Wird das Lorrainebad nun saniert?
Am 8. März befindet die Stadtberner Bevölkerung über den Baukredit von 22,3 Millionen Franken für die Sanierung des Lorrainebades. Das Vorhaben ist gemäss Experten dringend nötig.
Das Lorrainebad ist Kult und repräsentiert mit seinem herben Charme den unverwechselbaren Charakter des wohl immer noch ungezähmtesten Berner Quartiers. So und ähnlich klingen jeweils die Liebeserklärungen an das schmale Flussbad vor dem Engehalde-Stauwehr. Es gehört mit Baujahr 1892 zu den ältesten Flussbädern des Landes. Nur das Männerbad Schanzengraben in Zürich (1864), die Rhybadi Schaffhausen (1870) und das Flussbad Schwäbis in Thun (1884) sind älter. Es ist das kleinste der städtischen Freibäder, das zweitälteste erhaltene Freibad nach dem Marzili und im Inventar der Denkmalpflege als erhaltenswert eingestuft.
Ein Sicherheitsrisiko für die Gäste
Auch zum aktuellen Bild der Anlage gehören jedoch Risse in den Stützmauern und auf dem Uferweg und ein grundsätzlich prekärer Zustand. Das ist kein Wunder, denn das Bad wurde seit der Erbauung nie wirklich umfassend saniert. Gemeinderätin Ursina Anderegg verwendete bei der Stadtratsdebatte am 16. Oktober 2025 den Begriff «marode». Und GFL-Vertreterin Tanja Miljanovic sagte im Namen der vorberatenden Kommission, es sei wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Bad vorsorglich gesperrt müsse. Ähnlich tönt es von Bauexperten. Die Anlage sei dringend sanierungsbedürftig und stelle partiell ein Sicherheitsrisiko für die Gäste dar. «Die jährlichen Überprüfungen durch ein Ingenieurbüro führen regelmässig zu provisorischen Absperrungen sowie behelfsmässigen Reparaturen», heisst es in der stadträtlichen Botschaft. Am kommenden 8. März stimmt die Bevölkerung nun über einen Baukredit von 22,3 Millionen Franken für die Sanierung ab. 64 Stadträtinnen und -räte stimmten im Oktober für die Sanierung, 6 dagegen. Als einzige Partei hat die SVP die Nein-Parole beschlossen, alle anderen sind für die Sanierung.
Was würde mit dem Geld gemacht?
Im Zentrum des Vorhabens steht die Absicht, das Schwimmbecken wieder wie früher mit der Aare zu verbinden und ein echtes Flussbad zu schaffen. Die zwischenzeitliche Trennung geschah aus hygienischen Gründen. Ab 1926 wurde das städtische Abwasser unterhalb des Bärengrabens durch den Sulgenbachstollen in die Aare geleitet, die dadurch mehr und mehr verschmutzte. Im Hitzesommer 1947 eskalierte die Situation. Es kam zu mehreren Fällen von Kinderlähmung und Meningitis und es gab sogar den Verdacht auf einen Typhus-Ausbruch. 1949 wurde das Becken deshalb vom Fluss getrennt und seither mit Grundwasser gespiesen.
Mitte der 1960er-Jahre liess die Stadt eine Abwasserreinigungsanlage installieren und die Wasserqualität verbesserte sich zusehends. Bei der geplanten Sanierung wird der Damm nun an zwei Stellen abgetragen. Das Flusswasser fliesst dann unter dem Aaresteg durch einen Rechen ins Becken hinein und wieder hinaus. Ein Schwimmkanal vom Fluss ins Becken ist nicht vorgesehen. Die Fliessbewegung würde auch die Qualität des Beckenwassers verbessern.
Seit den beiden Überflutungen 1999 und 2005 ist der Beckenboden noch stärker verschlammt, als es bereits war. Das intensiviert das Wachstum von Algen. Sie werden im Frühling jeweils entfernt, wachsen aber wieder nach, weshalb viele Gäste das Becken meiden.
Im südlichen Teil des Beckens ist ein neuer Kinderbadebereich geplant. Der Damm und die Stützmauern werden saniert und stabilisiert. Auf der südlichen Liegewiese ausserhalb der eigentlichen Anlage werden neue, einheimische Bäume gepflanzt, um mehr Schatten zu erhalten.
