Haus der Bewegungen

«Wir könnten das Haus mehrfach füllen»

Der Verein «Haus der Bewegungen» möchte das Kirchgemeindehaus Johannes nach der Zusammenlegung der Gemeinden Johannes und Markus übernehmen. Und daraus ein Zuhause schaffen für soziale Bewegungen, die sich für einen gesellschaftlichen Wandel engagieren und sich in kollektiv genutzten Räumen vernetzen können.

Martin Jost
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Hannah Elias und Jürg Liechti erstellten bereits eine Vielzahl an Grundlagen zum Betrieb des Hauses. (Bilder: Martin Jost)

Geteilte Räume auf fünf Stockwerken, geteilte Ressourcen für den Austausch von Wissen, eine Heimat für bisherige Nutzende, vor allem jedoch ein Zuhause für soziale Bewegungen und politische Kollektive, die nebst dem Ende des klimatischen Wandels einen gesellschaftlichen Wandel anstreben. Das Haus der Bewegungen als Triebfeder für Veränderungen zum Wohle des Menschen, so soll nach dem Willen des Vereins die Zukunft im Kirchgemeindehauses Johannes aussehen. Was nicht vollkommen neu ist, sondern viel mehr der Tradition der Kirchgemeinde entspricht. «Das hat bereits vor Jahren begonnen, insbesondere als die Klimastreikbewegung vom Kirchgemeinderat Gastrecht erhielt», sagt Jürg Liechti, bis zu seiner Pensionierung Pfarrer in der Kirchgemeinde Johannes und heute im Vorstand des Vereins, «seit damals hat die Kirche der Klimabewegung ihre benötigten Räume gratis zur Verfügung gestellt, wie auch andere Bewegungen Gastrecht erhielten. » Als bekannt wurde, so der Theologe, dass das Haus verkauft werden soll, entstand bei mehreren Gruppierungen die Überzeugung, dass das Haus ein idealer Ort des Treffens und der Vernetzung sein könnte. Es wurde ein Konzept erstellt, es kam zur Gründung des Vereins und es kam zum Entscheid, das Haus als Betreiber zu übernehmen und idealerweise zu kaufen; seither ist man in Verhandlungen mit der Immobiliengesellschaft der reformierten Kirche.

Stimme für Minderheiten

Für die Koordination der verschiedenen Gruppierungen innerhalb des Vereins ist unter anderen Hannah Elias zuständig. Auf die Frage, ob ein solches Haus überhaupt nötig sei und einem Bedürfnis entspreche, antwortet sie: «Ja, denn wir gehen aus von einer Not, die fast alle politischen Gruppen erleben: Sie haben zu wenig Raum und Aufmerksamkeit, um ihre Thesen und Alternativen zu entwickeln für das, was geändert werden sollte.» Diesen Raum zu schaffen – physisch und sinnbildlich – sei das grundlegende Ziel des Vereins, denn: «Die Entscheidungen einer politischen und wirtschaftlichen Gruppe, die sich über viele Jahre zu einer Elite entwickelt hat, setzen sich als Mehrheit meistens durch, wogegen die Stimmen der Minderheit nicht gehört werden. » Im Haus der Bewegungen sollen jene Stimmen wahrgenommen werden, die an Lösungen und Herangehensweisen arbeiten, die noch nicht in grossen Gesellschaften ausprobiert wurden. Handlungsbedarf sei mehr als genug vorhanden, sagt Jürg Liechti, er sieht die Welt und die Menschheit von multiplen Krisen bedroht: «Es erschreckt uns, wie wenig die Gesellschaft dagegen tut; das zu ändern, ist eine riesige Herausforderung. Auch deshalb wollen wir eine Möglichkeit schaffen, dass sich verschiedenste Gruppen und Bewegungen gemeinsam und am selben Ort der dringenden Fragen annehmen, sich vernetzen und austauschen können.»

Das Grosse im Kleinen leben

Die Energie und der Enthusiasmus dieser Menschen stimmen Jürg Liechti sehr zuversichtlich, dass aus dem geplanten Projekt mit seiner einzigartigen Ausrichtung ein nachhaltiger Aktivismus entsteht. «Das Haus soll mehr sein als eine Hülle oder das Mittel zum Zweck», ergänzt Hannah Elias, «wir wollen das, was wir im Grossen anstreben, gemeinsam im Kleinen leben. » Ihre Überzeugung wird gestützt durch eine Umfrage des Vereins. Von den 60 Gruppen, die geantwortet haben, wollen deren 45 Teil des Projektes werden. «Es zeigt, dass ein grosses Bedürfnis am Haus der Bewegungen vorhanden ist», sagt Hannah Elias dazu, «wir könnten das Haus mehrfach füllen. » Durch das Interesse allein ist weder die Realisierung noch die Finanzierung gegeben, das weiss man beim Verein. Jürg Liechti erwähnt die Machbarkeitsstudie, die aufzeige, dass der Betrag zur Aufrechterhaltung des Betriebes gestemmt werden könne. Anders verhalte es sich, was den Kauf und die nötige Sanierung des Hauses betreffe. Das Architekturbüro, mit dem der Verein zusammenarbeitet, liefert nebst den Plänen für allfällige bauliche Massnahmen auch den Kostenrahmen dafür.

Umsetzung ist realistisch

Die Aussage von Jürg Liechti, dass man sich nicht in einem Luftschloss bewege, wird präzisiert von Hannah Elias, die aufgrund der Ergebnisse aus der Umfrage bereits einen Belegungsplan mit den zu erwartenden Mieteinnahmen erstellt hat. «Daraus haben wir ein Betriebskonzept erarbeitet, das aufzeigt, dass der Betrieb des Hauses bezahlbar wäre; auch dank den finanzstärkeren Gruppen unter den Interessierten. » Um die Finanzierung der allfälligen Renovierungsarbeiten auszuloten, ist der Verein in ständigem Kontakt mit Stiftungen und Einzelpersonen, mit dem Unterstützungskomitee aus dem Quartier oder mit Schlüsselgruppen, die über entsprechende Möglichkeiten verfügen. Das alles sind einerseits bekannte Mechanismen aus der Wirtschaft, auf der anderen Seite sieht das Konzept jedoch vor, dass Gruppen ohne finanzielle Ressourcen keine Miete bezahlen müssen oder nur so viel, wie ihnen möglich ist. «Wir wissen nicht was rauskommt bei unserem Versuch, ein wirtschaftliches System zu leben, das nicht auf Wachstum, sondern auf einem guten Leben ohne Überschwang beruht», sagt Hannah Elias, «daran arbeiten wir, und dafür experimentieren wir; weil wir überzeugt sind, dass vieles ändern muss. Nichts tun ist schlechter.»

Hannah Elias
Hannah Elias engagiert sich für ein gutes Leben ohne Überschwang.
Jürg Liechti
Jürg Liechti wundert sich über die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber akuten Krisen.
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