Das letzte Glas getrunken, die letzte Zigarette geraucht
Fritz Kobi (1938–2025) war einer der kreativsten Werber der Schweiz und setzte mit dem «Lorenzini» auch in der Gastronomie Akzente. Er lebte während Jahrzehnten in der Lorraine.
Donnerstag, 15. Januar 2026, Münster, Bern, aus der Orgel erklingt die Toccata D-Moll von Johann Sebastian Bach. Viele Weggefährten und Bekannte sind gekommen, um von Fritz Kobi Abschied zu nehmen, der am 14. Dezember 87-jährig gestorben ist. Werber-Legende, Contexta-Gründer, Buchautor, Gastro-Unternehmer und vor allem ein «grossartiger und grosszügiger Mensch. Fritz hätte zur Begrüssung gesagt: Geliebte Herren und geschätzte Damen», beginnt sein langjähriger Partner und Freund Marcel Winkelmann den berührenden Nachruf in der Kirche. Die beiden lernen sich vor 40 Jahren an einem «feuchtfröhlichen» Firmenanlass der Contexta kennen. Winkelmann serviert, Kobi ist Gastgeber. Daraus entwickelt sich eine «tiefe Freundschaft mit Liebe und Respekt».
Fast zwei Jahrzehnte lang leben sie zusammen in der Lorraine, im Frühling 2025 zügelt Kobi ins Alterszentrum Alenia, Gümligen, wo er schliesslich «friedlich einschlief. Sein letzter Wunsch wurde so erfüllt. Fritz war ein Macher, ein Meister seines Fachs», so Winkelmann. «Wir hatten eine funkensprühende, dynamisch-donnernde Beziehung. Mit vielen gemeinsamen Reisen, gefühlt zum Mond und zurück. Nun ist das letzte Glas getrunken und die letzte Zigarette geraucht. Fritz, du fehlst!» Auf dem Leidzirkular steht ein Zitat von Kobi: «Als Ego sind wir vergänglich, als Teil des Ganzen jedoch unsterblich.»
«Er versuchte stets, alle zu fördern und untereinander zu befreunden», beschreibt Winkelmann Kobis Qualitäten als Mentor. Das kann auch ich als Verfasser dieses Textes bestätigen. Per handgeschriebener Karte kam von Kobi regelmässig eine Einladung zum Apero. Es wurden jeweils lange Abende in der Lorraine, der Springbrunnen im Hof plätscherte, die Geschichten flossen und irgendwo versteckte sich die Katze Alisha. Als ich beruflich einmal vor einem Wendepunkt stand, organisierte er von sich aus gleich mehrere Vorstellungstermine für mich.
Fritz Kobi kommt im November 1938 zur Welt. «Als Sprössling einer Eisenbahnerfamilie kam ich nicht darum herum, meine berufliche Laufbahn bei den SBB als Stationsvorstand zu beginnen, obwohl ich schon in der fünften Klasse die Mitschüler mit handgeschriebenen Abenteuerromanen in Atem hielt. Die Lehrer der Sekundarschule Bümpliz fanden aber meine wilden Geschichten nicht als empfehlenswerten Lesestoff für Kinder und zogen sie ein. Ich war enttäuscht, empört, erzürnt», beschreibt er seinen Werdegang.
Über die Reisebranche kommt Kobi in die Werbung und startet bei Orell Füssli Annoncen als Berater. 1968 gründet er mit Alex Milani – sein früherer Geschäftspartner stirbt nur einen Monat früher 90-jährig – die Firma Milani & Kobi. Mit Heinz Hersberger entsteht 1972 die Contexta AG. Die Agentur zieht 1980 in die Matte und trägt entscheidend zum Boom des früheren Arbeiterquartiers bei.
Das Trio bewegt bald auch die Berner Gastro-Szene. Von ihrer Italien-Leidenschaft inspiriert, gründen sie 1973 das Ristorante «Lorenzini» und übernehmen auch die «Quick-Bar», zuerst noch am alten Standort in der Marktgass-Passage.
Im Castello di Buggiano in der Toscana richtet Kobi einen Rückzugsort ein. Gemeinsames Essen und Trinken sind ihm wichtig, weil sich so die unterschiedlichsten Menschen lebenswichtigen Tätigkeiten widmen, die gleichzeitig ihre Fantasie anregen. Die Tischrunde als Lebensgemeinschaft.
Was macht ein Werber in der Nacht? Bei Fritz Kobi ist es klar: Er malt leidenschaftlich gern. Und er verfasst Bücher. «Ich schreibe Romane, damit ich ab und zu schreiben kann, was ich will, ohne Auftrag, frei und ungebunden. Und damit ich meine aufgestaute Fantasie loswerden kann», erklärt er. 1978 erscheint als erstes Werk der Krimi «Mama, entweder du oder ich», 1979 «Die Entdeckung des Ebrozyms», 1983 «McAbers Märchen», 1986 die Zukunftsvision «Alpina 2020» und 1988 «Krieg der Schwestern». Damals lernen sich auch Kobi und die Verlegerin Rosmarie Bernasconi kennen, die sich an ihn als «hervorragender Geschichtenerzähler» erinnert. Drei Bücher kommen in ihrem Verlag Einfach Lesen heraus, eins seiner besten, «Der Katechismus», 2004. «Es war eine lustige Zusammenarbeit und wir haben viel gelacht. Manchmal gingen unsere Meinungen auch auseinander, doch fanden wir immer wieder zusammen», erinnert sie sich. Kobis letztes Werk, der Satire-Thriller «Schweinheim – ein Dorf dreht durch», erscheint 2020 beim Weber Verlag. Autobiografien langweilen ihn. «Das tun nur Egozentriker», sagt er.
Unter den vielen Trauergästen im Münster ist auch Remo Neuhaus, der 2000 als Turnaround-Manager ins «Lorenzini» kommt, das damals vorübergehend rote Zahlen schreibt. «Fritz brachte als Verwaltungsrat viele erfrischende Ideen ein. Und mit den Jahren wurde er zu einem Freund der Familie. An der Hochzeit von mir und meiner Frau Sarah hielt er spontan eine fantastische Rede. Auch an meinem 40. Geburtstag sprach er ohne Vorbereitung druckreif», so Neuhaus. «Vor 15 Jahren setzte ich ihn für die Schlussarbeit meiner Fotografen-Ausbildung als Model ein und er posierte als Rambo, als Priester und als Gentleman. Als ich ihn zwei Wochen vor seinem Tod ein letztes Mal im Altersheim besuchte, lag das Buch mit diesen Fotografien in seinem Zimmer. Das hat mich unglaublich berührt.»
So haben alle, die im Münster sitzen, eine Erinnerung an ihn, die bleibt. Nun ertönt ein letztes Mal die Orgel. Und Pfarrerin Joanna Mühlemann lädt zum anschliessenden Beisammensein ins «Lorenzini». Es gibt Antipasti und Wein, später Kobis Lieblingsgerichte Cappelletti und Spaghetti aglio. Marcel Winkelmann sagt: «Fritz, du bleibst für immer in meinem Herzen. Und in jenen von all deinen Freunden. Prost, Fritz, und gute Reise!»