Der jetzige Wendeplatz wird vergrössert und bietet so neu auch Raum für Foodtrucks, um in den Spitzenzeiten die Buvette zu entlasten. Diese wurde nach dem Brand von 2009 wieder instand gesetzt und ist noch in einwandfreiem Zustand. Sie erhält aber eine zusätzliche Photovoltaikanlage auf dem Dach zur Erwärmung des Duschwassers.
Sämtliche Leitungen und Pumpen werden erneuert, ebenso die schmale Brücke zwischen der Buvette und dem Aaresteg. Die Betonplatten auf dem Beckenumgang sind denkmalgeschützt (sic!). Sie werden demontiert, restauriert und wieder eingebaut. Auch die Toiletten und Holzgarderoben werden saniert.
Was ist das Schwierige und Teure am Projekt?
Für den Baustellenzugang muss der Uferweg vom Altenberg her an zwei Stellen verbreitert werden. Einerseits auf Höhe des Restaurants Lido, andererseits beim Gassner-Areal. Die Benutzung der beiden vorhandenen Privatwege hätte ebenfalls bauliche Anpassungen mit Zusatzkosten ausgelöst. Zum einen hätte man Dächer von denkmalgeschützten Häusern zurückbauen müssen. Zum anderen wären beim Gassner-Areal die Bäume den grossen Transportern hinderlich.
Nun wird die Aare für eine genügend breite Baupiste auf einer Länge von mehreren hundert Metern aufgeschüttet. Dafür werden nicht Asphalt oder Beton, sondern Blocksteine und Kies verwendet. Während der Bauzeit wird der Fuss- und der Veloverkehr zwischen dem Altenbergsteg und dem Stauwehr auf die gegenüberliegende Uferseite umgeleitet. Für den betreffenden Abschnitt gilt während der ganzen Bauzeit ein Badeverbot.
Allein die Baustelleninstallation kostet über eine Million Franken. Die vorberatende Kommission prüfte ebenso einen Baustellenzugang mit einem Flosskonstrukt oder einer Seilbahn vom anderen Ufer aus. Auch dies wäre aber nicht günstiger gekommen.
Einkalkuliert ist zudem ein Zuschlag für Kostenungenauigkeiten von 15 Prozent, was 2,5 Millionen Franken entspricht. Üblich sind 10 Prozent, doch wird die Baustellenerschliessung als grösserer Unsicherheitsfaktor taxiert. Ebenfalls in die Gesamtsumme einbezogen ist der Projektierungskredit. Er musste mehrmals erhöht werden und beträgt nun 3 Millionen Franken.
Schadhaft sind auch die Stützmauern entlang des Weges zwischen der Jurastrasse und dem Uferweg. Sie weisen Risse auf und stehen nicht mehr im Lot. Zudem rutscht der dortige Hang. Diese Sanierung ist gleichzeitig mit jener des Bades geplant, um die Baustellenerschliessung besser auszulasten.
Der Zeitplan sieht, eine Annahme des Kredits am 8. März vorausgesetzt, einen Baubeginn im Herbst 2027 vor. Das Ende ist aufs Frühjahr 2029 terminiert. Was bedeutet, dass die ganze Badesaison 2028 buchstäblich ins Wasser fällt.
Gab es im Stadtrat Opposition?
In der Stadtratssitzung vom Oktober 2025 dauerte die Debatte über das Geschäft mit 45 Minuten nicht episch lange. Trotzdem gab es einige kritische Voten. Diese betrafen vor allem die Kredithöhe, die von bürgerlicher Seite stark kritisiert und mit Sanierungskosten anderer Bäder verglichen wurde. Zumal 2018 noch Kosten von rund 10 Millionen Franken im Raum standen.
FDP-Stadtrat Thomas Hofstetter sagte exemplarisch: «2015 hat das Sportamt festgestellt, dass das Bad sanierungsbedürftig ist. Wenn jetzt alles gut geht, wird die Sanierung 2028 abgeschlossen sein, also 13 Jahre später. Das ist unglaublich lange, das ist noch langsamer als das Berner Tempo, das ist Schneckentempo. Dafür hat man in dieser Zeit 3 Millionen Franken allein für die Planung ausgegeben, ohne dass etwas gebaut oder saniert wurde. Das ist unglaublich viel. Trotzdem werden wir allen Anträgen des Gemeinderates zustimmen, denn wir sind ganz klar der Ansicht, dass das Bad endlich saniert werden muss.»
