SHIRLEY GRIMES

Musik und Kunst als Lebenselixier zur Freude der Menschen

Shirley Grimes (53) erfreut Menschen mit Musik und verschiedenen Kunstprojekten. Die Powerfrau ist Musikerin und Künstlerin aus Leidenschaft und wurde für ihr Projekt «Kultur am Bettrand» 2024 zur Bernerin des Jahres gekürt. Sie gab uns Einblicke in ihr interessantes Leben und faszinierendes Schaffen.

Bianka Balmer
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Shirley Grimes. Bild: zVg

Liebe Shirley, erzähl uns doch etwas über dich und dein bisheriges Leben!
Ich wurde 1972 in Killaloe, einem kleinen Dorf im Südwesten Irlands, geboren und wuchs dort mit meinen beiden Schwestern auf. Wir waren keine klassische Musikerfamilie, aber es gab die Tradition, immer am Sonntag nach der Kirche mit anderen spontan im Pub gemeinsam zu singen.

Die Musik liegt den Menschen in Irland im Blut: Es wird nicht viel nach dem «Warum» oder «Wie» gefragt – das gemeinsame Musizieren gehört einfach dazu. Schon als kleines Mädchen träumte ich davon, Sängerin zu werden und entdeckte mit 14 Jahren die Gitarre als Instrument für mich. Nach einigen Einstiegslektionen brachte ich mir das Weitere autodidaktisch bei und merkte schon damals, dass dieses Instrument zusammen mit dem Singen etwas sehr Zentrales in meinem Leben werden würde – praktisch ein Ticket für viele weitere grosse Chancen.

Schon früh hatte ich den Wunsch, Irland zu verlassen. Ich schloss die Schule und Ende Mai 1991 auf den Druck meiner Eltern hin eine seinerzeit einjährige (es gab ja noch keine PCs) KV-Ausbildung ab. Am 2. Juli 1991 begab ich mich mit 18 Jahren mit Rucksack und Gitarre gemeinsam mit einer Freundin aus Irland auf den Weg in Richtung «Festland Europa»: Per Autostopp reisten wir quer durch Frankreich, nach Holland und nahmen schliesslich den Nachtzug nach Bern.

Hier angekommen, traf ich am ersten Abend am damaligen «Altstadt-Sommer» durch den Kontakt meiner Kollegin auf Gilbert Paeffigen und lernte durch ihn Bänz Oester kennen. Zu dritt traten wir fortan gemeinsam in Konzerten auf und nahmen meine erste CD auf. Während dieser Zeit kam an einem Anlass eine Australierin auf mich zu, mit der ich fortan Strassenmusik machte und dadurch meinen Lebensunterhalt verdiente.

Eines meiner Schlüsselerlebnisse seinerzeit war die Visitenkarte von Philipp Cornu, dem damaligen Chef des Gurten-Festivals, in meinem Gitarrenkoffer: Darauf bat er mich um einen Anruf, und ca. ein Jahr später stand ich für ein Konzert auf der Gurten-Hauptbühne.

«Musik und Kunst sind mein Leben.»
Als junge Frau war ich in der anfänglich oft auch recht einsamen Zeit blauäugig genug, um meine Träume zu leben und mutig genug, weiterzugehen, wenn es nicht geklappt hätte. Die Musik öffnet immer neue Türen. Glücklichen Fügungen und ca. 100 Schutzengeln um mich herum (lacht) verdanke ich, dass alles recht gut verlief. Wie wohl viele andere auch, machte ich die Not zur Tugend: Es hätte viel mehr Mut gebraucht, zurückzugehen, als hier etwas aufzubauen.

Seitdem konnte ich verschiedene Projekte aufbauen und acht Alben in verschiedener Besetzung produzieren – das letzte vor ca. fünf Jahren. Seinerzeit brachte der Tinnitus eine wahnsinnig prägende Wendung in mein Leben: Von jetzt auf gleich musste ich überlegen, wie und was ich weitermachen sollte. Noch heute ist der Tinnitus mein ständiger Begleiter, mit dem ich aber zu leben gelernt habe.

Gemeinsam mit meinem Mann, einem Bassisten und Vollblut-Musiker, und unserer Hündin lebe ich heute glücklich und zufrieden im schönen Bern. Wir haben zwei erwachsene Kinder.

«Singer’s Choice» als Chance, den Menschen das Singen als Erlebnis zu vermitteln
Obwohl das Singen eine wunderschöne Erfahrung sein kann, ist der Gedanke daran für viele beängstigend. Mit meinem Programm «Singer’s Choice» möchte ich Menschen helfen, ihre Stimme zu finden, damit sie erleben und geniessen können, was das Singen für sie tun kann.

