosa» mit hausgemachtem Pistazienpesto, «Nuova York» mit Mozzarella Fior di Latte, Pastrami und hausgemachter Honey-Mustard-Sauce sowie «Lorraine 3013». Dabei handelt es sich um eine elegante Liebeserklärung ans Quartier mit Grillgemüse, getrockneten Tomaten und Oliven. Auch die Getränkepalette ist überschaubar, aber absolut genügend. Wir greifen zum San Pellegrino, Bierfreunden empfehlen wir ein alkoholfreies Moretti.
Die Hoffnung ist hellblau wie das Meer am Morgen
Wir nehmen das Besteck, das in einer kleinen Box auf dem Tisch steht, und legen los. Und erinnern uns beim Essen an einen Italien-Aufenthalt, bei dem wir auch in Napoli Halt machten, 220 Jahre nach Goethes berühmter Reise. An lärmige Gassen, abschüssige Strassen und intensive Gerüche und wie wir uns bei einem Parrucchiere frisieren liessen. Und wir haben auch noch die Zeilen von gestern Abend aus dem neuen Buch von Pedro Lenz im Kopf, der in «Mit linggs» das Leben der argentinischen Fussball-Legende Diego Armando Maradona schildert. Der «Goldjunge» spielte von 1984 bis 1991 für den SSC Napoli. Und Lenz hatte früher ein Schreibzimmer in der Lorraine.
INFOS
Küche: Pizza, Panini e basta
Service: Gessica hat alles im Griff
Ambiente: Arredata con gusto
Preise: Sehr fair; Pizze von 15 bis 25 Franken
Adresse: Lorrainestrasse 12, 3013 Bern, Telefon 031 334 12 12.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag, jeweils von 11.30 bis 14 Uhr und von 18 bis 22 Uhr
www.pizzagio.ch