Zu reden gaben auch die Biodiversität, der sich im Sommer jeweils stark erhitzende Belag des Uferweges, zusätzliche Spielmöglichkeiten für Kinder sowie Schutzräume für FKK-Interessierte und FLINTA+-Personen.
Die GFL wollte das Geschäft grundsätzlich zurückweisen. Sie forderte, die ebenfalls geplante Renaturierung der angrenzenden Südwiese mit der Sanierung des Bades zu synchronisieren. So könnten Doppelspurigkeiten bei der Planung, der Baustellenerschliessung und den Kosten vermieden werden. Der Antrag wurde abgelehnt. SP-Vertreter Johannes Wartenweiler sagte im Namen der Fraktion: «Es ist jetzt nicht der Moment, mit einer Rückweisung die Sanierung weiter zu verschleppen.»
Die Geschichte des Bades
Die Turbulenzen um die geplante Sanierung sind nur das jüngste Kapitel in der an Aufregungen reichen Geschichte dieser städtischen Sport- und Freizeitanlage. Ursprünglich wurde sie in den 1880er-Jahren von der Schulkommission Lorraine initiiert, weil das Schulbaden in der offenen Aare als zu gefährlich erschien.
1913 wurden die Geschlechter mit baulichen Massnahmen separiert, die Trennung wurde erst in den 1960er-Jahren wieder aufgehoben. Lange war der freie Eintritt ins Lorrainebad unumstritten, das Baden sollte der Volksgesundheit dienen.
Ab den 1970er-Jahren gab es aber immer wieder politische Vorstösse von bürgerlicher Seite, Eintrittsgelder einzuführen, um die Stadtkasse zu entlasten – nicht nur die Anlage in der Lorraine betreffend.
2002 war das Bad gar in seiner Existenz bedroht, als das Gerücht aufkam, die Stadt wolle es grundsätzlich aufgeben. Der Verein Läbigi Lorraine (VLL) lancierte die Aktion «Lorrainebad bleibt» mit der Schwimmring-Ente als Signet. Der Widerstand zeigte Wirkung. 2003 bewilligte der Stadtrat kurzfristig einen Kredit für Renovationsarbeiten, die im Frühling 2004 begannen.
Die Buvette wurde erneuert, die obere Liegewiese mit einer Rampe erschlossen, der Kleinkinderbereich mit Planschbecken und Spielplatz erweitert sowie Geländer und Betonplatten ersetzt. In der Stadtratssitzung vom November 2003 wurde auch die Idee des VLL als Postulat überwiesen, einen Teil der angrenzenden Matte neu als Liege- und Spielwiese zu nutzen. Diese Nutzung begann 2014.
Seit 2015 prüft die Stadt immer wieder eine umfassende Sanierung, die aus Spargründen mehrfach verschoben wurde. 2017 übernahm die damalige Burgunderbar-Crew die Buvette, seit dem Winter 2018/2019 gibt es einen regelmässigen Saunabetrieb.
Im Frühling 2021 wurde es erneut brenzlig für das Bad als städtisch-öffentlichen Betrieb. Damals schlug der Gemeinderat vor, aus Spargründen auf die Sanierung zu verzichten, das Bad zu verpachten und ab 2022 von Privaten betreiben zu lassen.
Auf Klebern und Fahnen tauchte die Ente von 2002 wieder im Quartier auf, diesmal in noch energischerer Optik mit zwei Zähnen und dem Slogan «Lorrainebad bleibt öffentlich!». Innert weniger Wochen unterschrieben über 10 000 Leute eine entsprechende Petition, was von der allgemeinen Beliebtheit zeugt.
Im September 2021 lehnte der Stadtrat den Sparantrag des Gemeinderates ab, mit 55 zu 15 bei 5 Enthaltungen.
Quellen für diesen Text:
Stadt Bern, Stadtarchiv Bern,
Verein Läbigi Lorraine
www.lorrainebad.ch