Bleibt alles anders und genussvoll gut
Das Hotel Landhaus «by Albert & Frida» am Altenberg heisst jetzt neu «Pêle-Mêle», französisch für Durcheinander. Geblieben sind der Charme und das seelenvolle Interieur des Hauses.
Wahrscheinlich liegt es an der Nähe zumWasser, dass wir bei jedem Aarespaziergang sehr rasch Durst bekommen. Am Altenberg kommt der Fluss demNordquartier besonders nahe. Und weil das frühere «Albert&Frida» seit September 2025 verheissungsvoll «Pêle-Mêle heisst, kehren wir am Ende eines morgendlichen Bummels nicht nur auf einen wärmenden Kaffee, sondern gleich zum Lunch im Bistro ein. KeineAngst, derart gross ist das Durcheinander auf der Karte nicht, dass die Übersicht verloren ginge. Der Charakter des Angebotes lässt schon beim Lesen ein ebenso kreatives wie wohlschmeckendes Resultat mit Brasserie-Charakter erahnen, noch ehe ein erstes Muster auf demTisch ist.AmMittag gibt es drei wechselnde Menüvorschläge, die mit Suppe oder Salat auch den hungrigen Handwerker neben uns befriedigen. Und selbst wenn der Ritter Nimmersatt vorbeikäme, bliebe alles im Lot. «Wir möchten möglichst Food Waste verhindern. Sollte dir eine Portion nicht ausreichen, kein Ding…Wir bringen dir vonHerzen gerne einen Nachschlag», heisst es im Kleingedruckten des Küchenzettels, der stilvoll in einer Kartonmappe daherkommt, wie wir sie früher zur Aufbewahrung unserer Schülerzeichnungen verwendeten.
«Fätze u Bitze vo geschter u jitze»
Während wir bei einem Glas «Mini Strix» (Chardonnay, HerterWein Winterthur) und einem vollmundigen «Märzen» der Berner Lohnbrauerei die Möglichkeiten studieren, wühlen wir ganz leicht im Gedankensatz der Vergangenheit und erinnernunskurzandas frühereRestaurant «Altenberg» von Bernhard Schwenter im vorderen Teil dieser Liegenschaft – bis 2011 eine Top-Adresse für Berner Gourmets. Das Hotel im Anbau des Hauses mit neun Betten ist seit 2010 inBetriebundaus demLobby-Café entwickelte sich im Lauf der Zeit wieder ein echtes Speiselokal. Währenddas langjährigeBetreiberpaarAngie und Paddy Stadelmann nun an den Hagneck-Kanal weitergezogen und seit Dezember 2025 mit dem «Bistro Hagneck-sur- Mer» am Start ist, ging es am Altenberg mit dem«Pêle-Mêle» bereits im September wieder los. Mit zum Teil schon vertrauten Gesichtern der Belegschaft vonfrüherundneuen, aber aus der Berner Gastro- und Kulturszene bereits bekannten Figuren vor und hinter den Kulissen wie Flo Eichenberger, Bene Jordi, AdelmoLanzi oder Sascha Pauli («Sous-Soul», «Trallala» usw.). Der Name «Pêle- Mêle» umfasst strukturmässig also nicht nur das Angebot. Ohne dass auch nur einen Augenblick lang das Chaos ausbrechenwürde.Nur damit wir uns richtig verstehen.
Durst kennt keine Jahreszeiten
Wir entscheiden uns schliesslich für Cannelloni mit Spinat-Ricotta-Füllung und den Pouletschenkel mit Salzkartoffeln und Sauerkraut und gegendasChili sincarne. Aus der aktuellen Abendkarte erwähnen wir gerne die mit Käse überbackene Zwiebelsuppe oder das Rinds-Tatar als Vorspeise. Und in den Hauptgängen geschmorten Fenchel mit Beurre Blanc oder Ossobuco mit Cremolata. Unaufgeregte, «ehrliche», aber keineswegs trivialeGerichteunter Verwendung von regionalen und nachhaltig erzeugten Produkten. Und weil wir den «Dry January» gerne den Modefans überlassen, empfehlen wir Ihnen von den Rotweinen im Offenausschank das höchst erfreulicheErzeugnis «Tum’intéresses!» des Bio-Weinguts «Le Mas de mon Père» in Arzens in der Nähe von Carcassone. Ein leicht bekömmliches Fruchtspektakel, welches Cabernet Sauvignon, Merlot, Malbec, Grenache und Cinsault vereint und sicher auchmundenwird,wenn der Garten vor dem Haus wieder zu einem längeren Aufenthalt einlädt. Zudem ist der Name auch eine glasklare Ansage an das Gegenüber.
Clowns und Kalorien
Zwei Fehler sollten Sie beim Besuch im «Pêle-Mêle» unbedingt vermeiden. Vergessen Sie erstens nie den Blick in die Glasvitrine mit den frischen Desserts von verschiedenen lokalen Anbietern wie Backbord, Chez Esther, Sicula oder Bakery Bakery. Wir liessenuns für Vermicelles und eine vegane Cremeschnitte begeistern. Undwerfen Siezweitens einen Blick in das «chambre séparée», selbst wenn dort schon jemand sitzen sollte. Studieren Sie kurz die umfangreiche Figurensammlung auf den Wandsimsen inklusive Clown, Schlumpf undKnorrli sowie das auffällige Gemälde über dem Tisch und entziffern Sie die Signatur, die Ihnen ziemlich sicher etwas sagen wird. Sie finden dort übrigens auch eine Auswahl an aktuellen Tageszeitungen. Wir persönlich finden den täglichen News-Wahnsinn einen Tick erträglicher, wenn er sich wegblättern lässt und uns nicht durchsSmartphone anschreit.Aber das ist Geschmacksache. In jedem Fall freuen wir uns auf ein neues, möglichst genussreiches Jahr mit vielen gastronomischen Höhenflügen im Nordquartier. Das «Pêle- Mêle» war ein gelungener Auftakt.
INFOS
Küche: «Plötzlech schmöckts wieder wi deheim»
Service: Freundlich, aufmerksam, unkompliziert
Ambiente: Wohnzimmer-Dépendance
Preise: Preiswert
Adresse: Altenbergstrasse 4, 3013 Bern, Telefon 031 348 03 05, Bistro offen von Dienstag bis Samstag, jeweils 7.00 bis 22.00 Uhr, Hotel durchgehend offen (Self Check-in)
www.pelemele.ch