Als Autodidaktin gebe ich keine regulären Gesangsstunden und habe die professionellen Tricks und Tipps selbst nie gelernt. Meiner Erfahrung nach ist die Art, wie man singt, häufig ein Spiegel davon, wie man im Leben ist: Viele singen sehr leise und wagen es nicht, lauter zu sein.

Mit null Theorie und 100% Enthusiasmus vermittle ich den Menschen den Zugang zur eigenen Stimme und die Freude am Singen als etwas unglaublich Erfüllendes. Ich gehe auf sie ein und führe sie an Songs und Texte heran, die sie gerade brauchen – all das, was mir persönlich am Singen wichtig ist. Für mich funktioniert das Singen übrigens zu 70 bis 80% über das Gehör. Mein Mann hat bereits mehrfach versucht, mir das Notenlesen beizubringen – ohne Erfolg (lächelt). Das ist so, weil es wohl für mich irgendwie nicht relevant ist und anders besser funktioniert.

Seit März 2023 gibt es das Projekt «Kultur am Bettrand»
Nachdem ich während Corona gemerkt hatte, wie viele Menschen einsam sind, gründete ich 2023 diesen durch Spenden finanzierten Verein. Zusammen mit Künstler:innen vieler unterschiedlicher Bereiche vermitteln wir Kulturerlebnisse für Menschen jeden Alters, denen es aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich ist, die Schönheit und Heilkraft von Kultur an einem Veranstaltungsort zu erleben.

Kostenlos und unkompliziert bringen wir Kultur an den Bettrand, zur gesundheitsbeeinträchtigten Person nach Hause oder in die Gesundheitseinrichtung, wo die Person dann privat im engsten Kreis etwas Besonderes erleben kann. Neugierig geworden? Weitere Informationen findet ihr auf der Website.

«Kleine Dinge wie diese»: Buchlesungen mit musikalischer Untermalung
Aktuell sind wir in den Wintermonaten vor allem mit Lesungen aus dem Buch «Kleine Dinge wie diese» der irischen Autorin Claire Keegan unterwegs. Dabei liest meine Kollegin Sonja Riesen vor, Wolfgang Zwiauer untermalt die Texte mit diversen Sounds und ich singe insgesamt acht Songs mit einem Bezug zum Thema und den jeweiligen Stimmungen.

«Ich habe das grosse Glück, genau das machen zu können, was mir im Leben wichtig ist.»
Viele andere geraten an Wendepunkten in eine Lebenskrise, beispielsweise beim Auszug der eigenen Kinder. Bei mir passierte das pure Gegenteil: Ich hatte immer das Glück, genau das machen zu können, was mir im Leben wichtig war/ist. Nachdem ich jahrelang der Kindererziehung den Vorrang gegeben hatte, spürte ich, sobald sie grösser und selbstständig waren, die Chance, die unglaublich vielen Dinge in Angriff zu nehmen, die im Leben noch auf mich warten.

Aktuell bin ich mit vielen verschiedenen Projekten gleichzeitig beschäftigt und werde aus zeitlichen Gründen bald eine sechsmonatige Pause bei «Singer’s Choice» einlegen, um mich weiter der Vorproduktion meines 2026 erscheinenden neuen Albums zu widmen, meine neuen Songs voraussichtlich schon bald zu finalisieren und gemeinsam mit einer anderen Person meine Autobiografie zu verfassen.

So wie ich lebe, bedingt auch, die eigenen Stärken und Schwächen gut zu kennen und immer wieder zu reflektieren. Mir ist es wichtig, den Menschen das, was ich im bisherigen Leben gelernt und erfahren habe, weiterzugeben.

Was sind deine Pläne und Wünsche für die Zukunft?
Für die Zukunft möchte ich vor allem drei grosse Herzensprojekte weiter vorantreiben:

  1. Die Gründung von «Kultur am Bettrand» jährt sich im März 2026 zum dritten Mal. Unser aller Wunsch ist es, dass sich das Projekt etabliert – vor allem auch, weil alle Beteiligten immer wieder Faszinierendes erleben – und es weiterhin einem breiten Zielpublikum zugänglich zu machen.
  2. Aktuell wohl mein wichtigster Zukunftswunsch: In den nächsten Jahren möchte ich ein Album herauszubringen, das meiner Lebensphilosophie entspricht und die Basis einer wunderbaren Tournee wird.
  3. Meine Autobiografie soll veröffentlicht werden, wenn es sich für mich offen, ehrlich und zeitlich gut anfühlt. Ich denke, sie ist fast fertig, und ich freue mich auf den Zeitpunkt, wenn meine Leser:innen darin stöbern können.

Liebe Shirley, vielen Dank für dieses Interview! Wir wünschen dir alles Gute!

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